Da war offenbar Druck auf dem Kessel: Gunnar Volkmann, geboren 1958 in Duisburg, seit 30 Jahren Architekt in Leipzig, hat ein Buch geschrieben. „Taxi nach Leipzig“ heißt es. Es ist eine Streitschrift, ein literarischer Film-Essay, eine Liebeserklärung an Leipzig, ein Endzeit-Epos. Und es musste offenbar.

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

Anders als Walter Richter, der 1970 im allerersten „Tatort“ als Kommissar Trimmel von Hamburg mit dem „Taxi nach Leipzig“ gekommen war, um schnell wieder zurückzukehren, ist Volkmann geblieben. Er hat mit dem Architekturbüro W&V in drei Jahrzehnten das Bild der Stadt Leipzig verändert und baulich geprägt wie wenige andere. Er hat sich verliebt in diese Stadt. „Denn Leipzig kann Demo und Bach, Startup und Elektroauto, Szene und Weltspiele, Party und allerlei mehr … Die Messemetropole ist regelmäßig unter den Top Ten unterschiedlichster Rankings und wurde zeitweise dezent hysterisch überhöht … Gäbe es diese Stadt nicht, man müsste sie erfinden.“

Die Stadt als Spielfeld

Über rund 400 Seiten argumentiert Gunnar Volkmann sich atemlos in Rage. Assoziativ, soziologisch, paradox, städtebaulich, historisch, leidenschaftlich. In fiebriger Geschwindigkeit zeichnet Volkmann nach, wie die Gesellschaft und Leipzig so geworden sind, wie sie sind. Welche Fehler gemacht wurden. Welche Fehler auch er machte, als er noch, mit immerhin leichtem Unbehagen, mitmachte bei der „Gamification des Urbanen, bei der Punkte in Quadratmetern zählen.“

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

Der Leipziger Architekt Gunnar Volkmann mit seinem Buch „Taxi nach Leipzig“.

„Und dennoch: Gerade in dieser Hyperrealität liegt der Keim für eine andere Stadt.“ Ja, für Volkmann ist es keine Frage, dass Leipzig anders ist als das melancholisch verendende Duisburg, aus dem er einst auszog, um mitzuspielen im Spiel der Stadt. Auch anders als Düsseldorf oder Frankfurt am Main. Obschon sich Probleme ähneln: „Historisch gewachsener Einzelhandel ist mittlerweile Mangelware, nachdem die Expansionswelle sich jahrzehntelang über die Stadt ergossen hat. Traditionsgastronomie und individuelle Läden schließen ihre Türen, während die Macht der Systemgastronomie, der Franchise und Discounter die Szene dominieren.“

Die Anker der Innenstadt

Für Leipzig gilt aber auch: „Was die Innenstadt heute rettet, sind die großen Anker der Verwaltung, der Universität, der Museen, der Märkte, der Events etc. Und die Identifikationsorte der Stadt: das Rathaus, die ältesten Kirchen, Oper und Denkmäler, Brunnen und Gaststätten, noch!“

Blick über den Leuschnerplatz zum neuen Rathaus.

Wie lange dieses „Noch“ Geltung haben wird, ob sogar eine Trendumkehr gelingen kann, das wird, führt Volkmann aus, „wesentlich davon abhängen, wie sich die Innenstadtmieten entwickeln und wer sich den Standort überhaupt noch leisten kann.“ Diese Entwicklung ist schwer abschätzbar in Zeiten, in denen immer mehr Boden in die Hände anonymer Jongleure gerät, die als Mieter und Vermieter gleichzeitig irrsinnige Summen verschieben und denen die Entwicklung unserer Innenstädte herzlich gleichgültig ist.

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

Durch die urbane Apokalypse

Keine Frage: Die multiple Krise hat auch Leipzig im Griff. Der Auwald – gefährdet. Das soziale Miteinander – vergiftet. Die Wirtschaft – am Abgrund. Die Träume einer Zeit des Neuanfangs, in der alles träumbar war – begraben. Das Klima – nicht mehr zu retten.

"Wüste in der Stadt" von Christian Rothe.

Oder doch? Wie Volkmann da in halsbrecherischen Mäandern durch die urbane Apokalypse reitet, schwingt immer auch die Hoffnung mit, dass doch noch alles gut ausgeht. Für Leipzig scheint es sich beinahe um eine Gewissheit zu handeln. Denn noch scheint Leipzig sich dem allein „technokratischen Zugriff“ der „Smart City, ihrer Resilienz und unbedingten Effizienz“ zu verweigern. Denn „das eigentliche Substrat der Stadt“ sei ihre konflikthafte Vielstimmigkeit. Für Volkmann ist „Stadt der Versuch, Differenz in Nähe zu übersetzen, ohne sie aufzulösen. Stadtentwicklung müsste daher, radikal gedacht, Symbiosearbeit sein: ein andauerndes Verhandeln zwischen Mensch, Tier, Technik, Atmosphäre, Geschichte und Müll.“

„Schwellenlos, spontan, souverän“

Leipzig ist in den Augen Gunnar Volkmanns – noch – nicht vom Geld beherrscht. „Hier regieren Energie, Improvisation. Eine widerständige Gesprächskultur, gewachsen wie Weinranken auf dem Rückgebäude. Denn was jetzt zählt, ist nicht nur das Wohnen, sondern die Rückeroberung des öffentlichen Raumes – als Ort, der nicht kontrolliert, sondern geteilt wird“. Wie auf der Karl-Liebknecht-Straße, der Sachsenbrücke, der Merseburger Straße, in den Parks: „schwellenlos, spontan, souverän“. Das ist – ebenfalls noch – das Lebensgefühl Leipzigs. Das macht diese Stadt so anziehend für junge Menschen.

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

Blick vom Völkerschlachtdenkmal auf die Innenstadt.

„Gerade Leipzig hat Erfahrung mit Brüchen. Mit Umbrüchen. Mit der Gestaltung des Ungewissen.“ Die Friedliche Revolution in Leipzig war „nicht das Ende, sondern ein Auftakt“. Und: „Das schöpferische Chaos von damals ist heute noch spürbar – zwischen Demos, Initiativen, städtischen Beteiligungsverfahren und stillen Rückzügen. Nicht jeder Protest ist laut. Nicht jede Transformation sichtbar. Doch gerade in der Summe dieser Einzelkämpfe liegt die Zukunft.“ Anders gesagt: „Die Alternative zur Weltrettung ist ein Pragmatismus der kleinen Schritte, nicht der kleinen Lösungen.“

Sie ist nicht leicht zu lesen, diese verliebte Streitschrift eines West-Architekten, der sich selbst als „ossifiziert“ klassifiziert. Aber sie ist so hart an die aktuelle Leipziger Lebenswelt geschnitten, an das Leipziger Lebensgefühl, dass dieses Buch nicht aus der Hand legen kann, wer es einmal begonnen hat.

Gunnar Volkmann: Taxi nach Leipzig. MBooks, 416 Seiten mit 116 Fotos von Christian Rothe, 26 Euro.

Maßgeblich beteiligt daran sind die maximal lapidaren Schwarz-Weiß-Fotos, die der 1986 in Gera geborene Christian Rothe dort in der Stadt machte, wo sie ihren Nerz eher nach innen trägt. Sie führen geschmeidig hin zu Gunnar Volkmanns finaler Einladung: „Learning from Leipzig – das meint nicht nur eine Stadt, sondern eine Haltung.“

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

Info: Gunnar Volkmann: Taxi nach Leipzig. MBooks, 416 Seiten mit 116 Fotos von Christian Rothe, 26 Euro.

LVZ