Stand: 18.12.2025 00:01 Uhr

Das Multitalent Armin Mueller-Stahl kann auf ein außergewöhnliches Leben zwischen Schauspiel, Musik und Malerei zurückblicken. In seinem Haus an der Ostsee arbeitet der 95-Jährige weiter, malt und spielt Geige. Ein Porträt.

von Mechthild Maesker

Die blauen Augen leuchten auch im hohen Alter noch aus dem markanten Gesicht. Der Pinselstrich sitzt, der Kohlestift schwingt. Klavier spielt er weiterhin. Der Geigengriff ist etwas mühsamer geworden für die Finger – aber „gut für die Synapsen“, meint Armin Mueller-Stahl, das Multitalent. „Ich kann nicht sagen, ich fühle mich wie ein 30-Jähriger, aber ich bin noch am Leben“, so beschreibt er sein aktuelles Lebensgefühl. 

Kurz vor seinem 95. Geburtstag haben wir ihn in seinem Haus an der Ostsee getroffen, in dem er mit seiner Frau Gabriele seit 1985 lebt. Früher einen Teil des Jahres, inzwischen fast rund ums Jahr. Mehr als 50 Jahre sind die beiden jetzt verheiratet – und zwar glücklich, wie er sagt.  

Armin Mueller-Stahl: Eine Jahrhundert-Biografie

Es ist eine Biografie, wie es sie heute kaum noch gibt: Armin Mueller-Stahl, als drittes von fünf Kindern am 17. Dezember 1930 im ostpreußischen Tilsit geboren, wächst in Prenzlau auf, studiert nach dem Krieg in West-Berlin, lebt aber im Ostteil der Stadt, und bleibt dort auch nach dem Mauerfall. „Das Theater in der DDR war besser“, sagt einer, dessen Arbeit ihn später in den Westen, quer durch Europa, nach Südafrika und nach Amerika brachte. 

Zu seinem 95. Geburtstag hat sich das Multitalent ein neues Buch gegönnt: „Armin Mueller-Stahl: Selbst in Filmen, Farben und Formen“, so heißt es, und abgebildet sind Ölbilder, in denen er sich selbst dargestellt hat. Auch Fotos gibt es aus verschiedenen Filmen seiner langen Laufbahn – 140 hat er gedreht. 

Cover, Armin Mueller-Stahl, Selbst in Filmen, Farben und Formen

Der 94-jährige Schauspieler schafft mit seinen Gemälden eine eindrucksvolle Verbindung aus Malerei und Film.

Kein Platz auf der Schauspielschule

Es ist eine Filmkarriere, die eng mit den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte verbunden ist. Begonnen hat sie in Berlin, damals in den 1950er-Jahren. Nach seinem Geigenstudium und der Ausbildung zum Musiklehrer will er es mit der Schauspielerei versuchen, obwohl es an der Schauspielschule nicht geklappt hat. 

Mit dieser Berufswahl hat er großen Erfolg: in der DDR zunächst am Berliner Theater, dann unter Fritz Wisten von 1954 an in der Volksbühne. Seit 1956 ist er zusätzlich im Kino und Fernsehen der DDR zu sehen, unter anderem mit Manfred Krug. Er stellt fest, dass er damit erstens gut seine Brötchen verdienen kann und zweitens tatsächlich Talent dafür hat. Heute sagt er: „Ich bin im Schauspiel ein guter Handwerker“.  

„Das unsichtbare Visier“ – eine Rolle zum „Austoben“

Gut 60 Hauptrollen spielt er und gewinnt dafür viele Preise. Seine erfolgreichste Rolle ist die eines Agenten im Stil von James Bond in der Serie „Das unsichtbare Visier“, wo er sich „austoben“ kann: „Ich war einer, der reiten konnte und nicht runterfiel, der schlug und gewann – ich war wirklich ein Held“, erinnert sich der Schauspieler.

„Das unsichtbare Visier“ markiert zugleich das Ende seiner Karriere in der DDR – zu viel sozialistische Ideologie und Politik waren ins Spiel gekommen. Kurz darauf, im Jahr 1976, unterzeichnet er einen offenen Brief gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Und plötzlich gibt es für ihn keine Rollen mehr. Das Multitalent nutzt diese Zeit und schreibt darüber sein erstes Buch mit dem Titel „Verordneter Sonntag“.

Ausreise aus der DDR und Neuanfang im Westen

Nach mehreren Ausreiseanträgen kann die Familie Mueller-Stahl 1980 die DDR verlassen. Mit seiner zweiten Frau, der Ärztin Gabriele Scholz, und seinem 1974 geborenen Sohn Christian geht es zunächst nach West-Berlin. 1984 zieht die Familie nach Schleswig-Holstein weiter. 

Den schauspielerischen Neuanfang im Westen markiert vor allem Fassbinders Film „Lola“ – gedreht in nur 15 Tagen, berichtet Mueller-Stahl. Fassbinder habe ihm viel Freiheit gelassen, sich auszudrücken und die Rolle zu entwickeln – „dafür war ich ihm sehr dankbar“. Viele Rollen folgen, und so wird schließlich auch Hollywood auf ihn aufmerksam. 

„Avalon“, „Night on Earth“, „Shine“: Erfolg in den USA

1989 beginnt das Abenteuer Amerika für die Familie. Im ersten US-Film „Avalon“ spielt er 1990 einen verschrobenen Typen mit scharfem deutschen Akzent im schlechten Englisch. Der Film wurde ein großer Erfolg. Kurz darauf, 1991, folgt eine Rolle als Taxifahrer in Jim Jarmuschs „Night on Earth“. 1997 wird er für seine Rolle in dem Drama „Shine“ als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert. 

In der Neuverfilmung „Die zwölf Geschworenen“ spielt er an der Seite von Jack Lemmon, in „Jakob der Lügner“ mit Robin Williams und in „Illuminati“ ist er als beeindruckender Kardinal und Camerlengo mit Tom Hanks zu sehen. Noch heute schwärmt Mueller-Stahl von den Begegnungen mit diesen Kollegen.

Grimme-Preise für seine Rolle in „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“

Aus seiner neuen Heimat Amerika kommt der Schauspieler immer wieder für Projekte nach Deutschland zurück – etwa nach Lübeck, wo der Fernseh-Dreiteiler „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ gedreht wird. Für seine Rolle als Thomas Mann erhält er 2002 den Grimme-Preis. Einige Jahre später spielt er eine von Thomas Manns berühmtesten Figuren, den Konsul Jean in Heinrich Breloers „Buddenbrooks“. 

Zur Bedeutung des Schauspielens in seinem Leben bilanziert Mueller-Stahl: „Es gab Flugmomente während des Spielens. Das waren Momente, wo Sie merkten, Sie sind stärker als die Kamera, stärker als der Regisseur, stärker als das Drehbuch. Sie sind in dem Moment wirklich die Rolle.“ Von solchen Momenten habe es nicht viele gegeben, aber doch einige. 

„Ich habe schon als Dreijähriger gemalt“

Ob ein Film gut war oder weniger – dazu reicht Mueller-Stahl ein Blick ins Drehbuch. Gerne benutzt er die Skripte zum Malen und Zeichnen, um einen Arbeitstag am Set abzuschließen. Die Bilder drücken seine Emotionen während der Dreharbeiten aus, illustrieren die Szene oder die Schauspielkollegen. „Ich habe schon als Dreijähriger gemalt“, so der Künstler. „Ich komme aus einer Familie, die unentwegt gezeichnet und gemalt hat. Also kam nicht ich zur Kunst – die Kunst kam quasi zu mir.“

Armin Mueller-Stahl sitzt in einem Raum, in dem Gemälde von ihm hängen.

Die Ausstellung „Tag und Nacht auf Erde“ in der Kunsthalle Emden zeigt die ganze künstlerische Vielfalt des Mannes.

Und noch heute geht er jeden Vormittag runter in den Keller, in dem er sein Atelier hat. Das Zeichnen und Malen kommt aus dem Bauch, so beschreibt das Multitalent diesen Teil seines Schaffens. So verarbeitet er auch das, was er abends in den Nachrichten sieht und hört, was ihn beschäftigt in der Welt und ihm auch Sorgen macht. Denn schließlich hat er ein knappes Jahrhundert deutscher Geschichte erlebt, mit 14 Jahren auch das Kriegsende 1945, das wie ein neuer Frühling für ihn war.   

Hoffen auf das Ende des Ukraine-Kriegs

Heute ist wieder Krieg, nahe seiner Geburtsstadt Tilsit, nahe an Europa. „Musik gegen Krieg“, hat der Maler eines seiner Bilder überschrieben. „Ich hoffe von ganzem Herzen, dass ich das noch erlebe, dass dieser Krieg in der Ukraine vorbei ist“, so Mueller-Stahl.  

Am meisten und am schnellsten, sagt das Multitalent, berühre ihn die Musik. Seine wunderbare Geige, eine Guarneri, ist in dem großen Feuer verbrannt, das im Januar 2025 in Los Angeles gewütet und auch das Haus seiner Familie vollständig vernichtet hat. Seine Frau bestehe aber darauf, dass er jeden Tag einmal spiele. Und so liegt auf dem großen grünen Piano, im Geigenkasten, wieder eine Geige.

„Wann der Abpfiff kommt, liegt nicht in unserer Hand“

Armin Mueller-Stahl signiert für NDR Reporterin Mechthild Maesker ein Buch.

Beim Dreh in seinem Haus an der Ostsee signiert Armin Mueller-Stahl einen Bildband für NDR-Reporterin Mechthild Maesker.

So manche seiner Weggefährten, Musiker wie Schauspieler, sind gegangen, von ihnen bleiben nur Erinnerungen. „Viele vermisse ich“, sagt der nun 95-Jährige, der sich selbst am liebsten als Gaukler bezeichnet.  Und wenn er an das eigene Ende denkt? „Wann der Abpfiff kommt, liegt nicht in unserer Hand“, so sieht es der Enkel eines Pfarrers durchaus gelassen. „Da werde ich ein Stück Natur sein, ein Stück Erde. Ich werde froh sein, wenn ein Stiefmütterchen auf mir blüht.“

Aber erst einmal freut er sich auf den Geburtstag mit der Familie, genießt den Alltag an der Ostsee und das Künstlerleben, das etwas ruhiger geworden ist im Alter. Die Musik hat er immer im Herzen, die Schauspielerei lebt als Erinnerung im Kopf, das Malen kommt aus dem Bauch heraus – dafür ist er dankbar, jeden Tag. 

Armin Mueller-Stahl steht im Mantel auf der Straße und blickt in die Kamera.

Schauspieler, Maler, Musiker, Autor – dieser künstlerische Tausendsassa wird in Schwerin mit einem besonderen Preis ausgezeichnet. 

Armin Mueller-Stahl sitzt auf einem Sofa.

Armin Mueller-Stahl erzählt anlässlich seines 95. Geburtstags aus seinem Leben als Schauspieler, Maler und Musiker.