In Stuttgart verkleben Menschen dieser Tage Smarties und rühren Zuckerguss. Für eine Ausstellung im Stadtpalais bauen sie Stuttgart aus Lebkuchen nach. Ein Besuch bei drei Bautrupps.

Die Oblaten kleben seitenverkehrt. Es ist 15 Uhr, Martin und Hannes sind schon einige Stunden am Bauen, als sie auf ihre erste Krise treffen. Die Lebkuchenplatte, die eine Seitenwand des Cannstatter Klösterle werden soll, ist auf der falschen Seite verziert. Was jetzt? „Egal, das mogeln wir später hin“, beschließt Martin, der Bauingenieur.

Neun Freundinnen und Freunde haben sich an diesem Samstag vor dem ersten Advent in einer Altbauwohnung im Stuttgarter Westen eingefunden, um drei Stuttgarter Sehenswürdigkeiten aus Lebkuchen nachzubauen: Das Klösterle, Stuttgarts vielleicht ältestes Wohnhaus. Den Landtag. Und den Palast der Republik. „Wir hatten Angst, dass wir gar kein Projekt bekommen – und jetzt haben wir gleich drei“, erzählt Corinna Götz, die ihre Freunde vom (inoffiziellen) „Schorle-Club Feuersee“ mobilisiert hat, sich bei der „Winterwunder-Lebkuchenstadt“-Ausstellung des Stadtpalais zu bewerben: 20 Gruppen und Einzelpersonen bauen Stuttgart nach – komplett aus Lebkuchen.

Der „Schorle-Club Feuersee“ beim Lebkuchenhausbau. Foto: Ferdinando Iannone/Lichtgut

Der Stadtplaner Max Stamm ist gerade dabei, für den Palast Lebkuchendreiecke mit flaschengrün eingefärbtem Zuckerguss zu bestreichen – die Patina des Kupferdachs von Stuttgarts bekanntestem Kneipen-Pavillon in der Friedrichstraße ist ziemlich gut getroffen. Währenddessen malen Dyonne und Corinna die Fensterfronten des Landtags in Zuckerguss auf Lebkuchen-Rechtecke. Smarties und Schokolinsen sollen die Lichtkuppeln über dem Plenarsaal darstellen. Die Platten hat das Stadtpalais gestellt, für jedes Exponat gab es außerdem 60 Euro, die die Materialkosten decken sollen. Die haben die Freunde in ungefähr fünf Kilogramm Puderzucker, Schokosplitter, Mandelblättchen, Marshmallows, Gelatineplatten und anderes ungesundes Süßzeug investiert.

Weißweinschorle und selbstgekochtes Mittagessen halten die Laune hoch. Die ist auch nach Stunden des detailverliebten Pfriemelns nach Bauplänen aus dem CAD-Programm noch gut. „Unsere größte Sorge ist, dass unsere Bauwerke den Transport ins Stadtpalais nicht überleben oder die vier Wochen dort nicht durchhalten“, meint Corinna. Vom 7. Dezember bis 11. Januar werden die Lebkuchen-Exponate im Museum am Charlottenplatz ausgestellt. Geht was kaputt, müssen die Bauleute selbst mit Zuckerguss anrücken und reparieren.

Martin und Hannes sind immer noch dabei, Mandelblättchen-Schindeln aufs Dach des Lebkuchen-Klösterle zu kleben und den Natursteinsockel aus Schokosplittern nachzubilden. Das braunrote Fachwerk wird mit Zuckerguss aufgemalt. „Das Klösterle“, sagt der Cannstatter Martin, „ist echt dankbar – das ist ohnehin krumm und schief.“

Schon 2025 fertig: Das süße Stuttgart 21 aus Lebkuchen Ronak Salvi und Lara Urban bauen den Bahnhof Stuttgart 21. Foto: Ferdinando Iannone

Dass Stuttgart 21 ein ewiges Bauprojekt ist, weiß jeder. Doch dass noch vor dem eigentlichen Bahnhof eine Lebkuchen-Version entsteht, hätten vor 15 Jahren, als die Bauarbeiten begannen, wahrscheinlich nur die Wenigsten gewettet. Ronak Salvi (28) und Lara Urban (27) kalkulieren für ihr Lebkuchen-Modell nur acht volle Arbeitstage ein. Davon kann man sich auf der echten Baustelle eine Scheibe abschneiden.

Ronak Salvi ist Projektingenieur für Hochfrequenztechnik und steuert die Planung des Modells mit einem mathematischen Ansatz. Für das Modell wählt er nach einigen Berechnungen den Maßstab 1:350. Da das Team keine offiziellen Baupläne erhielt, war Kreativität gefragt: Nach einem Besuch des Infoturms am Hauptbahnhof führte Ronak eine relative Messung über Google Maps durch. Mit diesen Daten erstellte er ein digitales 3D-Modell, das nun als Basis für das Lebkuchen-Bauwerk dient.

Die größte Herausforderung war die Balance zwischen Komplexität und Machbarkeit: „Die Planung war sehr kompliziert. Wenn wir zu viel vereinfachen, erkennt man den Bahnhof nicht wieder; vereinfachen wir zu wenig, ist es nicht umsetzbar. Die goldene Mitte zu finden, war sehr schwer, aber wir haben im Prozess viel gelernt“, fasst Ronak die Planungsphase zusammen.

Diese Gratwanderung führt dazu, dass das Modell den neuen Bahnhof nicht ganz realitätsgetreu nachbildet. Besonders kompliziert gestaltet sich der Bau der kelchförmigen Stützen, die das Dach tragen sollen. Sie müssen stabiler sein als regulärer Lebkuchen. Mehrere Back-Experimente waren nötig, wobei Laras Mutter das Team mit ihrem Back-Fachwissen und ihrer positiven Art unterstützte. Erst der dritte Versuch lieferte die nötige Stabilität, sodass Ronak und Lara nun mit dem eigentlichen Bauprojekt fortfahren können.

Für die Sozialarbeiterin und angehende Kunsttherapeutin Lara beginnt nun die eigentliche Arbeit: Sie verantwortet den Bau und die detaillierte Dekoration des Modells. Sie plant auch den Bonatzbau, also das historische Empfangsgebäude des alten Bahnhofs, so originalgetreu wie möglich nachzubauen. Am Ende soll sogar ein kleiner Lebkuchen-Zug durch den neuen Bahnhof fahren.

Noa Hallers Teehaus Stuttgart soll bloß nicht „zu kitschig“ werden Noa Haller hat die Kuppel des Teehauses selbst gebacken. Foto: Ferdinando Iannone/Lichtgut

Warum sich Noa Haller für das Teehaus entschieden hat? Weil es für sie ein Ort ist, an dem sie abends gerne zusieht, wie die Sonne über dem Kessel verschwindet. Für ihr Lebkuchenmodell wollte sie jedoch nicht in die klassische Winter-Wonderland-Schublade greifen, „zu kitschig“, sagt die 27-Jährige. Deshalb tauscht sie Zuckerperlen, Gummibärchen und Smarties gegen Anis, Ingwer, Fenchel und roten Pfeffer. Gewürze, die zu Lebkuchen passen, und, wie sie findet, auch zum Teehaus selbst.

Bei ihrem Modell war es Noa besonders wichtig, nicht nur das Gebäude originalgetreu nachzubilden, sondern auch die Umgebung. Ihr Interesse für das Gelände kommt nicht von ungefähr: Sie hat ein Diplom in Urban Design, interessiert sich für Architektur und Platzgestaltung und ist jemand, der Räume immer als Ganzes denkt. „Die Landschaft gehört für mich einfach zum Teehaus dazu“, sagt sie.

Dass Noa erfahren im Backen ist, kam ihr ebenfalls zugute: Die charakteristische Kuppel des Teehauses musste sie selbst backen und formen. In der Planungsphase erhielt sie etwas Unterstützung von ihren Eltern, beide Architekten, die ihr den Grundriss im Maßstab 1:50 ausdruckten. Gebaut hat sie das Modell aber alleine, weil ihr das Tüfteln und Modellieren einfach Spaß macht. Nur vier volle Tage hat sie schließlich für ihr detailverliebtes Teehaus gebraucht.

„Winterwunder-Lebkuchenstadt“ im Stuttgarter Stadtpalais

Vier Wochen ausgestellt
Die Schau „Winterwunder-Lebkuchenstadt“ ist vom 7. Dezember 2025 bis 11. Januar 2026 in der Galerie des Stadtpalais zu sehen. Hier werden die Lebkuchen-Gebäude ausgestellt – neben weiteren Exponaten, die von professionellen Architektinnen und Architekten gebaut wurden.