Leipzig. Der Name Bell steht nicht groß auf dem Etikett der Limonade oder taucht nicht prominent auf der Parfümflasche auf. Und doch geht ohne das Leipziger Unternehmen wenig in der Industrie. Die Bell Flavors & Fragrances GmbH aus Leipzig liefert, was Produkte überhaupt ausmacht: den Geschmack des Fruchtgummis oder des Fertiggerichts, den Duft des Shampoos. Ein Hidden Champion, den jeder aus dem Alltag kennt – ohne es zu wissen.​

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Bell ist eines der großen Firmen Leipzigs, denen in diesen Zeiten eine besondere Bedeutung zukommt: Während große Industrieunternehmen Sparprogramme fahren und Stellen streichen, der Chemiekonzern Dow Anlagen schließt, bleibt Bell dem Standort treu. Der Betrieb investiert, schafft Jobs, plant die Zukunft mit einer neuen Produktionsanlage. Über das Abwandern ins Ausland nachdenken? Das kommt für Bell mit gut 340 Beschäftigten nicht infrage. Und zwar aus guten Gründen, wie sich noch herausstellen wird.

Steuert das Reich der Sinne: Holger Wetzler ist Geschäftsführer von Bell Flavors & Fragrances aus Leipzig. Das Unternehmen wächst – und erschließt neue Märkte.Geschmack und Duft aus Leipzig

Holger Wetzler, 51, steuert dieses Reich der Sinne als Geschäftsführer. „Der Anteil von Duft oder Geschmack am Endprodukt liegt oft nur bei 0,5 bis 1 Prozent“, sagt er. Doch dieser winzige Anteil entscheide darüber, ob das Produkt im Einkaufswagen landet oder im Regal verstaubt. „Niemand kauft ein Parfüm, das nicht riecht, oder eine Suppe, die nicht schmeckt – egal wie gesund die Zutatenliste ist.“ Daher sagt er selbstbewusst: „Wir liefern das ‚Tüpfelchen auf dem i‘, das den Kaufentscheid auslöst.“ Geschmack und Duft „Made in Leipzig“.

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Die Leipziger beliefern viele namhafte Kunden. Bell Flavors & Fragrances sorgt für Geschmack etwa in Limonaden, Eiscremes, Bonbons, Fertiggerichten, Keksen und Müsli. Und Bell hat den entscheidenden Anteil daran, dass Duschbäder, Shampoos, Parfüms, Kerzen und Lufterfrischer gut riechen. Nur über Namen darf nicht gesprochen werden – Diskretion sei in der Branche oberstes Gebot, sagt der Geschäftsführer. „Aber ich kann sagen, dass wir sowohl multinationale Konzerne beliefern als auch lokale Unternehmen hier in Sachsen unterstützen.“ Wer einkaufen geht, hat also gute Chancen, einen Geschmack oder Duft der Leipziger zu kaufen.

Produktion, Entwicklung, Logistik – alles in Leipzig

Wetzler empfängt auf dem 200.000 Quadratmeter großen Gelände im Westen der Stadt. „Leipzig-Miltitz ist unser Headquarter und deckt alle klassischen Disziplinen der Industrie ab: Duft, Geschmack und Rohstoffe“, erklärt er. „Das unterscheidet uns von vielen Wettbewerbern, die sich oft nur auf Duft oder Geschmack spezialisieren.“ Die Produktion findet in drei Gebäuden statt, Logistik und Qualitätssicherung sind im 2017 errichteten Logistikkomplex untergebracht. 5000 Tonnen verkaufsfähiger Produkte stellt Bell pro Jahr her.

Während Porsche und BMW hier Schichten streichen, haben wir weder Kurzarbeit noch Entlassungen – im Gegenteil, wir stellen ein.

Holger Wetzler

Geschäftsführer der Bell Flavors & Fragrances GmbH

Im Entwicklungsgebäude tüfteln Flavoristen und Parfümeure an Problemen wie diesen: Wie kriegt man Zucker aus der Limonade, ohne dass sie fade schmeckt? Wie verwandelt man Erbsenprotein in eine leckere echte „Fleischwurst“? Es ist nicht einfach. „Die reine pflanzliche Basis schmeckt oft grausam. Unsere Aufgabe ist es, einen veganen Fleischersatz so zu aromatisieren, dass er wie eine echte Fleischwurst schmeckt. Das funktioniert fast ausschließlich über den Geschmack“, sagt Wetzler.

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Im Labor von Bell Flavors & Fragrances in Leipzig: Duft und Geschmack für Lebensmittel, Kosmetik und Parfüms.TikTok-Trends erfordern hohes Tempo

Heute herrscht in der Branche ein hohes Tempo. Ob man sich an den Hype um die Dubai-Schokolade erinnere, fragt Wetzler. Pistazie, Engelshaar, knusprig, süß – plötzlich wollte die ganze Welt so schmecken. „Wenn wir da nicht binnen vier Wochen eine Lösung parat haben, ist der Zug abgefahren. Früher konnte man sich vielleicht ein Jahr Entwicklungszeit lassen, heute treiben TikTok-Trends die Nachfrage. Wir haben unsere Produktionszeiten massiv optimiert.“

Bei der Dubai-Schokolade lieferte Bell nicht nur Produkte für den Lebensmittelbereich. „Wir haben beispielsweise eine Bodylotion mit Pistazie-, Karamell- und Engelshaar-Noten sowie einen Raumerfrischer entwickelt.“ Das Unternehmen hat Teams, die den Markt genau beobachten, Trends aufspüren und aktiv auf Kunden zugehen.

Bell errichtet neue Produktionshalle

Und dann passiert in Leipzig-Miltitz etwas, das für Industrieunternehmen in diesen Zeiten fast ungewöhnlich ist: Wetzler und sein Team planen die Expansion. In drei Jahren will Bell eine neue Produktionshalle für Riechstoffe bauen. Ein Neubau auf der grünen Wiese. Die neue Anlage wird zu den modernsten Riechstoff-Produktionen in Europa gehören. Das Ziel: die Kapazität langfristig verdreifachen. Die Produkte gehen ein in Parfüm, Körperpflegeprodukte, Reiniger, Waschmittel und Lufterfrischer.

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Das Wachstum soll weitergehen. „Wir sind in den letzten drei Jahren um 18 Prozent gewachsen und haben unseren Ertrag mehr als verdoppelt“, sagt Wetzler. Bell steuert auf die 70 Millionen Euro zu, mittelfristig sollen es deutlich mehr als 100 Millionen werden. Und das alles ohne den heißen Atem nervöser Aktionäre im Nacken. Denn obwohl Bell eine US-amerikanische Mutter hat, agiert die Leipziger GmbH operativ unabhängig. „Wir wachsen gesund und profitabel, ohne den Druck externer Aktionäre“, betont der Firmenchef.

Will mit Bell weiter wachsen: Geschäftsführer Holger WetzlerBell kaufte Areal von der Treuhand

Der 51-Jährige führt ein geschichtsträchtiges Unternehmen. Die Firma „Schimmel & Co“, gegründet 1829, war Weltmarktführer für ätherische Öle. Zu DDR-Zeiten versorgte der Standort als „VEB Chemische Fabrik Miltitz“ das Land mit Geschmack und Duft. In Miltitz entwickelte man etwa das bekannte „Action Deo-Spray“ im Auftrag des VEB Florena – oder die Rezeptur für die Vita Cola. 1993, nach der Wende, kaufte Bell Flavors & Fragrances das Areal von der Treuhand und entwickelt die Fläche weiter.

„Wir fühlen uns der Region und unserer Historie verpflichtet – schließlich haben sich hier einst Firmen angesiedelt, weil es in Miltitz Rosen- und Lavendelfelder gab“, sagt Wetzler. Man trage noch dazu Verantwortung für mehr als 300 Familien.

Expansion nach Indien

Doch auch Wetzler weiß: Ob Energie, Abgaben oder Personalkosten – Deutschland ist ein teurer Standort. „Würden wir die Produktion verlagern, wäre das kurzfristig profitabler“, rechnet er vor. „Aber langfristig würden wir der Region schaden.“ Bell bleibt, aus Überzeugung. „Während Porsche und BMW hier Schichten streichen, haben wir weder Kurzarbeit noch Entlassungen – im Gegenteil, wir stellen ein“, sagt der Chef.

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Bell Flavors & Fragrances investiert weiter – auch international. In Indien hat das Unternehmen Anfang 2023 eine Produktion in Betrieb genommen. Zudem ist Bell in Vietnam, Dubai, Großbritannien und Osteuropa präsent. Unternehmenschef Wetzler denkt noch größer, wie er verrät: „Als nächstes Ziel sehe ich Afrika – dort liegt das Wachstum der kommenden Dekaden.“

LVZ