
AUDIO: Birkenstock: Mitarbeitende klagen über Arbeitsbedingungen in Pasewalk (1 Min)
Stand: 18.12.2025 06:37 Uhr
Polnische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Birkenstock-Werk Pasewalk klagen über schwierige Arbeitsbedingungen. In einer NDR-Recherche wird von mangelndem Arbeitsschutz, psychischem Druck und Mobbing berichtet.
Ende November treffen wir 13 Frauen und Männer in Stettin. Sie waren beziehungsweise sind noch im Pasewalker Birkenstock-Werk beschäftigt. Das Unternehmen stellt vor allem Sandalen und Schuhe her. Die Polin Pauline Staron begann Anfang Dezember 2023 als ungelernte Kraft. Sie berichtet uns von Tagen, an denen es ihr stundenlang verboten war, zur Toilette zu gehen. Sie erzählt, dass sie angeschrien und auch körperlich misshandelt worden sei: „Es war eine Nacht im Januar 2025. Ich wurde von Teamleiter Michal S. ins Gesicht geschlagen.“ Nach dem Vorfall sei sie bei ihrem Vorgesetzten gewesen. „Er hat keine Notiz davon gemacht oder sonst etwas unternommen. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll: Man hat es unter den Teppich gekehrt“, erklärt die junge Frau. Paulina Staron ist in psychologischer Behandlung und berichtet, dass sie aufgrund der Erfahrungen bei Birkenstock unter Depressionen leide.
Unternehmen: Unbeabsichtigte Berührung
Die Unternehmenskommunikation von Birkenstock will nicht mit uns reden, teilt uns aber schriftlich mit, dass „ein Zeuge bestätigt, dass es keinen Schlag gab, sondern eine unbeabsichtigte Berührung, als der Teamleiter einen Arbeitsschritt erklären wollte“. Weiter heißt es, „eine zweite Zeugin gibt an, sie habe kurz nach dem Vorfall keine Blessuren festgestellt“. Ewa Adamczyk erinnert sich ganz anders an den Vorfall in jener Januar-Nacht: „Unmittelbar nach dem Vorfall wurde sie in die Gruppe versetzt, in der ich mit meinen Kolleginnen arbeitete“, sagt die ehemalige Birkenstock-Mitarbeiterin gegenüber dem NDR. „Es war eine deutliche Spur auf ihrer Wange zu sehen. Sie war in Tränen aufgelöst und es wurde praktisch nichts unternommen.“ Birkenstock entgegnet, dass aus Sicht des Unternehmens eine arbeitsrechtliche Maßnahme nicht mehr erforderlich gewesen sei, „da sich nach eingehender Prüfung keine Grundlage für die vorgebrachten Vorwürfe ergeben habe“. Der betreffende Teamleiter habe das Unternehmen später aus anderen – davon unabhängigen – Gründen verlassen.
Mitarbeiterin: Musste Zeitpunkt meiner Periode mitteilen
Von Mobbing berichten viele der 13 Frauen und Männer in Stettin. Darunter ist eine Frau, die wir Katarzyna nennen. Sie möchte anonym bleiben. „Ich musste aufschreiben, wann ich auf die Toilette gehe und wie lange ich dortbleibe. Ich musste auch mitteilen, dass ich meine Periode habe und das auch meinen Kolleginnen sagen“, erzählt Katarzyna. In der Folge wendet sie sich an die Geschäftsleitung in Pasewalk und schreibt an den Hauptsitz der Firma in Linz am Rhein. Danach wurde ihr im Personalgespräch mitgeteilt, dass ihr Vertrag nicht verlängert werde, sagt sie. Laut Birkenstock „gibt es keinen Hinweis darauf, dass Mitarbeitende verpflichtet wurden, Angaben zu ihrer Periode zu machen oder Toilettenpausen zu dokumentieren“.
Kritik an Lüftung und Arbeitsschutz
Daria (Name geändert) ist in der maschinellen Produktion von Plastiksandalen in Pasewalk eingesetzt. Sie habe unter den Folgen des Chemikalien-Einsatzes gelitten, sagt sie. „Der Grund war, dass die Maschinen mit einer Flüssigkeit besprüht werden. Nach einigen Wochen Arbeit begann ich, mich unwohl zu fühlen“, sagt Daria. Sie litt ständig unter Halsschmerzen und ging zum Arzt, weil sie das Gefühl hatte, dass etwas in ihrem Hals gewachsen sei. „Der Arzt stellte fest, dass dies durch chemische Dämpfe verursacht wurde“, berichtet sie.
„Reizhusten, Räuspern, Kopfschmerzen“
Daria wendet sich an das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lagus) und reicht im Sommer eine Beschwerde ein – anonym. Darin heißt es: „Das Trennmittel Fibrolit wird täglich mehrfach zur Maschinenreinigung eingesetzt – jedoch ohne Atemschutzmasken, ohne ausreichende Belüftung und ohne jegliche Absaugung.“ Viele Mitarbeitende litten unter anhaltendem Reizhusten, Räuspern, Kopfschmerzen, Schwindel, Benommenheit, ständiger Müdigkeit und allgemeinem Unwohlsein, heißt es in dem Beschwerdeschreiben.
Laut Experten handelt es sich bei Fibrolit um ein Lösungsmittel oder Leichtbenzin, das mit Mineralien versetzt ist. Es sollte nur in gut belüfteten Räumen angewandt werden. Keinesfalls sollte es zu einem langfristigen oder beständig wiederholten Einatmen kommen.
Lagus meldete sich zur Überprüfung an
Auf Anfrage des NDR teilt das Lagus mit, es habe vor Ort eine Kontrolle gegeben, die vorher angekündigt wurde. Hinsichtlich der Beschwerde hätten sich keine Anhaltspunkte gefunden. Der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Roman Adamczyk bestätigt, dass das Lagus vor Ort war. „Das wurde zwei Tage davor angekündigt.“ Von Unternehmensseite sei „wirklich alles für diesen Besuch vorbereitet“ gewesen. „Alles war dann auch einwandfrei“, berichtet Adamczyk. Danach sei aber alles wie zuvor gewesen. Adamczyk schildert beispielsweise, dass man beim Betreten einer Produktionshalle einer „einzigen großen Wolke, einem Gestank“ ausgesetzt sei. „Die Belüftung funktioniert praktisch nicht“, erklärt Adamczyk. „Das Einzige, was es gab, war manchmal ein Luftzug, wenn sich die Tore öffneten und die Gabelstapler herausfuhren“, fügt Daria hinzu.
Keine Anhaltspunkte für Gefährdung laut Birkenstock
„Wir kennen die Beschwerde und sehen keine Anhaltspunkte für eine Gefährdung“, so Birkenstock. Außerdem seien „die Mitarbeitenden durch eine mehrstufige technische Infrastruktur geschützt. Die Lüftungs- und Absauganlagen werden durchgehend standardisiert betrieben“, betont die Unternehmenskommunikation.
Birkenstock verlängert Vertrag von frischgewähltem Betriebsratsvorsitzenden nicht

Das Birkenstock-Werk in Pasewalk.
Roman Adamczyk hat sich für die Gewerkschaft IG Metall im neu gegründeten Betriebsrat engagiert und musste gehen. Nachdem er am 4. Juni zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt wurde, ist sein Arbeitsvertrag trotz mündlicher Zusage nicht verlängert worden. „Mir wurde kein Grund genannt. Bei einem Treffen mit dem Leiter der Personalabteilung und dem Manager wurde festgestellt, dass es sich um eine Entscheidung von oben handelt“, sagt Adamczyk. Auch seine Frau, Ewa Adamczyk, ebenfalls Mitglied der IG Metall, bekommt keine Verlängerung. Birkenstock erklärt, dass die Nichtverlängerung einzelner befristeter Verträge nicht im Zusammenhang mit der Betriebsratswahl stand. Vielmehr entfielen die Arbeitsplätze des Ehepaars aufgrund struktureller Anpassungen dauerhaft. Auch die Weiterbeschäftigung in anderen Bereichen sei nicht möglich gewesen, so Birkenstock weiter.
Gewerkschaft gewährt Rechtsschutz
Das sieht Frank Prenzlau, Bezirkschef der IG Metall Stralsund-Neubrandenburg anders. Mit dem Fall befasst sich jetzt das Arbeitsgericht Neubrandenburg. „Es geht in dem Verfahren einerseits um die Frage, ob es zulässig ist, dass man Betriebsräte einfach so aus dem Unternehmen entfernt, wohl wissend, dass diese Betriebsräte einen befristeten Arbeitsvertrag gehabt haben“, erklärt Prenzlau. Es habe die Zusage im Raum gestanden, dass diese am Ende ihrer Befristung weiter beschäftigt werden sollen. „Diese Zusage wurde nicht eingehalten und deswegen haben wir Rechtsschutz gewährt.“ Birkenstock sieht „keinen Hinweis auf strukturelle Missstände oder systematische Probleme am Standort“ und schreibt weiter, dass „ein nicht unbeträchtlicher Teil der gemeldeten Vorgänge von Personen stammt, deren Verträge nicht verlängert wurden. Solche Konstellationen können emotional geprägt sein.“
Höherer Verdienst als in Polen möglich
Vor allem für Ungelernte aus Polen ist die Arbeit bei Birkenstock attraktiv. In der Produktion verdienen sie monatlich 500 bis 1.000 Euro mehr als im Heimatland. Birkenstock hat die Produktion im September 2023 in Pasewalk aufgenommen. Die Ansiedelung im Industriepark Berlin-Stettin wurde durch das Land mit 11,25 Millionen Euro gefördert. Als Auflage müssen in Pasewalk 400 Arbeitsplätze dauerhaft geschaffen werden, teilte das Schweriner Wirtschaftsministerium auf Anfrage mit. Derzeit sind nach Unternehmensangaben 748 Frauen und Männern dort beschäftigt. Die meisten von ihnen kommen aus Polen.

Das Industriegebiet wird um mehr als 60 Hektar wachsen und dann dreimal so groß werden wie bislang.

Stettin zieht Kulturfans und Investoren an – ein Gewinn für die ganze Grenzregion, auch für Mecklenburg-Vorpommern.

Der Industriepark Berlin-Stettin soll das Prädikat der Landesregierung bekommen. Viele Voraussetzungen sind schon erfüllt.