Als Marion Gentges, die baden-württembergische Justizministerin, jüngst in Stuttgart vor Absolventen des zweiten juristischen Staatsexamens eine Festansprache hielt, benutzte sie ein Wort, das niemand im Saal erwartet hatte. Das Publikum war auf juristische Fachbegriffe eingestellt, garniert mit lateinischen Begriffen. Doch Gentges sprach nicht von „Normunterworfenen“ oder „Rechtsdurchsetzung“, sie sprach von „Empathie“. Wie bitte? Und sie war damit keineswegs alleine. Auch der Vertreter der Rechtsanwaltskammer Karlsruhe, Andreas von Hornung, betonte vor den neuen Volljuristen des Landes , wie wichtig es ist, „sich in andere hineinversetzen zu können“.
Haben wir nicht größere Probleme, als fehlende Empathie?
Ein Empathie-Appell wo man ihn nicht vermutet. Braucht es das an anderer Stelle auch. In der Stadt? In der Politik? Die Antwort lautet: zweimal ja! Weil nämlich das Zuhörenkönnen oder -wollen in einer Sendegesellschaft in den Hintergrund tritt. Und weil Empathie Zeit erfordert, die man angeblich immer weniger hat, und oft das Erste ist, was den Bemühungen um mehr Effizienz zum Opfer fällt. Und weil es Anstrengung kostet, sich mit eigenen Urteilen zurückzuhalten und sich auf andersartige Gedanken einzulassen, geschweige denn, die eigenen, oft fest gefügten Vorstellungen in Frage zu stellen. Überhaupt: haben wir gegenwärtig nicht größere Probleme, als fehlende oder zu wenig ausgeprägte Empathie?
Mag sein, doch ohne Einfühlungsvermögen dürften die Probleme nicht kleiner werden. Das gilt auch für die gegenwärtige (Spar-)Politik. Ohne echte Bereitschaft, sich mit den Argumenten Betroffener auseinanderzusetzen, wird sie keine Akzeptanz finden. Umgekehrt braucht es Bereitschaft, das Gegenüber ernstzunehmen. Es geht ums Gehörtwerden. Ein Begriff, der mit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Winfried Kretschmann in die Politik Einzug gehalten hat und seitdem als Anspruch existiert und fortbestehen sollte. Jenseits von Parteibüchern.
Der Feind der Empathie ist die Ignoranz
Und im Kleinen, Privaten? Gilt dasselbe! Als Aktion Weihnachten macht unsere Zeitung gegenwärtig die schöne Erfahrung, dass viele Menschen aufmerksam und mitfühlend auf die Schilderungen individueller Notlagen von Menschen in Stuttgart und der Region reagieren und unsere Spendenkampagne unterstützen. Die emotionale Bereitschaft ist da, sich in andere hineinzuversetzen und nicht mit einem ignoranten „Alles gut?!“ darüber hinwegzugehen. Das stimmt zuversichtlich. Und das gilt es, sich bewusst zu machen. Nicht nur wenn Weihnachten ist.