Wo Windräder gebaut werden sollen, regt sich häufig Widerstand. Behörden werden mit Stellungnahmen gegen Windradstandorte geflutet. Auf Protestbannern steht „Nein zu Windrädern“ oder „Stoppt diesen Wahnsinn“. Und das baden-württembergische Umweltministerium erklärt, dass der Ausbau im Land bisher unter anderem langsam verlief, weil die gesellschaftliche Akzeptanz fehle. Doch wie entscheiden sich Bürgerinnen und Bürger wirklich, wenn sie über Windkraftprojekte vor Ort abstimmen dürfen?

Um das zu beantworten, hat das SWR Data Lab die Bürgerentscheide zur Windenergie der letzten zehn Jahre ausgewertet. Dieses Wochenende fanden in Eschelbronn (Rhein-Neckar-Kreis) und Bruchsal (Kreis Karlsruhe) die letzten für dieses Jahr statt. Bei ihnen konnten Bürgerinnen und Bürger mitentscheiden: soll die Kommune Flächen für Windräder verpachten? Sollen Windräder im Wald um die Ecke gebaut werden – oder nicht? Die Entscheide dienen damit als Gradmesser für die Zustimmung zu den Windkraftplanungen vor Ort.

2025 mehr Windkraftentscheide als je zuvor

Über kein anderes Thema wurde dieses Jahr bei Bürgerentscheiden häufiger abgestimmt als über den Windkraftausbau. Noch nie gab es so viele Entscheide dazu. Bis Jahresende waren es 16, das sind doppelt so viele wie vergangenes Jahr. In den Jahren davor war Windenergie meist nur bei einzelnen Entscheiden Thema.

Regionalplanung setzt Windkraft auf die Agenda

Edgar Wunder ist Landesvorsitzender beim Verein „Mehr Demokratie“. Seit über 20 Jahren beschäftigt er sich ehrenamtlich mit Bürgerentscheiden. Er warnt davor, von der steigenden Anzahl der Entscheide darauf zu schließen, dass der Widerstand gegen Windkraftanlagen wachse. Auslöser seien eher die vielen Planungen, die derzeit stattfinden.

Die Regionalverbände, die zuständig sind für die Flächenplanung im Land, mussten nach Vorgaben des Landes bis Ende September sogenannte Vorrangflächen für Windräder ausweisen. Projektleitende sollen sich auf diese Flächen konzentrieren. Gehören die Flächen Gemeinden, müssen diese entscheiden, ob sie sie für den Bau der Anlagen verpachten wollen. Genau darüber stimmen Bürger und Bürgerinnen bei den Windkraftentscheiden meist ab. Oft geht es dabei um Windräder im Wald – für viele ein Konflikt zwischen Klima- und Naturschutz.

Die meisten Begehren zielen darauf ab, Windräder zu verhindern 

Seit 2015 gab es 16 Fälle, bei denen der Gemeinderat selbst den Entscheid herbeigeführt hat. Dieses Jahr waren es vier. Manche Gemeinden gaben auf Anfrage an, dass sie wegen der weitreichenden Folgen für die Bürgerinnen und Bürger die Entscheidung nicht allein treffen wollten. In anderen Gemeinden gab es bereits Bürgerinitiativen oder kontroverse Diskussionen um den Ausbau. Dort wollten Gemeinderäte das Verfahren beschleunigen oder eine möglichst breite demokratische Legitimation für die Entscheidung erreichen.

Die meisten Entscheide wurden jedoch von Bürgerinitiativen herbeigeführt, die Projekte verhindern wollten. Das war bei 11 von 16 Entscheiden in diesem Jahr der Fall, seit 2015 waren es 20. Die Initiativen heißen „Gegenwind“ oder „Kein Windrad im Wald“. Sie sprechen sich gegen Windräder im Wald oder in Sichtweite zum Ort aus und sehen den windärmeren Südwesten nicht als geeigneten Standort an.

Viele Initiativen setzen sich auch für den Ausbau der Windenergie ein – beispielsweise die Initiative „Bürger für Windkraft“ in Bad Peterstal-Griesbach (Ortenaukreis). Dort stimmte der Gemeinderat gegen den Ausbau der Windräder auf Gemeindeflächen. Doch die Bürgerinitiative wollte den Ausbau durch einen Entscheid dennoch vorantreiben – mit Erfolg. Für Pro-Windkraft-Initiativen überwiegen der Beitrag zum Klimaschutz und dass die Einnahmen durch die Verpachtung der Gemeinde zugutekommen. Bürgerentscheide mit dem Ziel die Windenergie auszubauen bleiben jedoch Ausnahmen.

Sind Kritiker also in der Überzahl oder setzen sie sich aktiver mittels Bürgerbegehren gegen den Ausbau der Windkraft ein? Auch hier warnt Wunder vor Fehlschlüssen. Es müsse berücksichtigt werden, wie die Entscheidungsfindung im Gemeinderat abläuft: Befürworterinnen und Kritiker der Windenergie setzten sich dort für ihre Interessen ein. Erst wenn ein Beschluss gegen das eigene Interesse gefasst wurde, versuchen die Initiativen diesen durch einen Bürgerentscheid zu korrigieren. Da aktuell in Gemeinderäten häufig für den Ausbau gestimmt wird, aktiviert das vor allem Windkraftgegner.

Ausgang knapp, Akzeptanz eigentlich höher

Wie die Menschen zur Windenergie vor Ort stehen, lässt sich daher vielmehr an den Ergebnissen der Bürgerentscheide erkennen. Von den 15 Entscheiden mit gültigem Ergebnis gingen dieses Jahr 10 für Windenergie aus, also 66 Prozent. Von allen Entscheiden seit 2015 sind es 54 Prozent. Die Mehrheit geht also für den Windkraftausbau aus.

Im Vergleich mit bundesweiten Umfragen zur Akzeptanz der Windenergie fällt die Zustimmung zu den konkreten Projekten damit verhaltener aus. Im Jahr 2024 gaben beispielsweise bei einer deutschlandweiten Befragung etwa 80 Prozent an, die Nutzung von Windenergie im Land für wichtig zu halten.

Wunder überrascht das nicht. Die Zustimmung zur Windkraft vor Ort hänge nicht nur von der generellen Akzeptanz der Windenergie, sondern auch von konkreten Vorhaben ab. Dazu komme das Verfahren: Wurden Bürgerinnen und Bürgern mitgenommen oder von einem Projekt überrumpelt? Von ähnlichen Erfahrungen berichten auch die Regionalverbände auf Anfrage. Zudem sei die Akzeptanz dort höher, wo bereits Windräder stehen oder die Bevölkerung oder Kommune finanziell von den Anlagen profitiert.

Laut Umweltministerium spielen außerdem die Sichtbarkeit der Anlagen, der Lärmschutz oder Naturschutz eine entscheidende Rolle. Dazu kämen Fehlinformationen, die verbreitet werden und die Stimmung anheizten, so das Ministerium.

Bürgerentscheide verhindern Bau von 70 Windrädern

Durch die 17 Entscheide, die seit 2015 gegen Windkraft ausgingen, wurden insgesamt etwa 70 Anlagen auf kommunalen Flächen verhindert. Teilweise können trotzdem noch in den Kommunen auf privaten Flächen Anlagen gebaut werden. Aber bei etwa 450 Windrädern, die in den vergangenen zehn Jahren in Betrieb genommen wurden, sind die verhinderten Räder nicht zu vernachlässigen.

Das Umweltministerium schreibt dazu auf Anfrage: „Jedes Windenergieprojekt, welches nicht realisiert werden kann, ist schlecht für den Klimaschutz in Baden-Württemberg.“ Es verweist jedoch auch auf die aktuelle Dynamik beim Windkraftausbau. Dieses Jahr seien 70 Windräder genehmigt worden, 1.400 Anlagen derzeit in Planung.

Für kommendes Jahr sind bereits fünf Bürgerentscheide zur Windenergie angesetzt. Edgar Wunder geht aber davon aus, dass „die Welle der Windkraftentscheide bereits durch ist“. Ihm seien keine Bürgerbegehren bekannt, die aktuell vorbereitet würden.

Korrektur: In einer früheren Version hieß es „Gehören die (Windvorrang-)Flächen Gemeinden, müssen sie diese für den Bau der Anlagen verpachten. Genau darüber stimmen Bürger und Bürgerinnen bei den Windkraftentscheiden meist ab“. Da es den Gemeinden obliegt, ob diese die Flächen zur Verfügung stellen wollen, haben wir den Satz präzisiert. Vielen Dank für den Hinweis!

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