Kiel. Es muss ein regelrechtes Blutbad gewesen sein. Sechsmal sticht der Täter auf Roksana W. ein. Einmal auf ihren Sohn. Seitdem ist nichts mehr, wie es war. Dreieinhalb Jahre ist der Vorfall her. Jetzt wohnt der damalige Täter wieder direkt bei den einstigen Opfern nebenan.

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Mettenhof, Helsinkistraße. In einem der vielen mehrstöckigen Mietshäuser lebt Roksana W. (45) zusammen mit ihrem Lebenspartner und ihren drei Söhnen (23, 20, 18). Sie hat sich bereit erklärt, ihre Geschichte zu erzählen. Weil sie absolut verzweifelt ist. Weil sie nicht mehr weiter weiß.

Mit dabei ist an diesem Tag auch Joachim Böhm von der Opferhilfeorganisation Weißer Ring. „Ich sehe die Dramatik und Dringlichkeit in diesem Fall“, sagt er. „Diese Familie braucht möglichst schnell eine neue Wohnung.“

Opfer und Täter leben im Mietshaus in der Helsinkistraße in Kiel-Mettenhof Balkon an Balkon.

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Warum das so eilig ist, wird sofort klar: Roksana W. führt vorbei am Weihnachtsbaum im Wohnzimmer auf den Balkon. Rechts kommt erst das Fenster vom Zimmer ihres Sohnes, direkt daran schließt sich der Balkon an, der zur Wohnung des Täters gehört. Ihr eigener Sohn schläft jeden Tag Wand an Wand mit demjenigen, der das Unglück in die Familie brachte.

Die Tat: Rückblick auf den schicksalhaften Tag im Juni 2022

Rückblick: Es ist Montagnachmittag, der 20. Juni 2022. Als es klingelt, öffnet Roksana W. die Haustür und wird noch im Eingang niedergestochen. Mit einem mitgebrachten, mittelgroßen Küchenmesser verletzt der damals 16-jährige Täter die Frau schwer. Als ihr ältester Sohn zur Hilfe eilt, wird auch er am Oberschenkel verletzt.

Roksana W. holt ihr Handy hervor und zeigt Fotos. Man sieht lange Wunden, die mit vielen Stichen im Uniklinikum genäht wurden. Am linken Oberarm, an der Hand, in der Leistengegend, am Gesäß, am Oberschenkel. Es sind Bilder von tiefen Verletzungen und langen Narben.

Die äußeren und inneren Wunden

„Der kleine Finger an der rechten Hand wird für immer gekrümmt bleiben, weil eine große Sehne verletzt wurde“, sagt sie. Viele der Wunden sind zwar inzwischen verheilt. Die inneren – nicht sichtbaren – Wunden dagegen heilen kaum. „Ich gehe nur noch in Begleitung vor die Tür“, erzählt Roksana W. Nachts brauche sie Schlafmittel. Die Angst sei ihr ständiger Begleiter.

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Aus einem Stapel von Akten zieht sie Arztgutachten und Gerichtsurteile hervor. Seit der Tat leidet sie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Der Täter war der Nachbarsjunge. „Er hatte wohl Streit mit meinem mittleren Sohn“, erzählt die gelernte Umweltschutztechnikerin, die aus Polen stammt.

Verurteilung wegen versuchten Totschlags

Laut Kriminalpolizei wurde der Täter damals noch am Tatort wegen des „Verdachts eines versuchten Tötungsdeliktes“ festgenommen. „Mein Lebensgefährte konnte ihn überwältigen und festhalten, bis die Polizei kam“, erzählt sie.

Später wird der junge Mann vorm Landgericht Kiel wegen „versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung“ schuldig gesprochen. Das Urteil liegt unserer Zeitung vor. Er wird zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren verurteilt, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wird. Ein Antrag auf Revision wird später vom Bundesgerichtshof als „unbegründet verworfen“.

Seit Januar lebt der Täter wieder nebenan in Mettenhof

Eine Zeit verbringt der Täter in einer therapeutischen Jugendeinrichtung im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Hier werden laut Homepage „Jungen mit hochgradig dissozialem und konfliktträchtigem Verhalten sowie sexualisiert grenzverletzende Jungen mit multiplen Gewalterfahrungen“ untergebracht.

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Seit Januar wohnt der heute 19-Jährige wieder bei seinen Eltern – direkt neben Roksana W. und ihrer Familie. Frieden herrsche nicht. „Wir werden fast täglich beleidigt und bedroht“, erzählt sie. „Das geht aber nicht nur uns allein so. Auch die Nachbarn leiden unter der Familie.“

Seit der Tat habe ich versucht, eine neue Wohnung zu finden. Aber es ist aussichtslos.

Roksana W.

Opfer einer Straftat

Roksana W. hofft nun auf ein Weihnachtswunder. „Seit der Tat habe ich versucht, eine neue Wohnung zu finden“, sagt sie. „Aber es ist aussichtslos.“ Auch Joachim Böhm vom Weißen Ring hat in diesem Fall schon etliche Institutionen um Hilfe gebeten. Doch auch er kam bisher nicht weiter.

„Ich würde so gerne ein neues Leben anfangen“, sagt Roksana W. Egal wo, nur weg von Mettenhof. In der Wik, in Ottendorf, in Russee oder Hassee oder auch Preetz. Sie sagt, sie könnte sofort umziehen. „Unsere Vermieter haben uns schriftlich zugesichert, dass wir nicht die rechtliche Kündigungsfrist von drei Monaten einhalten müssen.“

Was sie sucht? „Vier Zimmer für eine Miete bis 1200 Euro“, sagt sie. „Das hier“, fügt sie hinzu, „sei kein Leben.“ Joachim Böhm nickt: „Es kann doch nicht angehen, dass Opfer und Täter Tür an Tür leben müssen“, sagt er kopfschüttelnd. Über Wohnungsangebote würde er sich über seine Mailadresse (joachimboehm@gmx.de) freuen. Ob so kurz vor Weihnachten ein Wunder möglich ist?

KN