Von Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao bis hin zu Tadao Andos Bourse de Commerce in Paris – Weshalb müssen Kunstmuseen immer so spektakulär sein?
Am Kulturforum am Potsdamer Platz wurde kürzlich das Richtfest des „berlin modern“ gefeiert – dem Museum für Kunst des 20. Jahrhunderts, das das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron hier gerade baut. Ob seiner Form wird es schon heute „Scheune“, „Bierzelt“ und „Aldi“ genannt. Sozusagen als Antidote soll es statt der genehmigten 200 mindestens 526,5 Millionen Euro kosten und 2029 ein Jahr später als geplant eröffnen. Die Architekten gewannen den Wettbewerb 2016, kurz bevor sie die Elbphilharmonie eröffneten, sieben Jahre zu spät und mit 866 Euro elfmal so teuer wie angesetzt.
Macht Größenwahnsinn die Atmosphäre kaputt?
Bei der Elbphilharmonie hat sich das gelohnt, der Bau ist innen wie außen ein Gewinn. Doch das „berlin modern“? Erste Eindrücke untermauern den Verdacht: Zwischen zu Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie sowie Hans Scharouns Staatsbibliothek und Philharmonie macht sich die primitivste Bautypologie schlechthin breit, als wäre ihr das ikonische Umfeld egal. Und im Innern? Wozu brauchen Werke des Surrealismus, der Pop Art, Konzeptkunst und Minimal Art, die hier unterkommen sollen, ein riesiges Atrium über drei Stockwerke? Ein Rendering schlägt Marina Abramovićs Starr-Performance aus der MoMA-Schau „The Artist is Presence“ vor, Zuschauer hocken auf einer Tribüne und schauen von einer Galerie herab – und Abramovic schrumpft auf die Größe einer Ameise. Mit der Londoner Tate Modern landeten Herzog & de Meuron im Jahr 2000 einen Coup: Die riesige Turbinenhalle ist beeindruckend. Doch inzwischen arbeiten sich immer uniformer wirkende Installationskünstler daran ab. Dennoch hat sich das Museum als Erlebnisraum längst gegen die Aufgabe durchgesetzt, Kunst und ihren verschiedenen Anforderungen bestmöglich zu dienen. So sehr, dass ich kaum noch gerne hingehe.
Größe hilft der Kunst nur selten, Breitschultrigkeit von Architektur ist innen wie außen schwierig.
Gesine Borcherdt
Ob das beim „berlin modern“ auch der Fall sein wird, wird sich erst zeigen. Doch ich sehe darin das Problem vieler Museen der letzten dreißig Jahre: Immer wieder werden dieselben greisen Architekten beauftragt, der Kunst ihre überwältigende Handschrift aufzudrücken. Herzog & de Meuron, Frank Gehry, Renzo Piano, Jean Nouvel, Tadao Ando – in den meisten ihrer Museen müssen Kunstwerke gegen sie ankämpfen. Nun kann man einwenden, dass Architekten eben visuelle Erfahrungen hervorbringen, das ist ihr Beruf. Doch wenn dieser Ehrgeiz, gepaart mit den neuen Ansprüchen an Nachhaltigkeit, die eigentlichen Bedürfnisse überlagert, kippt das Verhältnis.
Frank Gehry und der „Guggenheim-Effekt“
Wie der Kunstkritiker Hal Foster 2015 in seinem Essay „After the White Cube“ schrieb, erfordern Werke verschiedener Größen, Medien und Epochen ein vielfältiges, sensibles und proportional stimmiges Umfeld, das ihrer jeweiligen Atmosphäre gerecht wird. Ob Großleinwände von Helen Frankenthaler, Installationen von Joseph Beuys, Rutschen von Carsten Höller, Videoinstallationen von Hito Steyerl, kleine Zeichnungen von Unica Zürn: Die Aufgabe eines Museums ist eine Präsentation, die Kunst nicht zur Nebensache erklärt. Doch der Hang zum Museum als Spektakel, losgetreten 1997 mit Frank Gehrys „Guggenheim-Effekt“ in Bilbao, wird dank der neuesten Privatmuseen noch befeuert. Zugleich scheint es, als dächten Museumsarchitekten vor allem an Kunst, die in Mega-Ateliers entsteht – so wie der Schulterschluss von Gehry und Richard Serra, dessen Stahlskulpturen direkt auf den Bilbao-Bau eingingen, es vormachte.
Gebäude, die instagrammable sind
Dabei ist Gehry nur der offensichtlichste Starchitekt, dessen Pirouetten sofort als Bauskulptur erkennbar sind. Versteckt sich seine Fondation Louis Vuitton in Paris noch zwischen Bäumen im Bois de Boulogne (was nicht über das verschachtelte und schon nach elf Jahren angegilbte Innenleben hinwegtäuschen kann), kennt Gehry in Arles kein Pardon. Sein digitalbarocker Turm für die Luma Foundation der Sammlerin Maja Hoffmann ragt weithin sichtbar über die Dächer der historischen Kleinstadt hervor und bietet vor allem Platz für Kunst, die selbst mit Design und Größe spielt. Was immer man hier betrachtet, das Gebäude dominiert. Auch wer sich einmal durch den hysterischen Anbau des Denver Art Museum von Daniel Libeskind bewegt, der Gio Pontis Hauptgebäude völlig ignoriert, oder durch das virtuell anmutende Zickzack von Zaha Hadids Maxxi in Rom, hat hinterher kaum Erinnerungen an die Kunst, dafür aber umso mehr Likes: Solche Museen sind derart instagrammable, dass ihre visuelle Wucht die ausgestellten Werke mühelos übertrifft.