Sie schliefen und aßen neben den Produktionsräumen der illegalen Zigarettenfabrik. Dort schufteten sie an verschiedenen Maschinen, jeden Tag, nur unterbrochen von kurzen Pausen – bis Ermittler der Zollfahndung die Lagerhalle in Düsseldorf-Lierenfeld am frühen Morgen des 17. März durchsuchten und die acht Männer aus Weißrussland festnahmen. Nun müssen sie sich vor dem Landgericht verantworten, ihnen werden Steuervergehen im großen Stil vorgeworfen. Zum Auftakt räumten alle Angeklagten ihre Tatbeteiligung ein – und verrieten Details zu den Abläufen in der illegalen Fabrik.

Demnach wurden die Männer zwischen 22 und 44 Jahren im Februar 2025 unter anderem über Telegram und Instagram angeworben. Wie sie übereinstimmend berichteten, sei es dabei aber nicht um illegale Zigarettenproduktion gegangen, sondern um Arbeiten auf dem Bau. Alle acht stammen aus sogenannten geordneten Verhältnissen, viele sind verheiratet und haben Kinder. Ein Kfz-Mechaniker ist dabei, ein Elektriker, ein Ingenieur, ein Vater und sein Sohn sitzen gemeinsam auf der Anklagebank. Sie alle lockte das Versprechen eines Monatslohns, der den in ihrer Heimat um ein Vielfaches übersteigt. Zwischen 2000 und 5000 Euro seien ihnen versprochen worden, sagten die Männer vor dem Landgericht, je nach Qualifikation.

Kontakt zu Familien war verboten

Manche von ihnen hätten zuvor bereits in legalen Tabakfabriken gearbeitet, die meisten häufig den Job gewechselt. „Es gibt in Weißrussland keine Arbeit“, sagte einer der Verteidiger irgendwann, dann korrigierte er sich auf Bitte seines Mandanten: „Es gibt Arbeit, aber sie wird nicht bezahlt.“ Für das Versprechen von lukrativer Arbeit seien sie nach Warschau gereist, erst dort habe man ihnen gesagt, dass es nach Deutschland gehe, sagte einer von ihnen. In einem Kleinbus seien sie dann nach Düsseldorf gebracht worden, schon am nächsten Morgen habe der Schichtbetrieb begonnen.

Bei der Ankunft habe man realisiert, dass es um etwas Illegales gehe, sagte er zudem, „allein schon wegen der mit Karton vernagelten Fenster“. Aber da sei es zu spät gewesen, ergänzte er noch: Zwei Männer, die die Geschicke vor Ort leiteten und sich ihnen als „Adam“ und „Rafael“ vorgestellt hätten, hätten ihnen die Handys abgenommen. Nicht einmal ihre Familien hätten sie während des dreiwöchigen Arbeitseinsatzes kontaktieren dürfen, sagte ein anderer Angeklagter, der eine zweijährige Tochter hat.

Ermittler gehen insgesamt von rund 53 Millionen Euro Steuerschaden aus

Im Inneren der Fabrikhalle, die mit einem Schild am Tor als Baustoffhandel getarnt war, wartete eine vollständig eingerichtete Produktionsstraße für Zigaretten: zwei Tabaklager, eine Trocknungsmaschine, eine Stopfstraße, ein Stromgenerator, eine Lüftungsanlage, Verpackungsmaterial und ein Lkw für den Transport. Fotos und Videos vom Tag der Razzia, die im Gerichtssaal gezeigt wurden, belegen das, auch die kargen Schlafstätten und Pausenräume sind darauf zu sehen. Vor allem aber: eine professionell anmutende Zigarettenfabrik, errichtet, um an der Steuer vorbei Millionen von Zigaretten in den Handel der Europäischen Union zu bringen.

Denn diese wurden zwar in täuschend echt aussehenden Packungen, vornehmlich Marlboro Red, verpackt – allerdings ohne die nötigen Steuerzeichen und Tabaksteuererklärungen. Hinter der Fabrik sollen vier Männer stecken, die ebenfalls seit der großangelegten Razzia im März in Untersuchungshaft sitzen, darunter auch „Adam“ und „Rafael“. Sie sollen mit dem Verkauf der Zigaretten mehr als zwölf Millionen Euro Gewinn gemacht haben. Ihnen wird ebenfalls in Düsseldorf der Prozess gemacht, einer Gerichtssprecherin zufolge beginnt dieser Mitte Januar vor dem Landgericht.