Ein Blumenstrauß in Eis gehüllt. So könnte er sich ewig halten. Doch das Eis schmilzt, unaufhaltsam, die Schönheit vergeht, der Verfall kommt unabwendbar. Die teils morbid schönen Videoprojektionen laufen im Hintergrund des weißen Bühnenraums (Visuals/ Bühne: Manfred Borsch).
Maura Morales steht anfangs vorne im Bademantel, ihre Stimme kommt vom Band. Nur der Augenblick zählt, ein Augenblick voller Möglichkeiten, wie das ganze Leben, sagt sie. Morales wählt den Augenblick, in dem Tanz und Leben zusammenfließen – und beginnt, mit Sebastian Rowinsky zu tanzen, jetzt ohne Bademantel.
„Ashes“ nennt sich das neue Stück der in Düsseldorf ansässigen Choreografin, das nun im FFT uraufgeführt wurde und anschließend auf Deutschlandtournee geht. Bewegung und Klang bilden wie immer in den Stücken der Kubanerin eine betörende Melange. Mit dem Komponisten Michio Woirgardt bildet sie schon seit Jahren eine künstlerische Einheit, die Cooperativa Maura Morales. Der Gitarrist sitzt mit seinen Instrumenten und Computern mit auf der Bühne und webt ein dichtes Geflecht aus rhythmischen Beats und zarten Gitarrenklängen.
Morales und Rowinsky sitzen zunächst auf zwei weißen Bänken, ihr Bild vervielfacht sich in Schwarz-Weiß wie bei einer Mehrfachbelichtung auf den Hintergrund, wie eine Erinnerung, die allmählich verblasst. Es geht ums Werden und Vergehen und auch ums Altern, etwa wenn beide Tänzer ihr Alter verraten (52 Jahre Morales, 46 Jahre Rowinsky). Zunächst ruckeln sie in ihren Bewegungen, er zieht sie hoch, sie sitzt auf seinem Rücken, sie verschmelzen miteinander am Boden. Das alles wirkt sehr artistisch, etwa wenn er sie auf ihren Füßen hochhebt und sie balanciert, sie sich um ihn herumwickelt, ohne den Boden zu berühren. Die beiden scheinen die Schwerkraft außer Kraft zu setzen, stützen sich aneinander ab, bilden lebende Skulpturen.
Dann legt sie ihn in ein quadratisches Lichtfeld, zieht ihn aus. Im Hintergrund laufen Röntgenaufnahmen des Körpers, dann wieder organisches Material im Eis, das allmählich taut. Die beiden Tänzer entwickeln ein Pas de Deux vor beleuchtetem Hintergrund, erscheinen nur als Scherenschnitte, wenn sie sich erneut ineinander verknoten, Kopfstand machen. Von Angst spricht Rowinsky in einer improvisiert wirkenden Pause, Angst, nicht den ganzen Rollen, die er ausfüllen muss, zu genügen: „Fear eats me alive.“ Die Angst stecke auch in diesem Körper.
Vieles bleibt rätselhaft, etwa die hautfarbenen Gummianzüge, die die beiden anfangs auslegen und später wieder einsammeln. Dann steigt Rauch von Morales’ Kopf auf, etwas verdampft hier, Gedanken, Hitze, Leidenschaft? Der Tanz wirkt wie ein Sich-Beweisen-Wollen, wie ein Kräftemessen – gegen den Verfall.
Info „Ashes“ am 6. Dezember, 20 Uhr, mit anschließendem Publikumsgespräch und 7. Dezember, 18 Uhr, im Forum Freies Theater (FFT), Konrad-Adenauer-Platz (KAP) 1, in Düsseldorf. Karten: 19 Euro. www.fft-duesseldorf.de