– Rund 1200 Menschen leben in Nürnbergs Obdachlosenpensionen – oft ohne Krankenversicherung. Die Straßenambulanz Franz von Assisi versorgt sie inzwischen auch direkt vor Ort. Gisela T. ist 63 Jahre alt und eine derjenigen, die davon profitiert.
Eine graue Fassade, fünf Stockwerke, eine Hofeinfahrt mit Gitter, dröhnend donnern hier Autos und Laster vorbei. Es ist ein Anwesen, schmucklos und unauffällig wie Hunderte aus der Nachkriegszeit. Doch schon der Zugang ist bedrückend: Hinter der Haustür türmt sich der Müll, dazu geht es noch einmal durch eine mit Code gesicherte Pforte. Die besondere Sicherung soll den Bewohnern Ruhe verschaffen – und vor allem ehemalige Bewohner aussperren, die andere massiv belästigt und deshalb ein Hausverbot kassiert haben.
Doch von einer entspannten Atmosphäre kann hier keine Rede sein: Das Haus ist eine von aktuell knapp 60 Obdachlosenpensionen in Nürnberg, in denen insgesamt rund 1200 Frauen und Männer leben. Wen es dorthin verschlagen hat, der hat wenig zu lachen. Wie Gisela T. (Name geändert): Im vergangenen Frühjahr hatte die 63-Jährige ihre Wohnung eingebüßt. Da sie keine andere erschwingliche Bleibe finden konnte, wurde sie vom Sozialamt hier einquartiert. Nun muss sie sich mit einem winzigen Zimmer begnügen: Das Bett steht vor dem Fenster, daneben ein Tisch mit etwas Geschirr, einem Radio und ihren Medikamenten. Daneben, vor einer unverputzten Wand, ein wackliges Regal für ihre sonstige bescheidene Habe.
„Angeblich sollte alles frisch renoviert sein, aber davon ist nichts zu sehen“, meint sie achselzuckend, „und die Heizung funktioniert auch nur ab und zu“. In ihrem früheren Zuhause war sie die letzte Mieterin gewesen. Alles sollte teuer renoviert und in Eigentumswohnungen umgewandelt werden – und als Gisela T. Zahlungen schuldig blieb, kam es zur Zwangsräumung. Eine traumatische Erfahrung, die ihr mit quälenden Ängsten wie auch körperlichen Beschwerden arg zugesetzt hat. So schaffe sie es aktuell kaum noch aus dem Haus, sagt sie mit einem tiefen Seufzen.
Zum Glück schaut ab und zu ein Engel vorbei
Zum Glück schaut wenigstens ab und zu eine Besucherin vorbei, die sie einfach nur „mein Engel“ nennt. Es ist Ulrike Müller, Krankenpflegerin mit viel Erfahrung, Einfühlungsvermögen und Verständnis für Menschen am Rand der Gesellschaft. Seit bald zwei Jahren gehört sie zum Team der Straßenambulanz Franz von Assisi der Nürnberger Caritas – inzwischen mit einem besonderen Auftrag: Gezielt betreut sie Frauen und Männer in Pensionen und Unterkünften für Wohnungs- und Obdachlose.



„Es gibt viele, die schaffen es aus unterschiedlichen Gründen nicht oder nicht mehr, in unsere Einrichtung zu kommen“, berichtet der Leiter Roland Stubenvoll, „und der Bedarf ist erschreckend groß“. Soweit es mit den Utensilien in ihrem Notfallkoffer möglich ist, versorgt Müller die Klienten direkt vor Ort. Sonst organisiert sie einen Transport in die Straßenambulanz, in der auch ein niedergelassener Arzt tätig ist. Nicht wenige, die hier Hilfe suchen und erhalten, fehlt eine Krankenversicherung – neben dem hohen Bedarf an medizinischen Materialien ein Grund, warum die Straßenambulanz auf Spenden angewiesen ist.
Dass und wo sie gebraucht wird, erfährt Ulrike Müller oft über Sozialdienste. Ihr Einsatz ist umso wichtiger, als reguläre Pflegedienste um Obdachlosenpensionen häufig einen großen Bogen machen. „Dazu kommt, dass wir erst einmal Vertrauen aufbauen müssen. Alle tragen bedrückende Geschichten mit sich herum, manche sind nur noch misstrauisch gegenüber allem und jedem“, erläutert die Krankenschwester, die sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lässt und mit ihrer gewinnenden Art einen Draht auch zu sonst verschlossen wirkenden Menschen findet.
Die Hoffnung, eines Tages doch wieder ein eigenes Zuhause zu finden und damit dem Obdachlosenquartier zu entkommen, hat Gisela T. übrigens nicht aufgegeben. Im nun zu Ende gehenden Jahr gehörte sie zu den mehr als 1000 Klienten der Straßenambulanz – Tendenz leider weiter steigend, weswegen „Freude für alle“ auch in diesem Jahr um Spenden für die wichtige Einrichtung bittet.