Von Marco Partner

Mannheim. Das Café Kupfer in der Neckarstadt-West wird von Menschen geführt, die das Gefühl kennen, am Existenzminimum zu leben. Mit Beratung bei einer Tasse Kaffee, sich entwickelnden Freundschaften und gegenseitiger Unterstützung ist es ein offener Treff für Armutsbetroffene. Aber auch nicht in prekären Verhältnissen lebenden Gästen hilft es, Hemmschwellen, Berührungsängste und Vorurteile abzubauen.

Manche Besucher rühren verträumt in ihren Tassen, andere quatschen, und wieder andere Gäste sind gerade mit aufgeklapptem Laptop tief in ein Beratungsgespräch vertieft. Das Mobiliar ist bunt zusammengestellt: Einst ausrangierte Stühle, Tische, eine bequeme Couch und eine Theke füllen den Raum. Ein paar Brettspiele, aber auch PCs und ein Kopierer sorgen für eine Arbeits- und Wohnzimmeratmosphäre. „Wir bieten eine offene Beratung an, ohne Termin, niedrigschwellig“, sagt Verena Mayer.

Seit Februar gibt es das Café Kupfer in der Zeppelinstraße, unweit des Neuen Messplatzes, gegenüber einem sozialen Urban-Gardening-Projekt. „Kupfer, da man als Armutsbetroffene jeden Groschen, jeden Cent dreimal umdrehen muss“, erklärt die Leiterin des sozialen Cafés, das sich über Spenden und ehrenamtliches Engagement finanziert.

Einmal in der Woche gibt es einen Mittagstisch mit „Resteessen“ von Food Sharing oder der Tafel, jeden Mittwoch ein Kaffeekränzchen. Und fast jeden Tag eine Beratung zur Job- und Wohnungssuche, zu Rentenanträgen oder zur Hilfe in Notlagen: „Wir helfen beim Ausfüllen von Anträgen und Verstehen der Unterlagen oder bei der Kommunikation mit Behörden.“

Die Idee für das Café entwickelte sich aus einem anderen Projekt heraus. 2022 wurde der Verein „Ausweg Rhein-Neckar“ gegründet. „Von Menschen, die selbst Armutserfahrungen haben. Die Frage war: Was brauchen Betroffene? Denn Menschen in Notsituationen wissen oft nicht, wo sie sich Hilfe holen können“, berichtet Mayer.

Klar, es gibt Beratungsstellen wie das Jobcenter. „Aber es gibt auch ein institutionelles Misstrauen, manche haben schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht. In der Armutsklasse herrschen zudem andere Regeln, Codes und Konventionen als in der bürgerlichen Klasse.“

Die Gespräche verliefen aus Sicht der Betroffenen oft asymmetrisch, nicht auf Augenhöhe. Sie fühlen sich schlecht gekleidet, kritisch beäugt, was wiederum auf das Selbstbild abfärbt. „Wir wollten einmal einen anderen Zugang schaffen und Barrieren nehmen“, verdeutlicht Mayer.

Man startete mit einer mobilen Beratung, bot einmal die Woche ein ehrenamtliches Angebot im Keller des Alten Volksbads an. „Aber das war dunkel, kalt, nicht barrierefrei“, erzählt ihre Kollegin Pia Maier. So war die Idee für ein eigenes Café geboren, das von den Besuchern mitgestaltet werden soll.

„Armut geht oft auch mit Einsamkeit einher, die Betroffenen können kein Geld ausgeben und unter die Leute gehen“, betont Verena Mayer. Im Café begegnen sich Bürgergeldempfänger, Alleinerziehende, Rentner, Menschen, die trotz Erwerbstätigkeit in Armut leben, Asylbewerber, BAföG-Empfänger und Wohnungslose. Im Café Kupfer können sie einen Arbeitsplatz für Online-Bewerbungen nutzen, sich einfach aufwärmen, die wohlige Atmosphäre und ein Stück Geborgenheit bei einem Stückchen Kuchen genießen.

Doch das Schönste für die Betreiber ist, wenn sich daraus etwas entwickelt, was weit über die Beratung und den kostenlosen Café-Snack hinausgeht. Wenn sich die Besucher etwa beim Regale aufbauen helfen. Nicht nur aus Mannheim kommen inzwischen die Gäste, sondern aus der näheren Region, beispielsweise aus Dossenheim.

Ein Chor hat schon geprobt, eine Band gespielt, es wurden Vorträge über das (Über-)Leben mit Bürgergeld gehalten. Regelmäßig gibt es Veranstaltungen und ein Schwarzes Brett, eine Börse, die von der Suche nach einer Waschmaschine oder Vogelvoliere bis zum angebotenen Japanisch-Kurs reicht.

„Wir sind aber auch offen für Menschen, die Geld haben und in den Austausch gehen wollen“, erklärt Pia Maier. Das Café ist zwar ein sicherer Ort, aber kein versteckter Raum. Mit dem „Kupfer“ möchte man die Mehrheitsgesellschaft sensibilisieren und Klassismus auf den Schirm bringen.

„Durch Stereotype wie ‚faul‘ oder ‚Schmarotzer‘ wird die Armut individualisiert und zementiert, was zu einer internalisierten Diskriminierung führt, also zu einer verinnerlichten eigenen Abwertung. Aber Armut ist oft nicht selbst verschuldet, sie hat strukturelle Ursachen, sie ist auch oft jung und weiblich“, betont Verena Mayer. Gerade der Anstieg der Lebensmittelpreise und Mieten führe viele Besucher ins Café.

Die Betreiber suchen auch den direkten Weg zur Politik. Mit dem Bezirksbeirat führe man Gespräche, um Armutsbetroffene an Sitzungen teilnehmen und ihre Wünsche äußern zu lassen. In Bürgersprechstunden sollen sich die Partien vorstellen. „Um auch das Misstrauen in die Politik schwinden zu lassen, um miteinander und nicht übereinander zu reden“, sagt Pia Maier.

Info: Das Café Kupfer wird unter anderem über die Vector-Stiftung, das Deutsche Hilfswerk und die Eleonore Dräger Stiftung finanziert. Dem Team gehören rund 20 Ehrenamtliche an, zudem gibt es zwei halbe Stellen, einen Minijobber und einen Praktikanten.