Kiel. „Das sieht alles so anders aus, oder Wilfried?“, sagt Hannelore Schepers, während sie durch den verglasten Teil der Haustür in das Treppenhaus blickt. Gemeinsam mit ihrem Mann steht sie vor dem Klingelbrett des Mehrfamilienhauses in Kiel-Dietrichsdorf. Ein Haus, mit dem die 86-Jährige viele Erinnerungen verbindet. Schepers drückt die Klingel. Der Türsummer ertönt und die Tür wird geöffnet.

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

Schon unzählige Male hat sie diesen Moment in ihrem Kopf durchlebt. Unzählige Male stand Schepers vor der Tür des Hauses in Kiel-Dietrichsdorf. Doch nie hat sie sich getraut zu klingeln. Jetzt ist ihr größter Wunsch im Rahmen der KN-Wunscherfüller-Aktion wahr geworden. Im Oktober hatten Besucher im Citti-Park die Möglichkeit, Wünsche abzugeben. Am Ende wurden drei Gewinner ausgesucht, deren Wünsche erfüllt wurden – darunter der von Schepers.

Von Danzig über Dänemark nach Kiel: Wie Hannelore Schepers mit ihrer Familie flüchten musste

Wolfgang Schmidt, der derzeitige Bewohner, öffnet die Tür. Schepers Augen werden groß. Die Erinnerungen fluten die Seniorin beim ersten Blick in die Wohnung. „Kommen Sie ruhig rein, gucken Sie sich in Ruhe um“, begrüßt Schmidt das Ehepaar. Die Seniorin zögert erst, betritt dann aber die Wohnung.

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

Schepers ist im Alter von sechs Jahren mit ihrer Mutter und ihren drei Geschwistern aus Danzig geflüchtet. Nach einiger Zeit im Lager in Dänemark bezog die Familie 1951 die Wohnung in Kiel-Dietrichsdorf, wo Schepers den Großteil ihrer Kindheit verbrachte. Damals war sie elf Jahre alt.

Hannelore Schepers stand schon oft vor der Tür ihrer Kindheitswohnung und hat sich nie getraut zu klingeln. Sie hat nur immer von außen in das Haus geschaut.

Schepers schaut sich in der Wohnung um. „Eine Dusche hatten wir damals nicht“, sagt sie, als sie das Badezimmer als ersten Raum entdeckt. Das Bad war für die 86-Jährige damals ein Zufluchtsort. „Das war der einzige Raum, in dem man alleine war.“ Als Kind habe sie sich dort eingeschlossen und in Liebesromane geflüchtet – eine Welt, die im Gegensatz zur Realität heil war.

„Guck mal“, sagt sie zu ihrem Mann, als sie die Küche entdeckt. „Hier hat Mutti immer in der Ecke gesessen.“ Sie betritt den Raum und geht zum Fenster. „Aber Wilfried, die Küche war früher schon größer, oder?“ Sie und ihr Mann haben sich kennengelernt, als Schepers Mitte 20 war. Ihr Mann kennt die Wohnung noch von früher.

Zu fünft in Zweizimmerwohnung in Kiel-Dietrichsdorf

„Hier haben meine beiden Brüder zusammen mit Vati geschlafen“, sagt Schepers, als sie am Schlafzimmer angelangt ist. Bis sie mit Mitte 20 geheiratet hat, habe sie mit ihrer Mutter gemeinsam in der Stube übernachtet. „Ich hatte bis zur Hochzeit kein eigenes Bett“, erzählt Schepers.

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

Ich war lieber in der Schule als zu Hause, dort war es warm.

Hannelore Schepers

In der Nachkriegszeit hatte die Familie nicht viel. Es wurde gespart, wo es nur ging. Geld und auch Lebensmittel wie Fleisch waren knapp. „Wir haben immer erst am Abend geheizt, wenn mein Vater nach Hause kam“, erzählt Schepers. „Im Winter waren Eisblumen von innen am Fenster, so kalt war es.“ Manchmal habe Schepers in der Schule Unsinn gemacht, damit sie nachsitzen konnte. „Ich war lieber in der Schule als zu Hause, dort war es warm.“

Schöne Momente zur Weihnachtszeit: „Den Baum haben wir mit Kerzen und Watte geschmückt“

Schepers sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer. „Da vorn stand früher unser Kachelofen“, sagt sie und zeigt auf den Platz neben der Tür, wo Schmidt nun ein Regal hingestellt hat. Sie zeigt auf eine andere Ecke, wo früher der Tannenbaum zur Weihnachtszeit gestanden habe. „Den Baum haben wir mit Kerzen und Watte geschmückt“, sagt sie und lächelt. Eine Zeit, die sie neben der Armut als besinnlich und schön in Erinnerung hat.

Der Wunsch von Hannelore Schepers, noch einmal die Wohnung aus ihrer Kindheit zu besuchen, ist in Erfüllung gegangen. Der jetzige Bewohner Wolfgang Schmidt (links) hat sie mit offenen Armen empfangen und den Besuch möglich gemacht.

Und es gab Kartoffelsalat und Würstchen, für die Familie ein besonderes Essen damals. „Ich habe mir als Kind oft gedacht, wenn ich einmal groß bin, esse ich so viel Fleisch wie ich will“, erzählt Schepers. Doch trotz des Aufwachsens in Kiel bezeichnet sie die Stadt nicht als ihre Heimat. „In Kiel ist mein zu Hause, aber meine Heimat ist in Danzig.“ Doch noch einmal dort war sie nach der Flucht nie.

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

Großer Wunsch geht in Erfüllung

„Das ist wirklich Wahnsinn – so eine große Wohnung für eine Person alleine“, sagt Schepers zu Schmidt. „Sei Ihnen von Herzen gegönnt.“ Schepers empfinde es immer noch als großes Geschenk, nach ihrer Hochzeit mit ihrem Mann in ein Haus gezogen zu sein. „Ich habe mir immer ein eigenes Zimmer gewünscht und bekam plötzlich ein ganzes Haus“, sagt sie.

Schmidt ist Schiffsbaukonstrukteur und lebt seit fünf Jahren in der Wohnung. „Wenn ich bei so etwas helfen kann, mache ich das gerne“, sagt er. „Ich war acht Jahre bei der Bundeswehr und bin oft umgezogen, ich kann den Wunsch nachvollziehen, noch einmal in die Vergangenheit zu reisen.“

Schepers Wunsch ist an diesem Nachmittag in Erfüllung gegangen. „Das ist für mich ein großes Wunder“, sagt sie und dankt Schmidt für die Möglichkeit. „Gleichzeitig ist es auch traurig, weil man die Vergangenheit nicht zurückholen kann. Aber wollte ich das überhaupt?“, verliert sich Schepers in ihren Gedanken. Am Ende stellt sie jedenfalls fest: „Wenn Wände sprechen könnten, würden sie viel erzählen.“

KN