Von Marco Partner

Mannheim. „Je härter, desto entspannter bin ich“, sagt Manuela. Die 50-Jährige hatte ihre wilden Rave-Zeiten eigentlich schon hinter sich. In den 1990ern feierte die Pfälzerin auf der Loveparade in Berlin oder im Palazzo in Bingen. Nun geht sie mit ihrer 18-jährigen Tochter steil. Oder besser gesagt: Hard Style. Denn so lautet eines der Subgenres, die beim Toxicator-Festival abgefeiert werden.

Das Techno-Event auf dem Maimarktgelände frönt schon seit 15 Jahren den harten und schnellen Sounds der elektronischen Musik. Wie ein Presslufthammer dringen die Bässe zu einem durch, wie nimmermüde Duracell-Häschen stampfen viele der insgesamt 12.000 Besucher auf der Tanzfläche. Die Fäuste sind geballt, die Arme ruckeln wie bei einer Aufziehpuppe hin und her, als würden sie eine imaginäres Werkzeug, eine Schubkarre oder ein rüttelnde Maschine vor sich hertragen.

Auf die körperliche Anstrengung aber folgt stets die Trance-Ekstase. Wenn plötzliche sphärische Klänge den Raum einnehmen, die harte Musik melodisch wird. Oft mit engelsgleichen Vocals untermalt, oder mit Samples, kurzen Einspielern aus der Kommerz-Kiste: ein „Y.M.C.A.“ von Village People oder „Faded“ von Alan Walker kann kurz ertönen, ehe die Melodien wieder durch den Fleischwolf gedreht werden, sich in peitschende Klangfetzen und verzerrte Bässe verwandeln, die nach Laser und Science-Fiction schmecken.

Von außen mag das erstmal befremdlich wirken. Auch Sarahs Freundinnen stehen nicht unbedingt auf Hardcore. Sie und ihre Mutter aber lieben es, bei der Toxicator fühlen sie sich sofort zuhause, wie in einer geborgenen Welt. „Auch wenn der Sound hart klingt, für mich ist es Erholung und Entspannung pur. Ich kann abschalten, eintauschen, mich bewegen wie ich will und mich so schminken wie ich will“, sagt Sarah, die ihr ganzes Gesicht als Totenkopf bemalt hat.

Überhaupt überwiegt ein Gothic-Look. Schwarze Klamotten, Netzstrümpfe, T-Shirts. Der Dresscode der Szene aber wird aufgelockert: durch neonfarbene Streifen an der Hose, knallgelbe Turnschuhe, ein Knicklicht als Ohrring oder durch leuchtende Hüte. Eigentlich scheint alles erlaubt. Der Hedonismus, der Körperkult ist ein anderer als bei sonstigen Raves: nicht so cool, gestählt und aufgetakelt, eher Freizeitlook mit Trainingsanzug. Manche kommen auch als Nikolaus, mit Ugly Pulli oder gleich als Pokémon. Die Toxicator ist sozusagen das Mekka für Techno-Nerds.

Oliver Vordemvenne vom Koblenzer Veranstalter I-Motion bezeichnet das Genre gerne als „Heavy Metal oder Punkrock des Techno“. Hart und rebellisch, schnell und laut, aber vor allem auch friedlich, wild und alternativ. Es gilt ein Jedermannsrecht, jeder tanzt, wie er will, manche Frauen schmeißen die Beine nach vorne, manche Männer pusten in Luftrüssel-Tröten, während von der Bühne aus wärmende Feuerfontänen speien, es DJane Anime aus Italien mit Beats von bis zu 200 BPM krachen lässt.

„Sie baut immer wieder bekannte Anime-Sounds in ihre Musik ein, überhaupt hat jeder DJ seine Geschichte, seinen eigenen Stil“, erklärt Sarah. Ein Star der Nacht (gefeiert wird von 22 bis 6 Uhr) ist Angerfist aus den Niederlanden Seit über 20 Jahren ein Gesicht des Hardcore, obwohl er sein selbiges hinter einer Maske versteckt. Manche Fans ahmen seinen Look nach, andere Gäste von Pirmasens bis Pforzheim moshen lieber bei den wilden „Russian Village Boys“ oder lassen sich von Dimitri K. förmlich wegblasen, der mit Gabber eine der schnellste aller Musikarten spielt.

Für Manuela und Sarah ist die Fast-Forward-Musik die Flucht nach vorne, ein Ausbruch aus dem Alltag. Die Mutter arbeitet sonst als Altenpflegerin, die Tochter ist Hörakkusterin. „Was wir hier machen, ist also das genaue Gegenteil. Nach so vielen Jahren ist dieses Gefühl wieder da, und bei uns geht das ganz ohne Drogen“, sagt die Mutter, und verschwindet mit der Tochter und deren Freund John wieder auf der Tanzfläche, um sich in ein Duracell-Häschen zu verwandeln. Um zu schwitzen und zu lachen. Die Toxicator ist eben hart, aber auch humorvoll.