Die Geschichte der Wuppertalerin Marlies Lintener, Kostenpflichtiger Inhalt die mit 94 Jahren noch jeden Tag in ihrem Kiosk arbeitet, hat vor wenigen Wochen viele Menschen bewegt und eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Sie bekam von Unternehmern aus der Stadt unter anderem einen Treppenlift und eine barrierefreie Dusche eingebaut. Doch ausgerechnet ein Mann, der sich zunächst besonders engagiert zeigte, sorgt nun für erhebliche Verunsicherung: Der 30-Jährige ist verschwunden – mit rund 8000 Euro aus einer Spendenaktion für die Seniorin, die er auf der Online-Plattform GofundMe initiiert hatte.

„Wir erreichen ihn einfach nicht mehr“, sagt Nadine Eretge-Sieling, die Marlies Lintener schon kennt, seit sie selbst ein Kind war, und in direkter Nachbarschaft wohnt. „Ich bin wirklich fassungslos.“ Auch Eretge-Sieling hatte einen Spendenaufruf gestartet und Marlies Lintener einen vierstelligen Betrag überwiesen – für weitere Verbesserungen in ihrer Wohnung, unter anderem braucht die ältere Dame eine neue Heizung.

Der nun verschwundene Spendeninitiator war mehrmals bei Marlies Lintener. „Er hatte sogar Heizungen besorgt, die aber nicht passen und umgetauscht werden sollten“, sagt Eretge-Sieling. Die 50-Jährige will eigentlich nicht glauben, dass der Mann, der so hilfsbereit wirkte, ein Betrüger sein soll. „Aber seine Spendenaktion wurde gelöscht, die Internetseite seiner Firma ist offenbar nur eine Fake-Seite.“ Auch auf Anrufe unserer Redaktion reagiert der Mann nicht. Mails kommen als unzustellbar zurück. Auf dem Klingelschild seiner vermeintlichen Firmenadresse in einer kleinen Straße am Rande Wuppertals steht zwar sein Name, es öffnet aber niemand.

Polizei Wuppertal ermittelt – GofundMe prüft den mutmaßlichen Betrug

Eretge-Sieling hat nun Anzeige beim Polizeipräsidium Wuppertal wegen Unterschlagung erstattet. „Die Ermittlungen dazu laufen“, sagt ein Polizeisprecher. Als Geschädigte gelten zunächst diejenigen, die das Geld gespendet haben.

Die Plattform GofundMe teilt auf Anfrage mit: „Wir prüfen diesen Fall derzeit. Der Kampagnenorganisator wurde aufgefordert, einen Nachweis zu erbringen, dass die Gelder tatsächlich an die Begünstigte übergeben wurden.“ Das Unternehmen habe eine „Null-Toleranz-Politik gegenüber dem Missbrauch unserer Plattform“, wie es heißt. „Wir ergreifen Maßnahmen gegen jegliche Versuche, die Großzügigkeit unserer Community auszunutzen, und kooperieren mit den Strafverfolgungsbehörden, wenn ein Fehlverhalten vermutet wird.“

Nadine Eretge-Sieling hat für Marlies Lintener inzwischen ein Formular ausgefüllt und an GofundMe zurückgeschickt – in der Hoffnung, dass die Seniorin das Geld doch noch bekommt. GofundMe teilt dazu mit: „Wenn ein Organisator von den Begünstigten nicht erreicht werden kann und Bedenken über möglichen Missbrauch entstehen, versucht GoFundMe, die Gelder vom Organisator zurückzufordern.“ Falls das nicht möglich sei, seien die Spenden durch eine sogenannte Begünstigten-Garantie geschützt. Das heißt: Sollten Spenden nicht an den Begünstigten überwiesen werden, springt das Unternehmen ein.

Und was sagt Marlies Lintener zu all dem? „Noch nichts“, sagt ihre Nachbarin Eretge-Sieling. „Es ist so enttäuschend, wir wollten sie nicht aufregen.“ Dass ein Mensch auch nur auf die Idee komme, sich auf Kosten einer 94 Jahre alten Frau zu bereichern, mache sie absolut sprachlos, sagt die 50-Jährige. „Noch haben wir die kleine Hoffnung, dass er sich meldet und sagt: Tut mir leid, es ist alles nur ein Missverständnis, hier ist das Geld.“ Aber je mehr Tage vergehen, desto weniger glauben Eretge-Sieling und die anderen Unterstützer daran.