Als Rollstuhlfahrer über den Weihnachtsmarkt in Braunschweig fahren? Wie schwer ist das? Wo gibt es Hürden? News38 wollte das wissen – und hat es einfach mal mit Rollstuhlfahrerin Etta getestet.
So viel vorab: Es ist ein echter Kampf, der kaum zu gewinnen ist.
Braunschweigerin zeigt Hürden
Seit fast fünf Jahren zwingt ein Wirbelschaden nach einer Operation die Braunschweigerin in den Rollstuhl; zwar ist sie nicht an ihn gefesselt und kann auch noch am Stock gehen. Aber ohne einen Rollstuhl und die Hilfe anderer ist die 73-Jährige aufgeschmissen. Den Braunschweiger Weihnachtsmarkt ganz alleine zu besuchen, ist für Etta undenkbar. Aber auch dafür hat sie ihren Mann Hartwig. Der 76-Jährige schiebt sie liebevoll durchs Leben. So anstrengend es körperlich auch ist.
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Ich treffe die beiden am Donnerstagvormittag (18. Dezember) am Ruhfäutchenplatz, direkt neben dem Weihnachtsmarkt. Hier gibt es Behinderten-Parkplätze. Und es ist sogar einer frei! Dann starten wir über die erste Sicherheits-Absperrung. Die dann gleich die erste Hürde ist. Aber das soll sie ja auch sein, irgendwie. Dennoch: Allein würde Etta es hier kaum hoch schaffen. Auch die ersten Meter sind mehr als beschwerlich; nicht nur Hartwig schiebt den Rollstuhl, auch ich probiere es. Als alter Zivi kein Problem, denke ich. Falsch. Die Basaltsteine hier sind für die Räder Gift. Die Abstände zwischen den Steinen sind zu groß. Schieben ist Schwerstarbeit, selbst wenn Etta mithilft.
An der Stelle ist es zu eng: Hier kommt kein Rollstuhl durch. „Ein Zollstock hilft“, sagt Etta – wie immer mit einem Lächeln. Denn sie will kein böses Blut. Das merkt man. Foto: News38
Noch heftiger wird es – für uns unerwartet – auf dem Burgplatz. Da gibt es doch Steinplatten! Ja, aber… Auch die sind dermaßen in die Jahre gekommen… In Richtung Mandel Meier wird’s schwer. „Das ist so ein nerviges Pflaster hier. Hier bin ich aufgeschmissen. Hier sind teils so hohe Absätze dazwischen. Diese Platten hier müssen mal erneuert werden“, sagt Etta. Aber schön ist es zu sehen, dass uns alle Wartenden aus der Mandel-Schlange Platz machen. Das betont Etta übrigens auch: „Ich erfahre in Braunschweig unheimlich viel Hilfsbereitschaft. Selbst Lkw-Fahrer halten an, um mir zu helfen. Das ist der Wahnsinn. Ich bekomme immer Hilfe, auch ungefragt.“
„Wir wollen keine Sonderrechte, wir wollen Menschenrechte.“
Etta (73) aus Braunschweig
Die Menschen sind also weniger das Problem. Eher die Wege im Alltag. Auch auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt: „Das ist kritisch hier. Dass die Stadt Braunschweig für uns nicht alles auf- und wegreißen kann, ist mir klar. Eine Alternativ-Idee wäre, wenn man hier Gummimatten hinlegen würde. Aber man hat mir gesagt, dass die sich schnell mit Wasser vollsaugen und dann wiederum zu Stolperfallen für Fußgänger werden können. Allenfalls kannst du hier so Bretter hinlegen, aber das wird auch nichts.“
Fakt ist: Schon vormittags ist es nicht so einfach, sich als Rollstuhlfahrer über den Weihnachtsmarkt zu bewegen: „Wenn es abends voll ist, kommst du hier gar nicht mehr durch. Auch nicht, wenn jemand schiebt. Man braucht ja auch eine Menge Platz. Und ich möchte niemandem von hinten in die Fersen fahren.“ Also versuche sie es abends erst gar nicht, sagt die Veltenhoferin.
„Das ist nicht das, was wir wollen“
Als wir an einem Stand sind, der unten kantige Holzplatten hat, damit wir „Nicht-Rollis“ darauf stehen können und keine nassen oder kalten Füße bekommen, wird mir klar: Das ist doch Mist. Hier kommst du mit deinem Rollstuhl nicht hoch. Stehst meterweit vom Verkäufer weg. Etta sagt: „Na klar kommen die Verkäufer dann immer zu einem hin. Alles gut und schön. Aber das ist nicht das, was wir Rollstuhlfahrer wollen. Wir wollen zum Verkäufer kommen. Wie jeder andere.“
Ein starkes Team: Etta und ihr Mann Hartwig aus Braunschweig gehen und rollen liebevoll durch dick und dünn. Seit ihrem Studium sind die beiden Mathematiker unzertrennlich. Foto: News38
Immerhin: Auf dem Platz der Deutschen Einheit geht es dann. „Hier ist es okay“, sagt Etta. Hier könne sie theoretisch sogar allein ihre Runden drehen. Und hier gibt es sogar niedrige Tische. „Kindertische“. Die sind auch für Etta perfekt. Hier kann sie essen und trinken – wie jeder andere. „Die funktionieren. Davon bräuchte es mehr.“ Ideen hat die 73-Jährige viele. Schon lange engagiert sie sich für die Rechte behinderter Menschen in Braunschweig. Als Weihnachtsgeschenk für kommendes Jahr würde sie sich vom Stadtmarketing mehr barrierefreie Übergänge wünschen. Und Absperrungen, durch die auch ein Rollstuhl passt. Und… Von uns Fußgängern: Dass wir die Rampen weniger vollstopfen und lieber die Treppe nehmen.
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Ein bisher unerfüllter Traum bleibe für sie der Besuch auf den beliebten Flößen im Braunschweiger Burggraben. „Man hat mir gesagt, dass die schlicht nicht barrierefrei seien. Also keine Chance. Auch nicht für Kinderwagen.“ Aber gerade rund um Weihnachten geschehen ja manchmal noch Wunder. Es muss ja auch nicht in diesem Jahr sein…