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Während der Ukraine-Krieg Europa bindet, gewinnt eine andere Region strategisch an Bedeutung. Die Arktis rückt zunehmend in den Fokus Russlands.
Rom/Moskau – Der von Russland begonnene Ukraine-Krieg dominiert seit bald vier Jahren Politik, Medien und sicherheitspolitische Analysen in Europa. Bilder zerstörter Städte, Millionen Flüchtlinge und die Frage nach westlicher Unterstützung bestimmen den öffentlichen Diskurs. Gleichzeitig droht dabei eine andere Region aus dem Blick zu geraten, die für Moskau langfristig mindestens ebenso bedeutsam ist.
Wladimir Putin und Russlands Arktis-Macht: Die nördlichste Militärbasis „Arktisches Kleeblatt“. NATO-Expertin Gaub warnt aktuell vor Putins Strategie. © Foto links: IMAGO / ZUMA Press Wire | Foto rechts: IMAGO / Russian Look
Im hohen Norden verschieben sich geopolitische Gewichte fast unbemerkt. Klimawandel, neue Handelsrouten und militärische Präsenz greifen dort ineinander. Was lange als abgelegene Randzone galt, entwickelt sich zu einem Raum, in dem wirtschaftliche Interessen, strategische Kontrolle und Sicherheitspolitik zusammenlaufen.
NATO warnt vor Putins Arktis-Plan
Nach Einschätzung der Politologin und Militärstrategin Florence Gaub ist diese Entwicklung längst kein Zukunftsszenario mehr. In einem Interview mit t-online warnt sie davor, die Arktis weiterhin primär als Umwelt- oder Klimathema zu betrachten. Der sicherheitspolitische und militärische Aspekt werde dort immer wichtiger.
Gaub arbeitet am NATO Defense College in Rom und beschäftigt sich beruflich mit möglichen Entwicklungspfaden internationaler Krisen. Ihr zentrales Argument: Russland verfolge in der Arktis strategische Ziele, die über kurzfristige Provokationen hinausgingen. Wer diese Dynamik ignoriere, laufe Gefahr, entscheidende Warnsignale zu übersehen. NATO-Generalsekretär Mark Rutte mahnte kürzlich, Russland baue Basen, fortschrittliche Waffen und die weltgrößte Flotte an Atom-Eisbrechern aus.
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Ein entscheidender Treiber dieser Entwicklung ist die fortschreitende Eisschmelze. Durch steigende Temperaturen werden arktische Seewege länger und verlässlicher passierbar. Damit verändert sich die globale Schifffahrt zwischen Europa und Asien grundlegend.
Vor allem die Nördliche Seeroute (NSR) verkürzt Transportwege erheblich, konstatiert auch die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Für Russland eröffnet sich die Möglichkeit, eine künftige Schlüsselroute des Welthandels zu kontrollieren. Dieser Zugang zu den Weltmeeren ist aus Moskauer Sicht ein zentraler Hebel für wirtschaftliche und geopolitische Macht.
Russlands Ziel: Weltmacht durch Handel
Gaub macht gegenüber t-online.de deutlich, dass Russlands Ambitionen nicht allein auf territoriale Expansion zielen. Entscheidend sei der Anspruch, sich erneut als Weltmacht zu etablieren. Dazu gehöre es, eine starke Exportnation zu sein – mit entsprechendem Zugang zu maritimen Handelswegen.
Diese Einschätzung deckt sich mit Analysen der SWP. Bereits 2020 hielt diese fest, dass Moskau die NSR langfristig als neue Hauptverkehrsader der Weltschifffahrt etablieren und kontrollieren wolle. Wirtschaftliche Interessen und militärische Absicherung seien dabei eng miteinander verknüpft.
Arktis – Russlands strategischer Einsatz
Sowjet-Militärstützpunkte reaktiviert: Militärische Aufrüstung im hohen Norden
Mit dem Rückgang des Eises wächst für Russland zugleich die eigene Verwundbarkeit. Natürliche Schutzbarrieren verschwinden, neue Angriffsflächen entstehen. In offiziellen Strategiepapieren ist daher von zunehmendem Konfliktpotenzial die Rede.
Als Reaktion darauf hat Moskau zahlreiche Militärstützpunkte aus Sowjetzeiten reaktiviert und modernisiert. Neue Radarstationen, Flugabwehrsysteme und Häfen entlang der arktischen Küste sollen Kontrolle und Abschreckung sichern. Die Arktis wird damit schrittweise militarisiert, so die SWP. Der Beitritt Finnlands und Schwedens zur NATO hat diese Spannungen weiter verschärft.
CDU-Mann Kiesewetter warnt: „Militärische Schlüsselzone“ für Russland und NATO
Der CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter spricht in diesem Zusammenhang von einer „militärischen Schlüsselzone“. Russland habe seine Standorte systematisch aufgerüstet und bereite sich strategisch auf einen großen Konflikt mit dem Westen vor, sagte er jüngst dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA.
Besonders kritisch seien westliche Infrastrukturen in der Region. Dazu zählten die Satellitenbodenstation auf Spitzbergen sowie wichtige Unterseekabel für zivile und militärische Kommunikation. Diese Einrichtungen gewännen aus russischer Perspektive strategische Relevanz.
Putins Griff nach der Arktis: Westliche Reaktionen und neue Abschreckung
Auch auf NATO-Seite bleibt diese Entwicklung nicht unbeantwortet. Norwegen, Großbritannien und andere Bündnispartner intensivieren ihre militärische Zusammenarbeit vor Ort. U-Boot-Jagd, Seefernaufklärung und gemeinsame Manöver sollen Präsenz und Abschreckung stärken.
Gleichzeitig warnt Gaub vor Alarmismus. Angst sei ein schlechter Ratgeber, betont sie in dem oben genannten Interview. Entscheidend sei eine nüchterne Analyse russischer Interessen, um Eskalationen zu vermeiden und gezielt gegenzusteuern.
Die NATO und Putins Arktis-Plan
Für die NATO-Strategin steht fest, dass die Arktis kein Randthema mehr ist. In der Region gehe es längst um Machtprojektion, Handelskontrolle und militärische Balance – nicht mehr nur um Umwelt- und Klimaschutz.
Europa müsse daraus Selbstbewusstsein entwickeln. Wer die sicherheitspolitische Bedeutung des hohen Nordens erkenne und geschlossen handle, könne russische Ambitionen begrenzen. Die Weichen für die künftige Ordnung der Arktis würden bereits jetzt gestellt – leise, aber mit langfristigen Folgen. (Quellen: t-online.de, merkur.de von IPPEN.MEDIA, Stiftung Wissenschaft und Politik, nato.int, https://pubs.usgs.gov) (chnnn)