Mannheim. In WeiterLeben, dem Nachrufe-Podcast des „Mannheimer Morgen“ zeichnet Podcast-Host Agnes Polewka das Leben von Männern und Frauen nach, die ihre Spuren in der Region hinterlassen haben – und auch nach ihrem Tod hier weiterleben. Die finale Folge der aktuellen Staffel kreist um die große Mannheimerin Karla Spagerer.
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Ihr ganzes Leben lang hat sich Spagerer um andere Menschen gekümmert. Doch mit Ende 80 beschloss sie, dass sie noch mehr tun muss – weil die AfD erstarkte und vor allem bei jungen Menschen punktete. So entschied sich die Mannheimerin dazu, mit ihren Berichten über die Gräuel der NS-Zeit an Mannheimer Schulen zu ziehen – mit ungeahnten Folgen.
Carl Benz konstruierte in Karla Spagerers Geburtshaus das erste Automobil
Wer Karla Spagerers Weg nachzeichnen will, muss etwas ausholen: Sie wurde am 27. Oktober 1929 als Karla Wetterich in Mannheim geboren – in den Quadraten, in T6. 44 Jahre, nachdem Carl Benz in der Werkstatt im Erdgeschoss des Wohnhauses das erste Automobil konstruiert hatte, kam sie in einem der oberen Stockwerke des gleichen Hauses zur Welt.
Ihre ersten Lebensjahre waren von der Etablierung der NS-Herrschaft geprägt – eine gefährliche Zeit für ihre politisch engagierte Familie. In dieser Zeit sammelte sie Erfahrungen, die sich tief eingebrannt haben und die sie im hohen Alter wieder hervorholen sollte: wie ihre Mutter ihr vor den Trümmern der Mannheimer Synagoge den Mund zuhielt, weil Karla Spagerer ihrem Unmut Luft machte. Oder, wie sehr sie die verschwundenen jüdischen Geschäftsfrauen beschäftigten, für die ihr Vater gearbeitet. Auch sollte später immer wieder erzählen, was ihrer Großmutter widerfahren war. Karla Spagerers Großmutter Babette Ries, eine überzeugte Kommunistin, wurde 1936 zu 18 Monaten Zuchthaus verurteilt, weil sie für Familien von inhaftierten Widerstandskämpfern der Mannheimer Lechleiter-Gruppe Lebensmittel und Geld sammelte.
1939 wurde Karla Spagerers Vater in die Wehrmacht eingezogen. Als der Krieg begann, war sie zehn Jahre alt. Im „Waldschlössl“, der Gasstätte der Familie im Mannheimer Norden, half sie früh mit, um die Mutter und die Großmutter zu unterstützen. Und dann kam das lange herbeigesehnte Kriegsende.
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Und danach kam die Liebe in das Leben von Karla Spagerer. Sie traf auf ihren späteren Ehemann Walter und es begann eine Phase, die beide später als „einfach schön“ bezeichnen sollten.
1952 trat der gelernte Feinmechaniker Walter Spagerer in die SPD ein, hatte aber eigentlich nicht vor, sich politisch zu engagieren. Doch es sollte anders kommen. Ende der 60er Jahre zog Walter Spagerer in den Mannheimer Gemeinderat ein, 1972 in den Landtag, er wurde Vorsitzender des Sozialausschusses. Viele Jahre war Walter Spagerer Präsidiumsmitglied beim SV Waldhof Mannheim. Vieles davon wäre ohne seine Karla nicht möglich gewesen, sagte er in einem Interview mit dieser Redaktion.
Das Paar bekam zwei Söhne. Zwar arbeitete Karla Spagerer – selbst SPD-Mitglied – noch einige Zeit im „Waldschlössl“ und trat dem Arbeitersamariterbund (ASB) bei, doch ihr Hauptaugenmerk lag stets auf der Familie. Auch später in ihrem Leben, als ihre Enkel und Urenkel geboren wurden.
Karla Spagerers Enkel Tim Spagerer und ihr Vertrauter Stefan Fulst-Blei äußern sich
In der Podcast-Episode spricht Host Polewka mit Karla Spagerers Enkel Tim, der sich daran erinnert, wie er Karla Spagerer in seiner Kindheit erlebte. Und wie sie sich beide später begegneten, als er längst erwachsen war. Er spricht über den legendären Käsekuchen seiner Großmutter, der bei Heimspielen des SVW zum Inventar des Carl-Benz-Stadions gehörte, über ihre bewegenden Vorträge an Mannheimer Schulen – und darüber, wie er seine Oma 2022 als älteste Delegierte zur Bundespräsidentenwahl begleitete.
Agnes Polewka spricht auch mit dem SPD-Landtagsabgeordneten Stefan Fulst-Blei, einem engen Vertrauten Karla Spagerers. Darüber, wie Karla Spagerer an den Schulen auftrat, was sie den Schülerinnen und Schülern schenkte – und wie sie ihrerseits beschenkt wurde.
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Tim Spagerer und Stefan Fulst-Blei lassen das bewegte Leben Karla Spagerers Revue passieren und geben private Einblicke in ihre letzten Gespräche mit ihr. Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes starb am 16. Mai 2025 im Alter von 95 Jahren.
Am 30. November ist die neue Staffel des Nachrufe-Podcasts erschienen, Folge 1 kreist um den großen Opernsänger Franz Mazura. Protagonist der zweiten Episode ist Alexander Rohr alias Dolores von Cartier, eine schillernde Bühnenpersönlichkeit und Bühnendame im Café Klatsch, Mannheims Kult-Gay Bar. Die dritte Folge der neuen Staffel ist der afroamerikanischen Menschenrechtsaktivistin Mabel Grammer gewidmet, die von Mannheim aus ihren „Brown Baby Plan“ initiierte. Über 500 Kinder vermittelte sie über ein besonderes Adoptionsverfahren in neue Familien.
Für ihre Arbeit an dem Podcast wurde Polewka 2024 mit dem renommierten Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. red