Das Bistum Aachen hat die Namen von 53 mutmaßlichen Missbrauchstätern von seiner Website gelöscht. Vorausgegangen war Kritik aus Rom.
Mit einem bis dahin bundesweit einmaligen Schritt hatte das Bistum Aachen im Oktober 2023 die Namen von 53 mutmaßlichen Missbrauchstätern veröffentlicht. Bischof Helmut Dieser wollte Betroffene ermutigen, sich zu melden und damit weitere Fälle aus dem Dunkelfeld holen.
Wie die Aachener Zeitung berichtete, ist die Liste zwei Jahre später verschwunden: Am 18. November hat das Bistum alle Namen von seiner Website entfernt.
Streit um Namensliste
Nach Angaben des Bistums meldeten sich infolge der Veröffentlichung mehr als 68 Betroffene. Der Schritt wurde damals von Opfer von Opfervertretern und kirchlichen Verbänden überwiegend positiv aufgenommen. Innerkirchlich sorgte er jedoch für massive Kritik – auch unter anderen Bischöfen.
Auslöser für den Kurswechsel war eine Beschwerde eines Angehörigen eines verstorbenen Weihbischofs, dessen Name ebenfalls veröffentlicht worden war. Der Fall landete beim Vatikan.
Unschuldsvermutung auch im Kirchenrecht
In einem Schreiben stellte das zuständige Dikasterium klar, dass die Unschuldsvermutung auch im Kirchenrecht gilt. Strafrechtliche Maßstäbe könnten nicht rückwirkend angewendet werden. Sexueller Missbrauch gilt im Kirchenrecht erst seit 2021 als schweres Verbrechen.
Bischof Dieser räumte später ein, sich von dem Schreiben angesprochen zu fühlen. Juristische Zweifel an der Veröffentlichungspraxis wogen damit schwerer als zunächst angenommen.
Bistum sieht dennoch keinen Fehler
Auf Anfrage des WDR, warum man die Namen entfernt habe, verweist das Bistum Aachen auf eine interne Entscheidung, ohne jedoch konkrete Gründe zu nennen. Die Entscheidung sei allerdings bereits vor dem Schreiben aus Rom getroffen worden.
Man habe damals sorgfältig abgewogen. Nach „zwei Jahren umfangreicher Erfahrungen“ habe man sich nun entschieden, künftig auf öffentliche Namensnennungen in dieser Form zu verzichten. In begründeten Einzelfällen seien solche Schritte aber weiterhin möglich.
Betroffene sollen sich melden
Stattdessen setzt das Bistum laut eigener Aussage auf Präventionsarbeit, Studien, die Begleitung des Betroffenenrats und die Arbeit der Unabhängigen Aufarbeitungskommission. Betroffene werden weiterhin aufgefordert, sich an Beratungsstellen oder kirchliche Ansprechpartner zu wenden. Die Debatte um Transparenz, Persönlichkeitsschutz und Aufarbeitung dürfte damit jedoch nicht beendet sein.
Unsere Quellen:
- Bistum Aachen
- Aachener Zeitung
Sendung: WDR 2 Aachen und die Region, Lokalzeit, 15.12.2025, 17:31 Uhr