
Frankreich kämpft gegen eine Kokainschwemme: Der Konsum steigt rasant an und Banden werden brutaler. Zuletzt galt der Mord am Bruder eines Politikers als neue Eskalationsstufe – doch einschüchtern lassen will er sich nicht.
Amine Kessaci will nicht schweigen. Denn dann hätten die Mörder seiner beiden Brüder gewonnen. Der eine, Drogendealer, starb 2020 in einer tödlichen Auseinandersetzung rivalisierender Banden. Der andere – ein unbescholtener 20-Jähriger – wurde vor wenigen Wochen aus nächster Nähe erschossen.
Sein kleiner Bruder Mehdi sei gestorben, obwohl er nichts getan habe, so Kessaci. „Seine einzige Schuld war, mein Bruder zu sein. Wenn ich meine Hände anschaue, sehe ich das Blut meines Bruders. Weil die Dealer mich nicht töten konnten, haben sie meinen Bruder ermordet. Einen unschuldigen jungen Mann, der Polizist werden wollte.“
Eine Warnung an Ermittler und Politiker
Die Drogenmafia wollte Amine Kessaci, der aus der Banlieue kommt und als grüner Politiker seit fünf Jahren gegen die Macht der Kartelle dort kämpft, einschüchtern. Davon gehen die Ermittler heute aus. Aber der sogenannte Warn-Mord ist auch eine Botschaft der Bosse an Ermittler und Politiker: Alle, die uns in die Quere kommen, leben gefährlich.
So erschütternd dieser Mord an einem Unbeteiligten ist, so wenig überraschend kommt er, erklärt Frederic Ploquin im ARD-Interview. „Schon vor diesem Mord an Mehdi Kessaci waren wir alarmiert.“ Als freier Journalist und Publizist recherchiert Ploquin seit Jahren zur französischen Drogenmafia und betont, es werde schon länger befürchtet, dass auch Ermittler, Staatsanwälte, Polizisten oder Journalisten getötet werden könnten.
Immer brutaler
Die Banden werden immer brutaler. Das liegt unter anderem an der Kokainschwemme. Die Zahlen sind schwindelerregend. Allein bis September dieses Jahres hat die Polizei 70 Tonnen Kokain beschlagnahmt. Das sind schon jetzt 45 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Geschäft werde immer lukrativer. Es herrsche eine regelrechte Hysterie unter den Banden, sagt Ploquin.
Da der US-Markt gesättigt ist, suchen die Kokain-Produzenten in Kolumbien, Peru oder Bolivien neue Absatzmärkte. Mit fatalen Folgen, so Ploquin. „Die erste Konsequenz ist, dass sich die Droge in ganz Frankreich ausbreitet, und zwar nicht mehr nur in Großstädten wie Marseille, Paris oder Grenoble, sondern in mittelgroßen und kleinen Städten.“
Drogenhändler brauchen Netzwerke vor Ort
Um das Kokain nach Europa schaffen zu können, sind die Drogenhändler auf ein Netzwerk vor Ort in Hafenstädten wie Le Havre oder Dunkerque im Norden Frankreichs angewiesen. „Damit solch ein Einfallstor funktioniert, müssen sie ein ganzes lokales Ökosystem erschaffen“, erklärt Ploquin. Sie spannen die Kleinkriminellen der Stadt ein, spähen korrumpierbare Helfer in den Häfen aus.
Ermittler schätzen, dass den Hafenarbeitern 30.000 bis 100.000 Euro pro Ladung angeboten werden, wenn sie mithelfen, die Droge aus den Frachtcontainern zu holen. Aber auch einfache Fischer in den Küstenorten der Normandie sind vor dem Netz der Dealer nicht sicher. Im Radiosender France Info berichtet einer der Fischer anonym: „Selbst wenn du nur einen kleinen Kahn besitzt, kommen sie zu dir und versuchen, dich rumzukriegen.“
Von großen Frachtschiffen aus werden die mit Peilsendern versehenen Kokainballen weit draußen über Bord geworfen, und die Fischer klauben sie aus dem Wasser. Wer sich einmal hat hinreißen lassen zu diesem Job, ist in Gefahr. „Wenn sie wissen, wo du wohnst, ist es vorbei“, berichtet der Fischer.
Gesetz des Schweigens
2020 wurde ein Hafenmitarbeiter tot auf einem Parkplatz gefunden. Weil er drohte, auszupacken, hatten die Dealer ihn vor den Augen seiner Frau entführt und dann totgeprügelt. In den Häfen herrscht das Gesetz des Schweigens. Selbst die CGT, eine Gewerkschaft, die die Docker vertritt, äußert sich nur widerwillig. Kein Wunder also, dass diejenigen, die dennoch den Mund aufmachen, in höchster Gefahr schweben – so wie Amine Kessaci.
Der Politiker hat kurz vor dessen Besuch in Marseille einen Appell an Präsident Emmanuel Macron gerichtet. „Lasst uns der Sache auf den Grund gehen.“ Es brauche wieder Kontaktbeamte in den Banlieues. „Man könnte auch einen Bürgerkonvent einberufen, um mit den Bewohnern der Viertel einen Plan zum Kampf gegen die Drogen zu schmieden“, so Kessaci.
Macron: „Wir sind dabei, alles aufzurütteln“
Präsident Macron hat bei seinem Besuch in Marseille bekräftigt: „Wir sind gerade dabei, alles aufzurütteln.“ Er werde schon bald in die Länder reisen, in denen sich die Köpfe der Netzwerke befinden, und auf stärkere Zusammenarbeit bestehen.
Journalist Ploquin ist skeptisch: „Solange uns Länder wie Marokko, Algerien oder Saudi-Arabien nicht helfen, werden wir es nicht schaffen, dort Besitztümer zu beschlagnahmen und es wird uns also auch nicht gelingen, die Drogenkartelle zu schwächen.“ Der Politiker Kessaci will dennoch weiterkämpfen. Gerade weil er bereits zwei Brüder an die Drogenkartelle verloren hat, kommt Schweigen für ihn nicht infrage.
