„Rapunzel – Neu Verföhnt“ war ein riesiger Disney-Hit. Davon inspiriert bringt das Familienstück zur Weihnachtszeit, „Rapunzel – Ein haariges Abenteuer“ von Swaantje Lena Kleff, bis 26. Dezember frischen Schwung in die Grimm-Zöpfe.
Auf der Bühne erkennt man den Wald an Lichtmustern auf dem Boden, die Gefangenen – Rapunzel (Sarah Maria Grünig), ihre imaginäre Freundin Umbra (Isabel Tetzner) und Azubi Ronald (Julius Kuhn) – sind an einen pinken Rundbürstenbaum gefesselt. Doch wie entsteht dieses Bühnenbild? Das AJ fragte Thilo Reuther, den Bühnenbildner.
„Der Turm und die Haare müssen auf jeden Fall eine Rolle spielen. Regisseurin Swaantje hat sich mehr vom Disney-Film inspirieren lassen. Also habe ich überlegt, in eine Kinder-/Disney-/Graphic-Novel-Ästhetik zu gehen.“ Farben wie Rosa, Violett, Braun und Gelb tragen zur Künstlichkeit bei. Selbst die Perückenköpfe in der Fabrik, bei der Probe noch divers, werden in dieses Farbschema eingebettet.
Benita Böhm schneidet den neuen Stoff für das Portal nach.
Ein Portal in Schwarz und Lila rahmt die Bühne ein: „Ich wollte das einrahmen, dass es wie ein Bild ist, auf das ich schaue. Es hat auch damit zu tun, dass hier im Martini-Park unklar ist, wo die Halle endet und die Bühne beginnt.“
Der Rapunzel-Turm im Martini-Park stellte besondere Anforderungen. „Wie mache ich hier einen Turm, der hoch genug ist, dass man Haare runterlassen kann?“, erklärt Reuther. „Deswegen habe ich den Turm quer geteilt.“ Chris Kochs, Werkstattleiter, erklärt an Reuthers Bühnenbild-Modell: „Wir haben nur 4,20 Meter Höhe, auf die man bauen darf. Das ist bei einem Rapunzelturm ein bisschen lächerlich. Also haben wir eine Zinne so ausgeschnitten, damit man ein bisschen Höhe bekommen kann.“ Solche Herausforderungen stören den studierten Innenarchitekten, der über ein Praxissemester als Bühnenbildassistent überhaupt zum Theater kam, nicht: Es reizt ihn, „dass man immer neue Probleme hat, die man irgendwie auf eine kreative Art und Weise lösen muss.“
Bühnenbildner Thilo Reuther entwirft die Bühne und erstellt, statt mit Vorzeichnungen zu arbeiten, gleich das Modell im Maßstab 1:33.
Tranzportabel muss es sein
Neu an der Story in Augsburg ist laut Bühnenbildner Reuther, dass Rapunzels „Mutter“ das Haar kapitalistisch ausbeutet: „Meine Aufgabe war, den Herstellungs- und Transportweg des Haares ins Bühnenbild einzubeziehen. Dass die durch den Turm produziert und über seilartige, zopfartige Verflechtungen zur Fabrik transportiert werden“, erklärt er. Auch der Zopf war eine technische Herausforderung: „Die Kostümbildnerin gab Rapunzel diese überlangen, besonders orangen Haare, aber durch die permanente Ausbeutung ist der Zopf dünn, dreadlockartig, geworden. In Augsburg konnte eine Filzwerkstatt hier um die Ecke das Haarmaterial aus Merino-Wolle herstellen. Maskenhaar wäre zu teuer gewesen.“
Das Haarthema zieht sich nicht nur durch die Wortspiele im Stück: Den zweidimensionalen Bürstenbaum, Wunsch der Regisseurin, haben die Plastiker und Maler aus Augsburg gefertigt. „Ich finde die sehr überzeugend gelungen, weil die Idee vorher war, dass wir eigentlich drei Bäume haben, die den Wald repräsentieren, auch in diesem Graphic Novel-Stil gemalt“, sagt Reuther.
Modell vom Theaterstück Rapunzel wird in ein 3D-Modell umgewandelt
Zurück zum großen Ganzen: Besuch bei Selin Sömek, sie wandelt das Reuthersche Modell am PC in ein 3D-Modell um: „Wir beachten Transportmaße, um die Teile in den Martinipark zu befördern. Und Materialien, Sperrholz hat zum Beispiel maximal 2,50 Meter Länge, 1,70 Meter Breite, Stahlrohre sind bis zu 6 Meter lang.“ Sie baut am PC eine Art Dummy der Bühnenbildteile. Bespricht mit ihren Kollegen, wo man sie für den Transport am besten teilen kann. Änderungen aus Proben werden manchmal auch nachträglich eingearbeitet, wenn zum Beispiel die Leiter zum Aufstieg in den Turm doch woanders stehen soll. Dann erstellt sie eine Fertigungszeichnung für die Schlosserei. Die arbeitet nach, das neue Teil geht nochmal in den Malsaal und wird dann eingebaut.
Chris Kochs und Selin Sömek mit dem 3D-Modell der Szenerie.
Auch Chris Kochs arbeitet mit geänderten Vorgaben: „Beim Portal war der Stoff, den wir von der Druckerei bekommen haben, zu lichtdurchlässig, man hätte die Scheinwerfer durchgesehen. Jetzt haben wir das noch mal in einem lichtundurchlässigen Stoff bekommen und genau, das ist jetzt zu.“
In den Werkstätten schneidet Raumausstatterin Benita Böhm den neuen Stoff für das Portal nach, sodass er mit einer magentafarbenen Linie abschließt. Das achtköpfige Team – Polsterer, Tapezierer, Maler, Plastiker, Abteilungsleiter – stellt alles her, was an Stoff auf der Bühne steht, aber nicht getragen wird. Bei Rapunzel haben sie zum Beispiel die Sessel gepolstert. Und wägen immer ab: „kaufe ich etwas, dann ist es natürlich nicht so schön, nicht so authentisch. Oder lasse ich es wirklich die Leute selber machen, aber dann braucht man einfach viel mehr Zeit dafür“, sagt Böhm.
In den Werkstätten: Hier entsteht der dreigeteilte Rapunzelturm nach Plänen.
Was alle eint: Dass sie gern Teil davon sind, wenn ein großes Bühnenbild entsteht. Böhm sagt etwa: „dass alles so insgesamt zusammengreift und man mit seinem kleinen Anteil, der teilweise riesengroß ist, aber teilweise auch nur marginal, man dann dieses große Ding sieht und sagt: ‚Das haben wir jetzt alle gemeinsam geschaffen.‘“ Sömek schätzt die Vielseitigkeit an ihrem Einsatzort. Vorher war sie im Anlagenbau in der Automobilindustrie. „Das sind Sachen, die immer wieder gefertigt werden. Und hier ist es das Besondere, dass es immer nur einen Prototypen gibt.“
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