Eine Person zieht ein Kind an den Haaren

AUDIO: Zahl gewalttätiger Schüler in SH weiter hoch (1 Min)

Stand: 16.12.2025 06:00 Uhr

Gewalt bleibt an vielen Schulen in SH ein Problem. Das zeigt das jährliche Gewaltmonitoring des Bildungsministeriums. Warum es trotz Rückgang Handlungsbedarf gibt.

von Elena Dominick

780 Fälle von Gewalt haben Schulen im vergangenen Schuljahr gemeldet. Das sind knapp 30 Prozent weniger als im Vorjahr – aber es ist der zweithöchste Wert seit Beginn der Erhebung. Seit sieben Jahren müssen Schulen Gewaltvorfälle in eine landesweite Datenbank eintragen. Nach einem jahrelangen Rückgang stiegen die Zahlen nach Corona deutlich an und erreichten im Vorjahr mit 1.136 Fällen ihren Höchststand. Das Bildungsministerium sieht im Rückgang der Fälle eine positive Tendenz, sieht aber weiterhin Handlungsbedarf. 

Gewalt an Schulen in SH: Besonders Förderzentren betroffen

Die meisten Taten verzeichneten im letzten Schuljahr erstmals die Förderzentren: Sie stehen für rund 42 Prozent aller Fälle. Die meisten Schulen dokumentierten nur vereinzelte Vorfälle, doch zwei Einrichtungen stachen mit 73 bzw. 81 Einträgen deutlich heraus. Welche Schulen das genau sind, nennt der Bericht nicht. An Gemeinschaftsschulen lag der Anteil bei rund 37 Prozent. Deutlich wird auch, dass Gewalt vor allem bei jüngeren Kindern vorkommt – der größte Teil entfällt auf die Klassenstufen 1 bis 4.

Diese Schülergruppe ist besonders betroffen

Zum Opfer wurden in den allermeisten Fällen Mitschüler: 344 Vorfälle richteten sich gegen andere Schülerinnen und Schüler, 181 gegen Lehrkräfte und 119 gegen andere Personen im schulischen Umfeld. 72 Prozent aller Einträge betreffen körperliche Angriffe, etwa ein Fünftel psychische Gewalt. Als häufigster Auslöser wird in knapp der Hälfte der Fälle ein sonderpädagogischer Förderbedarf genannt. Das heißt, die Übergriffe standen im Zusammenhang mit Entwicklungsbeeinträchtigungen der Schüler. Weitere 330 Fälle waren auf psychische Belastungen zurückzuführen.

Druck auf Schüler wächst

Marina Griesbach, stellvertretende Landesvorsitzende der GEW und Lehrerin an einer Schule mit vielen sozial benachteiligten Jugendlichen, findet die Entwicklung wenig überraschend. „Gewalt wächst auf dem Boden sozialer Ungerechtigkeit – und die erleben wir in der gesamten Gesellschaft“, sagt sie. Viele Schülerinnen und Schüler stünden unter zunehmendem Leistungsdruck, während sie gleichzeitig die Folgen des Lehrkräftemangels spürten. Auch der Schulsozialarbeit fehlten Kapazitäten für Prävention und Krisenintervention. Gewalt sei häufig Ausdruck von Überforderung. Zudem beobachtet Griesbach, dass Konflikte schneller eskalieren.

Es wird nicht mehr nur gerangelt. Wenn es knallt, dann knallt es richtig.

Marina Griesbach, GEW

Kritik an der Statistik

Ob die Statistik der Situation an den Schulen tatsächlich gerecht wird, stellen mache in Frage: Schon im Sommer kritisierte die FDP-Landtagsfraktion, die Datenbank gebe die Realität an den Schulen nur unzureichend wieder. Marina Griesbach geht ebenfalls von einer hohen Dunkelziffer aus, denn die Datenbank erfasse nur die Fälle, die einen Ausschluss vom Unterricht zur Folge hatten. Dafür müsse ein Schüler mehrfach durch Fehlverhalten auffallen. Viele Fälle würden so unberücksichtigt bleiben.

GEW will mehr Schulsozialarbeiter

Griesbach sieht das Gewaltmonitoring als Teil einer grundsätzlichen Tendenz, den Schulalltag immer messbarer zu machen. „Daten allein lösen aber keine Probleme“, sagt sie. Sie fordert konkrete Maßnahmen daraus abzuleiten: Die Schulsozialarbeit müsse gestärkt und die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Jugendämtern ausgebaut werden.

Bildungsministerium sieht Handlungsbedarf

Für das Bildungsministerium ist das Gewaltmonitoring dennoch ein wichtiges Instrument. Die Daten sollen aufzeigen, wo Schulen besondere Unterstützung benötigen und Präventionsangebote gezielt verstärkt werden müssen. Über das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen (IQSH) unterstützt das Land Schulen durch Präventionskonzepte, sowie Fortbildungen und Beratungen für Lehrkräfte. Prävention solle demnach nicht als Einzelmaßnahme verstanden werden, sondern ein dauerhafter Bestandteil der Schulentwicklung sein.

Eine Schultafel, darunter ein Schwamm und Kreide.

Schulen sollen unter anderem mit einem aktualisierten Notfallwegweiser zu sicheren, gesunden und starken Orten gemacht werden.

Ein Blick in den Landtag von Schleswig-Holstein während einer Debatte

Bildungsministerin Dorit Stenke müsse viel mehr tun, um Unterrichtsausfall und Gewalt an Schulen zu verhindern.

Dorit Stenke (CDU), Ministerin für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur in Schleswig-Holstein, spricht im Plenarsaal.

Die Opposition hat einige Wünsche an Schleswig-Holsteins neue Bildungsministerin Dorit Stenke formuliert.