Finnlands Rentiere sind in Gefahr. In den letzten Jahren töteten Wölfe immer mehr der in gigantischen Herden lebenden Tiere. In der nördlichen Region Lappland, dem selbsternannten „offiziellen Wohnort des Weihnachtsmanns“, beschweren sich Rentier-Halter über eine bisher nie dagewesene Fressorgie. Doch viele Finnen geben nicht der Natur oder den Wölfen die Schuld an der Lage – sondern vor allem Wladimir Putin und seinem Angriffskrieg in der Ukraine.

Denn bei den Wölfen soll es sich aus Russland eingewanderte Tiere handeln, die über die mehr als 1300 Kilometer lange finnisch-russische Grenze kommen. Grund dafür könnte der Mangel an Jägern in Russland sein, wie finnische Wissenschaftler vermuten. Weil Putin viele Soldaten für den Krieg in der Ukraine braucht, werden wahrscheinlich auch viele Jäger als bereits erfahrene Schützen eingezogen.

Das lässt die Zahl von Raubtieren wie Wölfen, Bären oder Luchsen explodieren, die auch nicht vor der finnischen Grenze Halt machen. Rentiere sind eines der bevorzugten Beutetiere von Wölfen. „Jetzt da sie Menschen in der Ukraine jagen, gibt es niemanden mehr, der die Wölfe jagt“, kommentiert der Besitzer einer Rentier-Farm, Juha Kujala, gegenüber „CNN“.

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Wölfe in Finnland: DNA-Analysen beweisen Herkunft aus Russland

„Es ist wirklich traurig. Sehr, sehr traurig“, zitiert „CNN“ Kujala. „Das Gleichgewicht ist gestört. Es gibt so viele Wölfe, dass sie das gesamte Ökosystem hier bedrohen. … Sie töten einfach immer weiter.“ Er befürchtet, dass es in ein paar Jahren in ganzen Regionen keine Rentiere mehr geben werde und wodurch die älteste Tradition in Finnland sterben würde: das Hüten von Rentieren.

Wölfe in Finnland

Ein wilder Wolf in freier Wildbahn an der Grenze zwischen Finnland und Russland. (Archivbild)
© DPA Images | Jussi Nukari

Unterstützt wird die Theorie von den russischen Wölfen durch Daten des finnischen Instituts für natürliche Ressourcen. Die Forscher analysieren regelmäßig die vielen Wolfsspuren aus dem ganzen Land, meistens Kot oder Urin. Anhand von DNA-Analysen konnten die Experten die Herkunft der neuen Wölfe bestimmen, die demnach höchstwahrscheinlich aus Russland stammen.

Laut dem finnischen Ministerium für Land- und Forstwirtschaft habe es 2025 über 2000 aufgezeichnete Attacken von Wölfen auf Rentiere gegeben – das ist der höchste Wert seit Aufzeichnungsbeginn und 70 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Vor zehn Jahren waren es noch nur gut 500 Angriffe im Jahr. Das Ministerium rechnet mit einem Schaden von über 1500 Euro für ein getötetes Rentier. Laut „CNN“ würden die Halter von Rentieren nun viel Zeit damit verbringen, Kompensationszahlungen für die getöteten Tiere von der finnischen Regierung zu beantragen.

Die Sámi leben als indigenes Volk in Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. Die Rentierhaltung ist ein zentrales Element ihrer Kultur.

Wölfe kommen auch aus Schweden und Norwegen

Im finnischen Jägermagazin „Jathi“ erklärt der Wolfsforscher Ilpo Kojola, dass die meisten der über die Grenze kommenden Wölfe Jungtiere im Alter von ein bis zwei Jahren sind, die auf der Suche nach einem eigenen Revier sind. Neben diesen „Reviersuchern“ gebe es auch weitere durchwandernde Wölfe und manchmal ganze Jungwolfsrudel, die sowohl aus Russland im Osten als auch zunehmend aus den skandinavischen Nachbarländern Norwegen und Schweden nach Finnland kommen. So habe auch Norwegen einen Anstieg der Wofszahlen festgestellt, den man mit Russland in Verbindung bringe.

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Kojola beschreibt, dass Finnland für Wölfe „eine gedeckte Tafel“ sei: reichlich Nahrung, vor allem in Form von Rentieren und anderem Wild, was die Wölfe sich schneller vermehren und länger bleiben lässt.

Obwohl Wölfe in Finnland als gefährdete Tierart gelten, ist die finnische Regierung nun auf dem Weg, die Regeln für den Abschuss der Tiere zu lockern. Auch seien bereits spezielle Jagdlizenzen in Rentier-Gebieten ausgegeben worden.

Indigene Bevölkerung ist auf Rentiere angewiesen

In Finnland hat das Rentier eine besondere kulturelle, wirtschaftliche und ökologische Bedeutung. Es gilt als Symbol des Nordens und prägt vor allem das Bild Lapplands, der nördlichsten Region des Landes. Dort leben die Tiere überwiegend halbwild in weiten Wald- und Tundragebieten, ziehen saisonal umher und passen sich dem rauen Klima mit langen, kalten Wintern an. Rentiere liefern Fleisch, Fell und Leder und spielen auch im Tourismus eine wichtige Rolle – etwa bei traditionellen Schlittenfahrten oder als Teil des finnischen Weihnachtsmythos rund um den Weihnachtsmann.

Eng mit dem Rentier verbunden ist das Leben der Samen, der indigenen Bevölkerung Nordfinnlands. Für sie ist die Rentierhaltung seit Jahrhunderten ein zentraler Bestandteil ihrer Lebensweise, Kultur und Identität. Die Tiere werden von Rentierhaltern betreut, markiert und gemeinsam genutzt, wobei Weideflächen und Wanderwege über große Gebiete verteilt sind.