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Aktuelle Analysen widersprechen optimistischen Signalen aus Moskau. Der Kreml gilt weiter als strategisch unverändert ausgerichtet.

Washington, D.C./Paris – Die strategischen Einschätzungen westlicher Geheimdienste zur Politik des Kremls fallen weiterhin alarmierend aus. Ungeachtet diplomatischer Kontakte und öffentlicher Signale aus Moskau gebe es keine belastbaren Hinweise darauf, dass Russland seine langfristigen Kriegs- und Expansionsziele aufgegeben habe. Vielmehr deuteten aktuelle Lagebilder darauf hin, dass der russische Präsident seine Vision einer erweiterten Einflusssphäre in Europa unverändert verfolge.

Wladimir PutinRusslands Präsident Wladimir Putin bei der Siegesparade am 9. Mai 2025 auf dem Roten Platz in Moskau. Westliche Geheimdienste sehen seine strategische Linie als unverändert an. © IMAGO / UPI Photo

Dabei geht es aus Sicht der Analysten nicht allein um den anhaltenden Ukraine-Krieg. Die Geheimdienste sehen in Moskaus Politik ein grundsätzlich revisionistisches Projekt, das auf eine Schwächung westlicher Bündnisse und die Verschiebung der europäischen Sicherheitsordnung abzielt. Auch wenn Russland militärisch derzeit gebunden ist, bleibe diese strategische Grundlinie bestehen.

US-Geheimdienste sehen unveränderte Ambitionen: Putin träumt von alter Sowjet-Einflusssphäre

Nach übereinstimmenden Einschätzungen mehrerer US-Sicherheitskreise warnen interne Analysen vor einer anhaltenden Bedrohung für Europa, berichtet Reuters. Russland strebe weiterhin die Kontrolle über die Ukraine an und richte seinen Blick darüber hinaus auf Gebiete, die einst zur sowjetischen Einflusssphäre gehörten. Diese Bewertungen decken sich mit Analysen europäischer Nachrichtendienste, insbesondere in Osteuropa.

Der demokratische US-Abgeordnete Mike Quigley brachte diese Sorge gegenüber der genannten Nachrichtenagentur auf den Punkt. In Ländern wie Polen oder den baltischen Staaten sei die Überzeugung verbreitet, dass Russland langfristig auch NATO-Gebiete ins Visier nehmen könnte. Dort werde die aktuelle militärische Zurückhaltung Moskaus weniger als Entwarnung denn als taktische Pause interpretiert.

Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite RusslandsRusslands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger StaatenFotostrecke ansehenEnde des Ukraine-Kriegs? Politische Signale widersprechen der Lageeinschätzung

Diese Warnungen stehen in einem Spannungsverhältnis zu öffentlichen Aussagen aus Washington. US-Präsident Donald Trump und Vertreter seiner Regierung betonen wiederholt, Russland sei grundsätzlich an einem Ende des Krieges interessiert. Aus dem Weißen Haus ist gemäß Reuters von „substanziellen Fortschritten“ in Gesprächen die Rede, ohne jedoch auf die skeptischen Einschätzungen der eigenen Geheimdienste einzugehen.

Auch die US-Direktorin der nationalen Nachrichtendienste, Tulsi Gabbard relativierte zuletzt die unmittelbare Bedrohung. Russland versuche demnach, einen direkten militärischen Konflikt mit Europa zu vermeiden, und verfüge derzeit nicht über die Kapazitäten für eine großangelegte Offensive über die Ukraine hinaus. Gleichwohl schloss auch sie gezielte Provokationen nicht aus.

Russlands Position: Kontrolle und Daueranspruch

Unabhängig von westlichen Debatten hält Moskau öffentlich an seinen territorialen Forderungen fest. Russland kontrolliert rund ein Fünftel des ukrainischen Staatsgebiets, darunter Teile des Donbas sowie die bereits 2014 annektierte Krim. Präsident Wladimir Putin hat wiederholt erklärt, diese Gebiete gehörten dauerhaft zu Russland.

Das Institute for the Study of War kommt in seinen Analysen zu dem Schluss, dass Putin selbst mögliche Verhandlungen eher als taktisches Instrument begreife denn als Abkehr von seinen Maximalzielen. Forderungen nach einer neutralen, militärisch begrenzten Ukraine und einer Zurückdrängung westlicher Sicherheitsstrukturen blieben Kernbestandteil der russischen Position.

Fokus Baltikum: Bedrohung und Realität

Besonders sensibel reagieren westliche Sicherheitskreise auf die Lage im Baltikum. Estland gilt aufgrund seiner geografischen Lage, seiner Geschichte und seiner Nähe zu Russland häufig als mögliches Ziel russischer Provokationen. Eine umfassende Studie des European Council on Foreign Relations (ECFR) zeichnet jedoch ein differenziertes Bild.

Die Autoren betonen, dass der Krieg in der Ukraine Russlands militärische Ressourcen stark beansprucht habe. Nach fast vier Jahren Abnutzungskampf seien Personal, Ausrüstung und Logistik geschwächt, viele Eliteverbände nur eingeschränkt einsatzfähig. Ein erfolgreicher konventioneller Angriff auf Estland oder andere baltische Staaten erscheine unter den aktuellen Bedingungen äußerst unwahrscheinlich.

Militärstand: Russland vs. NATO-Ostflanke

600.000 Soldaten in Ukraine; +6.000 km² 2025 erobert 80% Eliteeinheiten gebunden; 50% Verluste an Panzern; Neuzugänge +50.000 Truppen seit 2022 (Deutschland: 5.000 in Litauen) Abhängig von US-Geheimdienstinfos; Logistiklücken am Suwalki-Korridor 100.000 Reservisten; Drohnenabwehr x3 seit 2022 x3 seit 2022 ​\tKleine Armeen (Estland: 7.000 Aktive); Hybride Bedrohung priorisiert 1.600+ Drohnen (FlyEye + Taiwan); 250.000 Soldaten Grenzprovokationen (Drohnen, Sabotage) steigen

Estlands Verteidigung seit Beginn des Ukraine-Kriegs deutlich gestärkt

Gleichzeitig habe sich die Verteidigungsfähigkeit Estlands seit 2022 erheblich verbessert. Das Land setze auf ein dreigliedriges Konzept aus starker Artillerie, ausgebauter Luft- und Drohnenabwehr sowie einer umfassenden gesellschaftlichen Mobilisierung. Ziel sei es nicht mehr, im Ernstfall Zeit bis zum Eintreffen von Verbündeten zu gewinnen, sondern einen Angreifer von Beginn an zu blockieren.

Auch hybride Szenarien, wie sie Russland 2014 auf der Krim nutzte, gelten laut ECFR heute als schwer umsetzbar. Verbesserte Aufklärung, schnellere Reaktionszeiten und eine hohe gesellschaftliche Resilienz erschwerten es Moskau, durch begrenzte, verdeckte Aktionen Fakten zu schaffen.

Putins Blick auf Europa: Strategisches Zeitfenster von fünf bis zehn Jahren

Trotz dieser relativen Entwarnung mahnen die Analysten zur Vorsicht. Russland könne nach einem möglichen Ende des Ukraine-Krieges innerhalb von fünf bis zehn Jahren versuchen, seine militärischen Fähigkeiten wieder aufzubauen, mahnt das ECFR. Diese Phase gelte als strategisches Zeitfenster für Europa, um eigene Verteidigungsstrukturen zu festigen und Abhängigkeiten zu reduzieren.

US-Geheimdienste teilen laut Reuters diese langfristige Perspektive. Entscheidend sei weniger die aktuelle Schwäche Russlands als dessen politische Zielsetzung. Solange der Kreml an einem revisionistischen Weltbild festhalte, bleibe auch Europa Teil seines strategischen Kalküls – selbst wenn konkrete militärische Schritte derzeit unwahrscheinlich seien.

Putins Schatten erreicht NATO-Staaten: Abschreckung als Daueraufgabe

Kurzfristig gilt ein russischer Angriff auf NATO-Staaten unter Experten als wenig wahrscheinlich. Sowohl US-amerikanische als auch europäische Geheimdienste verweisen auf die derzeit begrenzten militärischen Fähigkeiten Russlands und die starke Bindung von Personal und Material im Ukraine-Krieg.

An der strategischen Ausrichtung des Kremls sehen westliche Dienste jedoch keine Änderung. Sollte es Moskau gelingen, seine Streitkräfte in den kommenden Jahren zu regenerieren, könne sich die sicherheitspolitische Lage in Europa erneut verschärfen. (Quellen: Reuters, Institute for the Study of War, European Council on Foreign Relations) (chnnn)