Die Zwei von der Klangstelle mit der „leichten Muse gegen das Vergessen“

In der Metropolregion kennt man ihn weithin als „Fräulein Baumann“, auf der Fasnachtsbühne als Grand Dame im rosa Kleid. Im Rahmen der Kulturtage Waldhof stand er nun als Chansonnier mit Strohhut und Hosenträger im Waldhofer Franziskussaal auf der Bühne: Dr. Markus Weber, seines Zeichens Apotheker aus Weinheim, präsentierte gemeinsam mit seinem Pianisten Dieter Scheithe, dieses Mal stilvoll am Flügel, in seinem Programm „Die Zwei von der Klangstelle – Mit der leichten Muse gegen das Vergessen“ Lieder aus der Zeit der Weimarer Republik, der 1920er und 1930er Jahre. Doch was auf den ersten Blick leicht, frivol und unbeschwert daherkommt, hat einen dunklen Hintergrund: „Die Chansons spiegeln die glitzernde Oberfläche der damaligen Zeit“, so Weber, dahinter aber lauere die Verfolgung und Ausdünnung einer ganzen Künstlerszene durch die Nazi-Diktatur. Sein Programm sei eine „mahnende Warnung vor den Keimzellen des heutigen Antisemitismus“, sagt Weber: „Wir machen musikalische Stolpersteine.“
Auf dem Programm stehen die leichten, heiteren Lieder der Weimarer Republik, jener Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, die von Ausschweifung und Dekadenz, von unbändigem Lebenshunger und Leichtigkeit, von Frivolität und Sehnsucht und einem sich ändernden Frauenselbstbild geprägt war. „Es war ein Tanz auf dem Pulverfass“, betont Weber, denn unter der heiteren Oberfläche breitete sich Fremdenhass und Nationalsozialismus aus.
Jedes der hier vorgetragenen Lieder stellt Weber in den Kontext der damaligen Zeit und die dahinterliegenden Geschichten gibt den Menschen dadurch wieder einen Namen.
Das Programm schlägt einen musikalischen Bogen von der harmlosen Erotik („Ich hab‘ das Fräulein Helen baden sehn“) bis „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami“ (Lizzi Waldmüller, 1939), von „Die Männer sind alle Verbrecher“ (Lisa Weise, 1913), bis hin zu der Gewissheit: „Es wird einmal ein Wunder geschehn“ der großen Zarah Leander. Die Lieder handeln von Ruth, die gut tut, und zu Hans, der sich beim Tanz so ungeschickt anstellt und zahlreichen weiteren Ohrwürmern einer schillernden Zeit.
Weber stellt insbesondere die Künstlerinnen und Künstler in den Mittelpunkt, die trotz ihrer Popularität in Deutschland von den Machthabern des Dritten Reiches im deutschen Namen grausam gejagt und verfolgt wurden, weil sie anders glaubten, anders liebten oder anderer politischer Meinung waren. Bestenfalls gelang ihnen die rechtzeitige Emigration ins Ausland. So geschehen dem berühmten Operntenor Richard Tauber („Dein ist mein ganzes Herz“, 1928) oder Fritzi Massary („Warum sollte eine Frau kein Verhältnis haben“, 1932), aber einige wurden auch deportiert und im KZ ermordet, so ergangen Robert Gilbert („My Fair Lady“, „Cabaret“ oder „Annie get your Gun“) oder Fritz Löhner-Beda und seiner Familie („ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“). Weber erinnerte zudem mit deren letzten in Deutschland gesungenen Liedern an so große Weltstars wie Marlene Dietrich („Ich hab noch einen Koffer in Berlin“) oder den Comedian Harmonists („Irgendwo auf der Welt gibt es ein kleines bisschen Glück“). Bruno Balz konnte sein Leben nur retten, weil er, nachdem sich Zarah Leander eingemischt hatte, in einer Nacht um sein Leben schrieb und der Welt gleich zwei Hits schenkte wie „Davon geht die Welt nicht unter“ und den Welthit „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“.
Nicht fehlen durfte das verbotene Nazi-Größen verspottende Widerstandsgedicht „Zehn kleine Meckerlein (Nörgler, Kritisierer) Otto Oppenheimers, 1938.
Zum Schluss sang Weber noch „Lilli Marleen“, den Hit, der den Soldaten auf den Schlachtfeldern Europas jeden Abend um 22 Uhr eine kleine Verschnaufpause vergönnte. Damit endet ein großartiger Abend, eine Hommage an eine Goldene Zeit, aber auch eine eindringlich mahnende Warnung vor den Keimzellen des um sich greifenden Rechtsruck und Antisemitismus. Den Abend beendete Weber mit einem Zitat aus dem Jahr 1922 des Großherzogs Max von Baden an Friedrich Ebert: „Passen Sie auf unser Deutschland auf“.
Text und Bilder : Beate Tilg