Der Schriftsteller Tijan Sila im Portrait

AUDIO: Neuer Poetikdozent in Hannover: Tijan Sila (54 Min)

Stand: 19.12.2025 06:00 Uhr

Mit Witz, Mut zur Pointe und eigener Stimme übernimmt Tijan Sila die Poetik-Dozentur 2025/26 in Hannover – ausgezeichnet, autobiografisch und unverwechselbar.

von Alexander Solloch

Tijan Sila wurde 1981 in Sarajevo geboren, kam mit seiner Familie 1994 nach Deutschland, studierte in Heidelberg Anglistik und Germanistik und unterrichtet heute an einer Berufsschule in Kaiserslautern. Das ist sein Brotberuf. In seinem literarischen Leben schreibt Tijan Sila Bücher. „Tierchen unlimited“ war sein autobiografischer Debütroman 2017. Es folgten „Die Fahne der Wünsche“ und sein Buch „Krach“ über eine Jugend in der pfälzischen Provinz und Punkszene. Große Aufmerksamkeit erhielt Tijan Sila mit seinem zweiten autobiografischen Roman „Radio Sarajewo“, 2023, über den bosnischen Bürgerkrieg und seine Flucht. Ein Jahr später, 2024, wurde Sila mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis für seinen Text „Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde“ ausgezeichnet.

Zum Wintersemester 2025/26 hat Tijan Sila nun die Poetik-Dozentur in Hannover übernommen. Damit ist er Poetik-Dozent Nummer vier in Hannover, nach den Schriftstellerinnen Lena Gorelik, Ann Cotton und Nava Ebrahimi. Über das, was Tijan Sila während seiner Dozentur in Hannover vorhat, spricht er in NDR Kultur à la carte mit Alexander Solloch.

Tijan Sila, diesen Namen haben Sie sich selbst gegeben, der ist ein Pseudonym. Wofür steht denn der Name Tijan Sila?

Tijan Sila: Ich kann entweder die romantisierte Version erzählen oder einen Teil der Wahrheit verraten. Mein eigentlicher bürgerlicher Name ist für Deutsche nicht aussprechbar. Auch meine Frau kann ihn nach 20 Jahren Beziehung nicht aussprechen. Und ich mag ihn auch nicht. Ich muss ihn auch ständig buchstabieren.

Ich wollte unbedingt einen Namen haben, den ich nicht buchstabieren muss. Ich dachte, er kann zumindest klangvoll sein, nicht unbedingt auf dem typischen jugoslawischen „itsch“ enden, wie es mein eigentlicher Nachname auch tut, sondern vielleicht auf einem singenden Vokal wie „a“. Ich dachte, Sila ist cool, denn Sila bedeutet höhere Gewalt und Kraft. Wer würde nicht gerne mit Nachnamen Power heißen? Also habe ich das gemacht.

Sie sind der gegenwärtige Inhaber der Poetik-Dozentur Neue Deutsche Literatur. Das ist ein gemeinsames Projekt des Literaturhauses Hannover und des Deutschen Seminars der Leibniz-Universität. Eine Dozentur, die „neue Schreibweisen in einer diversen und postmigrantischen Gesellschaft ausloten soll“. Bisher hatten Lena Gorelik, Ann Cotton und Nava Ebrahimi diese Poetik-Dozentur inne. Wie hingerissen waren Sie, als Sie hörten, Sie seien jetzt der neue Poetik-Dozent von Hannover? Sie sind Lehrer und das Dozieren bestimmt gewöhnt.

Tijan Sila: Tatsächlich ist man als Lehrer das Dozieren eher entwöhnt. Man merkt, wenn man anfängt zu dozieren, schlafen die jungen Menschen ein und verlieren vollkommen das Interesse. Als Schriftsteller hat man eine Aversion gegen das Dozieren, weil gute Literatur doziert nicht. Wir kennen alle den Punkt in irgendeinem Roman, wo uns etwas erklärt, erzählt und eindringlich vermittelt werden soll. Dann denkt man sich, ich kann nicht mehr weiterlesen.

Ich habe mich natürlich dennoch gefreut. Es ist eine große Anerkennung, als Poetik-Dozent auserwählt zu werden. Ich habe zugestimmt und mich kurz darauf gefragt, was ich eigentlich gemacht habe? Was will ich den Leuten erzählen? Das ist die natürliche Reaktion der meisten Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Dann muss man sich erst einmal Gedanken darüber machen, was ist meine Programmatik, worum geht es bei mir.

Diese Programmatik ist nichts, die man sich, bevor man angefangen hat zu schreiben, überlegt hat, oder? Das ergibt sich aus dem Schreiben, oder? Vielleicht durchgrübelt man das auch nicht täglich.

Tijan Sila: Ja, absolut. Ich kenne Leute, die behaupten, dass bei ihnen von Anfang an ein Programm dastand. Das sind Leute, die über bestimmte gesellschaftliche Fragen wie Armut oder Klasse schreiben. Sie sagen, sie seien mit der Absicht angetreten, ein gewisses Bewusstsein für die Klassengesellschaft zu erwecken. Das gibt es schon, aber ich bin kein aktivistischer Schriftsteller.

Bei mir geht es nicht darum, irgendwelche gesellschaftlichen Missstände aufzudecken. Für mich war Kunst und Literatur eine Mischung aus Instinkt und Übung. Ich kann Sachen in meinem ersten Roman entdecken, die schon darauf hindeuten, wo die Reise hingehen würde. Aber im ersten Roman entdecke ich auch ganz viele Sachen, die ich abgestreift habe, wie eine Schlangenhaut. Die sind überhaupt nicht mehr Teil meiner Arbeit. Die hatte ich in meinem ersten Roman zum Beispiel nur drin, weil ich unbedingt cool sein wollte. In „Tierchen Unlimited“, habe ich mich viel zu sehr darum bemüht, cool zu sein. Das kann auch schieflaufen.

Jetzt, nach vier Romanen, der Arbeit am fünften und zwei Kinderbüchern, kann ich sagen, dass sich meine Persönlichkeit als Künstler gefestigt hat. Ich weiß, worum es bei mir geht. Ich habe es viel genauer und viel deutlicher im Bewusstsein, wenn ich schreibe.

Das Gespräch führte Alexander Solloch. Einen Ausschnitt davon lesen Sie hier, das ganze Gespräch können Sie oben auf dieser Seite und in der ARD Audiothek hören.

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Er überzeugte mit einem Text über Trauma und Familie: Schriftsteller Tijan Sila hat den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Die Jury lobte eine gelungene Mischung aus Pointiertheit, Tragikkomik und Melancholie.

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