Kiel. Bereits zum zweiten Mal ist Dr. Arne Zerbst, Präsident der Muthesius Kunsthochschule Kiel, in das Präsidium der Hochschulrektorenkonferenz gewählt worden. Er ist der erste Hochschulpräsident aus Schleswig-Holstein und zugleich der erste einer Kunsthochschule in diesem Amt. Im Interview spricht Zerbst über seine Aufgaben, die derzeitigen Herausforderungen für Hochschulen – und was andere Einrichtungen von der Muthesius lernen können.
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Einfach erklärt: Was ist die Hochschulrektorenkonferenz (HRK)?
Dr. Arne Zerbst: Die Hochschulrektorenkonferenz agiert als größter wissenschaftlicher „Lobbyverband“ in Deutschland. Sie vertritt die Interessen des gesamten Hochschulsystems gegenüber Gesellschaft und Politik. Derzeit gehören 272 staatliche sowie staatlich anerkannte Hochschulen der HRK an – damit repräsentiert die HRK rund 90 Prozent aller Studierenden. Gewissermaßen ist sie die Stimme der Hochschulen, etwa im Bereich Lehre, Forschung, Innovation oder Internationalisierung. Das Präsidium der HRK trifft wichtige Vorentscheidungen und hat direkten Zugang zur Bundespolitik in Berlin.
Was sind denn Ihre Aufgaben als Vizepräsident der HRK?
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Vielleicht vorab: Wir sind insgesamt neun Vizepräsidentinnen und -präsidenten. In den kommenden beiden Jahren verantworte ich das Ressort „Kooperationskultur innerhalb des Hochschulsystems und Belange der künstlerischen Hochschulen“. Dabei geht es um die Frage, wie Hochschulen gemeinsam wirken können – also geschlossen gegenüber der Politik auftreten, statt in interne Konflikte zu verfallen. Ein wichtiges Anliegen ist mir zudem, die Sichtbarkeit und unverzichtbare Rolle der künstlerischen Hochschulen im Hochschulsystem zu stärken. Konkret möchte ich die Rahmenbedingungen für Künstlerische Forschung verbessern, beispielsweise durch die Etablierung eines praxisbasierten Promotionsstudiums im Bereich der Künste. In Hamburg existiert dieses Format bereits, aber eben nicht deutschlandweit.
Können Sie ein Beispiel dafür geben, warum eine gelebte Kooperation zwischen den Hochschulen so wichtig ist?
Kooperation ist grundsätzlich ein zentraler Baustein für die Innovations- und Zukunftsfähigkeit des Hochschulsystems. Nur gemeinsam können wir Synergien nutzen und unsere Wirkung erhöhen. Bleiben wir beim Beispiel der Künstlerischen Forschung: Bislang war der Künstlerischen Forschung oft der Zugang zu Fördermitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) verwehrt, weil die Begutachtungsverfahren nicht auf diese Form der Forschung zugeschnitten sind. Als Präsident der Muthesius hätte ich daran allein wenig ändern können. Aber im Präsidium der HRK konnten wir gemeinsam ein Gespräch mit der DFG führen, um dieses Problem zu adressieren. Solche Schritte lassen sich nur aus dieser Position heraus erreichen.
Vor welchen Herausforderungen stehen Hochschulen derzeit?
Deutschlandweit stehen die Hochschulen fast überall unter finanziellem Druck. Zusätzlich müssen wir unsere Resilienz gegenüber extremistischen politischen Strömungen stärken – insbesondere gegenüber Bestrebungen, die Wissenschaftsfreiheit einzuschränken. Wir Hochschulen müssen gemeinsam als Orte der Offenheit auftreten, als Verteidiger des demokratischen Diskurses und als Gegenkraft zu populistischen Bewegungen.
Wie schätzen Sie die finanzielle Lage der Hochschulen in Schleswig-Holstein ein?
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Die Grundproblematik ist, dass wir in Schleswig-Holstein eine unzureichende Grundfinanzierung haben. Nun kommt ein neuer Verteilungsschlüssel hinzu, der vor allem auf die Anzahl der Studierenden schaut. Mit diesem System werden Institutionen belohnt, die in den vergangenen Jahren um jeden Preis gewachsen sind. Wir als Muthesius konzentrieren uns jedoch auf eine hohe Qualität und wollen gar nicht wachsen.
Ich halte es zudem für fatal, die CAU Kiel durch die neue Verteilung der Hochschulmittel zu schwächen.
Arne Zerbst
Präsident der Muthesius Kunsthochschule
Ich halte es zudem für fatal, die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) durch die neue Verteilung zu schwächen. Als Volluniversität hat sie andere Bedarfe und ist ein verlässlicher Partner für die anderen Hochschulen. Für das Zusammenwirken der Hochschulen gegenüber der Politik ist eine starke Kieler Uni wichtig – denn die Landeshochschulkonferenz ist eben nur so stark wie ihr stärkstes Mitglied.
In Ihrem HRK-Amt erhalten Sie Einblick in die bundesweite Hochschullandschaft. Was können andere Institutionen von der Muthesius lernen?
Was wir besonders gut können, ist der Auswahlprozess für unsere Studiengänge: Bei uns brauchen Studierende eine bestimmte Begabung. Ich finde, auch große Hochschulen sollten sich die Zeit und Ressourcen nehmen, sorgfältig auszuwählen. Das klingt für Studierende zunächst oft abschreckend, bestätigt ihnen jedoch ihr Talent und fördert damit Motivation. Außerdem können wir so Menschen aufnehmen, die kein Abitur haben, aber herausragende künstlerische Fähigkeiten mitbringen.
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Unsere Größe ist ebenfalls ein Vorteil. Wir haben kleine Seminare, kleine Lerngruppen und einen persönlichen Kontakt zu den Professorinnen und Professoren. Das ermöglicht eine individuelle Betreuung und Bildung. Stolz bin ich auch darauf, wie die Muthesius mit Ausstellungen, Vorträgen und Lesungen zu einem Kulturort für die ganze Stadt Kiel geworden ist.
KN