Es geht ans Eingemachte. Gerade für Häuser wie das Merlin,die Kultur jenseits von Kommerz machen. Wie erfüllt man einen solchen Anspruch mit weniger Geld?

Hochkultur wäre es in Frankreich und Belgien. In Deutschland ist die Comic-Kunst eine Nische für Menschen mit viel Neugier und speziellem Interesse, neudeutsch gerne Nerds genannt. Seit acht Jahren lädt Steffen Volkmer zu seiner Runde Comics & Bier, seit zwei Jahren sind sie im Merlin zu Hause, doch nun müssen sie umziehen; weil das Merlin sie sich nicht mehr leisten kann.

Was ist Kultur?

Redet man hier von Kultur, dann geht es erst mal um die Schwergewichte. Das Opernhaus muss saniert werden, das Kunstmuseum ebenso, die Schleyerhalle ist marode, ein Konzerthaus wäre auch schön, was ist eigentlich mit der Villa Berg? Da wird nur so mit den Milliarden und Millionen um sich geschmissen, es entsteht der Eindruck, die Kultur sei ein Fass ohne Boden. Da schmeißt man Geld rein und am Ende rülpst es raus: Mehr! Doch was ist eigentlich diese Kultur? Was prägt diese Stadt? Sicherlich auch all diese großen, spektakulären Häuser, die Bildende Kunst, Pop, Ballett, Oper und Theater in all ihren Formen bieten.

Es wird über Comics geplaudert und Bier getrunken Foto: Rebecca Haar

Ganz unten, ganz nah dran, da sind aber die Läden, die man früher mal soziokulturelle Zentren nannte. Entstanden durch dem Willen der Macher, Kunst anders zu verstehen, nahbarer zu sein, anders zu sein. Viele dieser einst in den 70er Jahren und 80er Jahren entstandenen Stätten, in denen diskutiert, geliebt, Musik gemacht, die Revolution herbeifabuliert, auch die RAF nicht nur heimlich unterstützt wurde, sind verschwunden. Weil die Aktiven alt und müde geworden sind, weil der Zeitgeist über sie hinweg ging, die Punks radikaler waren, die Popper ein schöneres Leben versprachen, die Grunger nihilistischer, das Internet die Kommunikation veränderte.

Es muss gespart werden

Ein paar haben überlebt. Die Rosenau, das Laboratorium – und das Merlin. Im durchgentrifizierten und sauteuren Stuttgarter Westen ein Hort dieser aussterbenden Welt, und der Idee, Kunst müsse für alle zugänglich sein, egal wie viel Geld man im Beutel hat. Doch nun haben sie selbst zu wenig Geld im Beutel. Die Stadt muss sparen, die Kunst wird rasiert, die Förderung um sechs Prozent eingedampft. Das heißt, die gut 310 000 Euro Förderung sinkt um 20 000 Euro. Und weil die Förderung vom Land jene der Stadt spiegelt, 50 Prozent beträgt, sind es von dort auch 10 000 Euro weniger. Hinzu kommt noch, dass eigentlich eine Dynamisierung versprochen worden war. Um die steigenden Kosten etwa durch Tarifabschlüsse auszugleichen. So fehlen insgesamt 40 000 Euro im Etat. Nun wirkt das geradezu lächerlich klein im Vergleich zu 1,5 Milliarden für Opernneubau und Sanierung, doch fürs Merlin geht es damit ans Eingemachte.

Levin Goes Lightly im Merlin Foto: Lichtgut

Es muss gespart werden. Am Personal geht das nicht, das agiert ohnehin schon am Rande der Selbstausbeutung. Also werden die Speisen im Café jetzt teurer, die Preise für Tickets teurer, man wirbt um Mitglieder für den Trägerverein und Spenden, putzt wieder selbst, und erhöht die Mietpreise. Besser gesagt, man verlangt jetzt Miete, wo man früher umsonst aufgeschlossen hat. „Das können wir uns leider nicht mehr leisten“, sagt Geschäftsführerin Annette Loers, „und müssen einzelne Formate streichen.“ Dark Monday oder das Impro-Theater müssen leiden, und ebenso Comics & Bier. Steffen Volkmer ist nun für sein Geplauder mit Gästen über Comics bei gleichzeitigem Verzehr von besonderen Bieren wieder auf der Suche nach einer Heimat in Stuttgart. Regelmäßig treten sie im Blauen Haus in Böblingen auf, in Stuttgart waren sie beim Kraft-Paule, im Galao, bei Marko Schacher in dessen Galerie, mal im Literaturhaus und zuletzt zwei Jahre im Merlin. Nun geht es wieder auf die Suche, am Montag ist um 20 Uhr die Abschiedsvorstellung im Merlin mit Gast Nilz Bockelberg.

Es geht um Spaß, nicht um Geld

Da kommen dann schon immer gut 100 Leute, aber Geld verdient ist da keines. „Wir können keine Miete zahlen“, sagt Volkmer, „und ich verstehe das Merlin vollkommen, die Situation ist schwierig, gerade für kleine Formate wie unseres.“ Da verdiene halt keiner was, „aber alle haben Spaß.“ Deshalb hatte Loers die Reihe auch gerne im Haus, und eigentlich sei der eigene Anspruch ja gerade, solche nicht-kommerziellen Formate zu fördern. Aber man könne es sich aus zwei Gründen nicht mehr leisten. Man verdiene ja nicht nur nichts, sondern hat jedes Mal beim Aufschließen 600 Euro Kosten für Ton, Licht, Strom, Reinigung. Und man könne nichts veranstalten, womit Geld verdient werde.

Sie wünschen es sich natürlich anders. Deshalb versucht man die Folgen zu mildern. Man habe nur Reihen gestrichen, die auch andere Auftrittsorte hätten, es gibt Balanced Tickets, das heißt, wenn jemand freiwillig mehr zahlt, kann ein anderer weniger zahlen. Und man darf weiterhin das Café nutzen, ohne essen und trinken zu müssen. Doch der Einschnitt ist ein tiefer, das ist Loers klar. Und er schmerzt. „Bei uns haben viele Künstler ihre ersten Schritte gemacht, konnten sich ausprobieren“, sagt sie. Die Punker von Schmutzki feierten gerade ihr neues Album im Goldmarks, im Merlin hatten sie ihren ersten Auftritt. Als unbekannte Vorband einer unbekannten Band. Gisbert von Knyphausen probierte sich im Merlin aus, ob es jemanden interessiert, was er da singt. Ebenso erging es den Nerven mit einem kleinen ersten Auftritt. Bei freiem Eintritt.

Keine Hemmschwelle. Weder für Künstler noch fürs Publikum. Und wenn beides nicht nachwächst, was wird dann aus der Kultur der Stadt? Abseits von Opernhäusern und Museen.