Jason R.

exklusiv

Stand: 18.12.2025 08:57 Uhr

Die „Letzte Verteidigungswelle“ soll Anschläge auf Migranten geplant und begangen haben. Nun hat der Generalbundesanwalt Anklage gegen acht Beschuldigte erhoben. NDR-Recherchen zeigen, wie sich die Neonazi-Gruppe organisiert hatte.

Von Reiko Pinkert, Hannes Stepputat und Katrin Kampling, NDR

Die „Letzte Verteidigungswelle“ (LVW) war ein Zusammenschluss von jungen Neonazis aus mehreren Bundesländern, viele von ihnen noch minderjährig. Trotz des jungen Alters sollen sie schwere Straftaten begangen haben. Ihre wohl schlimmste Tat: Zwei mutmaßliche Mitglieder der Gruppe sollen im Jahr 2024 ein Kulturhaus in Brandenburg angezündet haben, das fast vollständig niederbrannte. Die Betreiber, die im Haus schliefen, kamen laut Ermittlern nur durch Zufall nicht zu Schaden. Zwei weitere Jugendliche sollen ihnen geholfen haben

Im Mai zerschlug die Bundesanwaltschaft die Gruppe, durchsuchte die Wohnungen mutmaßlicher Mitglieder und nahm einige von ihnen fest. Dabei fanden die Ermittler auch Waffen sowie die Bauanleitung für eine Rohrbombe.

Nun hat der Generalbundesanwalt Anklage gegen acht Beschuldigte erhoben, unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Sechs von ihnen müssen sich auch wegen versuchten Mordes verantworten, darunter die beiden mutmaßlichen Brandstifter aus Brandenburg und ihre Helfer.

Auch einen Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in Thüringen wertet die Bundesanwaltschaft als versuchten Mord. Zwei mutmaßliche LVW-Mitglieder sollen die Scheibe der Unterkunft eingeschlagen und dann versucht haben, mit einer Feuerwerksbatterie hinein zu schießen. Ein Feuer brach aber nicht aus. Ein Dritter soll ihnen geholfen haben.

Gründung in Mecklenburg-Vorpommern

NDR-Recherchen zeigen: Die Gruppe wurde laut Ermittlungen von zwei Beschuldigten im April 2024 in Mecklenburg-Vorpommern gegründet. Die beiden jungen Männer seien die Führungspersonen der mutmaßlichen Terrorgruppe gewesen und auch die Administratoren verschiedener WhatsApp-Chatgruppen.

Sie haben demnach auch bestimmt, wer Mitglied werden konnte und wer nicht. Für die Aufnahme hätte man nachweislich Straftaten begehen müssen, zum Beispiel das Sprühen von Hakenkreuzen oder Brandstiftung. Die Gruppe soll sich nach Erkenntnissen der Ermittler in einem bundesweiten, sogenannten Generalchat sowie in regionalen Chatgruppen für jedes Bundesland organisiert haben.

Mordfantasien und Anschlagsplanungen

In diesen WhatsApp-Gruppen sollen die Chatmitglieder Survival-Trainings sowie ideologische Themen besprochen haben. Außerdem wurden darin wohl Anschläge organisiert. Nach Recherchen des NDR soll insbesondere einer der beiden Führungspersonen aus Mecklenburg-Vorpommern immer wieder zu Gewalttaten und Tötungen von politischen Gegnern und Migranten aufgerufen haben. Auch ihm wird wegen der Brandstiftung in Altdöbern versuchter Mord vorgeworfen.

Laut Ermittlungen hieß es in den Chats, man solle Ausländer terrorisieren, indem man ihre Wohnungen beschädige und anzünde. Jeder, der sich ihnen in den Weg stelle, solle beseitigt werden. Darüber hinaus seien die Mitglieder aufgefordert worden, sich mit Waffen, wie Messern, Schreckschusspistolen, Schlagringen und Böllern zu bewaffnen.

Das Logo der Gruppe bestand den Recherchen zufolge aus dem Totenkopf der Waffen-SS und dem Schriftzug LVW. Allmorgendlich und zum Abschied sei im Chat mit „Heil Hitler“ oder „Sieg Heil“ gegrüßt worden. Auch Hakenkreuze und Adolf-Hitler-Bilder wurden offenbar verschickt.

Ziel: Regierung stürzen

Ziel der Gruppe war es demnach, die Regierung zu stürzen und ein nationalsozialistisches Deutschland zu errichten. Dafür habe man ein Hauptquartier in Mecklenburg-Vorpommern errichten wollen, dazu ein Waffenlager. Geplant war offenbar auch, Mitglieder in anderen Ländern wie Polen, Norwegen und Frankreich zu rekrutieren. Zukünftige Mitgliedsbeiträge wollte man unter anderem für die Beschaffung von Munition und Sprengstoff verwenden.

Laut den Recherchen hat ein ehemaliges Mitglied der LVW bei der Polizei ausgesagt, dass die beiden jungen Männer aus Mecklenburg-Vorpommern die Gruppe gegründet haben, um Bomben zu bauen und Brandanschläge zu begehen.

Auf detaillierte Nachfragen des NDR zu den mutmaßlichen Taten und den Strukturen innerhalb der Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“ antworteten die acht Beschuldigten oder deren Anwälte nicht.

Verbindungen zu anderen rechten Gruppen

Nach Erkenntnissen von Ermittlern, soll die LVW auch mit anderen Neonazi-Gruppen wie der „Deutschen Jugend Voran“ (DJV) sowie „Jung und Stark“ (JS) in Kontakt gestanden haben. Dabei ging es unter anderem um die Beteiligung an Demonstrationen. Die DJV und JS sind zwei neonazistische Jugendgruppen, die vor allem im Sommer 2024 zu zahlreichen Anti-CSD-Kundgebungen mobilisierten. Manche ihrer Anhänger sind vermehrt mit Gewalttaten aufgefallen. 

Das Landeskriminalamt Mecklenburg-Vorpommern (LKA MV) wurde bereits früh auf einzelne mutmaßliche Mitglieder der Gruppe aufmerksam. Wie in einer nichtöffentlichen Sitzung im Schweriner Landtag berichtet wurde, war ein vermehrtes Straftatenaufkommen im Landkreis Nordwestmecklenburg der Hintergrund für die ersten Ermittlungen gegen die Personen. Auch von der Staatsanwaltschaft Gera sind Erkenntnisse eingeflossen.

Diese kleineren Verfahren seien im LKA MV zusammengeführt worden und hätten die Grundlage für weitere Ermittlungen auf Bundesebene gebildet, erklärte Landesinnenminister Christian Pegel (SPD) im Interview mit dem NDR.

Eine Herausforderung für Ermittler sei es, Zusammenhänge zwischen einzelnen, kleineren Taten überhaupt zu entdecken. Hinzu komme die Geheimhaltung der Gruppenmitglieder, die die Ermittler erst überwinden müssten. Dass die Ermittlungsbehörden und der Verfassungsschutz über Minderjährige deutlich weniger Daten speichern dürfen als über erwachsene Verdächtige, sei zwar im Grundsatz richtig, aber eben auch eine Hürde, sagte Pegel.

Die Beschuldigten werden sich vor dem Oberlandesgericht Hamburg verantworten müssen. Wann die Verhandlung beginnt, ist noch unklar.