Die Menschen in Österreich essen viel zu viel Zucker und die falschen Fette, sagt Stoffwechselexpertin Susanne Kaser. Ein Gespräch über Hedonismus und seine Folgen. Und zugleich ein Plädoyer gegen Verbote.

Schlemmereien sollten etwas Besonderes bleiben.

Schlemmereien sollten etwas Besonderes bleiben. Imago/Zoonar.com/Anton Dobrea

Die Presse: Die Festtage stehen vor der Tür – und damit auch wieder allerlei Delikatessen auf dem Festtagstisch. Verraten Sie uns: Was gibt es denn bei Ihnen?

Susanne Kaser: Fisch. Aber nicht nur, weil er gesund ist. Es ist eine Tradition – und ich esse gern Fisch.

Entscheidend ist ohnehin der Lebensstil, den man den Rest des Jahres pflegt. Dazu kursiert eine für Laiinnen und Laien verwirrende Vielzahl an Empfehlungen. Was sagt die Forschung: Gibt es einen unumstrittenen gemeinsamen Nenner?

Ja, die gesündeste, wissenschaftlich gut abgesicherte Option ist mediterrane Kost: als Prävention, aber auch als Therapie für viele Erkrankungen. Mediterrane Kost bedeutet, dass man tierische Fette eher meidet – kein striktes Nein, aber eine Reduktion. Vor allem gesättigte Fettsäuren sollten reduziert werden, wie man sie in Fertigprodukten oder Süßspeisen findet. Es gibt kein absolutes Verbot von Süßigkeiten: Es spricht nichts dagegen, hie und da zu naschen; es sollte nur nicht regelmäßig passieren.

Wie viele kleine Sünden sind denn erlaubt?

Maximal ein- bis zweimal pro Woche eine Süßspeise sollte genug sein. Aber das muss jede und jeder für sich entscheiden. Es geht v. a. darum, wie man sich sonst ernährt – und dass es keine Gewohnheit wird. So bleibt es auch etwas Besonderes.

Letztlich grüßt doch oft der Schweinehund. Warum fällt es vielen schwer, ihren Lebensstil so zu gestalten, dass er guttut und nicht am Ende schadet?

Wir kennen es alle: Im Erwachsenenalter ist es extrem schwierig, den Lebensstil zu ändern. Das hat u. a. damit zu tun, dass die Geschmacksprägung im ersten Lebensjahr de facto abgeschlossen ist. Im frühen Kindesalter kann man am besten eingreifen, auch wenn man an Bewegung denkt. Es ist ein Lernprozess, sich viel zu bewegen und richtig zu ernähren. Später ist das, ich möchte nicht sagen, unmöglich, aber doch viel, viel härter. Darum ist es so wichtig, dass sich schon Kinder gesund ernähren. Dass Ernährung gesund ist, bedeutet ja nicht, dass sie nicht gut schmeckt. Wenn aufgrund der Geschmacksprägung eine starke Präferenz für Süßes besteht, ist es schwieriger, sich ausgewogen zu ernähren.

 Med-Uni Innsbruck / Hofer

»Wir nehmen in Österreich pro Tag doppelt so viel freien Zucker zu uns wie empfohlen.«

Susanne Kaser,

Med-Uni Innsbruck

Übermäßiger Zuckerkonsum wird noch immer bagatellisiert. Wie groß ist das Problem?

Die Bagatellisierung treibt Adipositas massiv an. Man muss freilich immer differenzieren: Gegen Kohlenhydrate (bestehen aus Zuckermolekülen, Anm.) spricht prinzipiell gar nichts. Unter Zucker versteht man freien ­Zucker (Haushaltszucker, Honig, Sirup usw., Anm.), der auch Fertiggerichten oder Fruchtsäften beigefügt wird. Eine Studie hat gezeigt, dass sehr hohe Zufuhr von Kohlenhydraten mit hohem glykämischen Index, also die sehr schnell zu Blutzuckerspitzen führen, stark assoziiert ist mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Den einfachen Zucker sollte man daher auf jeden Fall reduzieren. Wir nehmen in Österreich pro Tag doppelt so viel freien Zucker zu uns wie empfohlen.

Am Ende hat jede und jeder andere Voraussetzungen und Bedürfnisse. Wie findet man heraus, welche Ernährung zu einem passt?

Das hängt davon ab, ob man bestimmte Krankheiten oder Prädispositionen hat. Aus verschiedenen Studien ist bekannt, dass es Prädispositionen für Übergewicht oder Typ-2-Diabetes gibt. Speziell dann ist mediterrane Kost sehr zu empfehlen. Aber auch das Risiko für einige Tumorerkrankungen kann durch mediterrane Ernährung reduziert werden.

Zur Prädisposition: Wovon geht die Forschung heute aus – wie viel ist beim Gewicht genetisch veranlagt, wie viel können wir aktiv beeinflussen?

Prozentuell lässt sich das nicht sagen, aber es gibt eine sehr interessante aktuelle Studie dazu. Sie hat gezeigt: Wer eine genetische Prädisposition für Übergewicht hat, aber einen sehr gesunden Lebensstil – sich also viel bewegt, gesund ernährt, nicht raucht etc. –, hat dasselbe Risiko wie jemand ohne genetische Prädisposition und mit ungünstigem Lebensstil. Die Veranlagung macht einen wichtigen Beitrag aus, aber man kann mit gesundem Lebensstil viel gutmachen.

Viele wissen nicht, dass Adipositas eine von der Weltgesundheitsorganisation als chronisch eingestufte Erkrankung ist.

Adipositas geht mit sehr vielen verschiedenen Erkrankungen einher. Das reicht von Typ-2-Diabetes über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis zu Nierenerkrankungen. Aber auch das Risiko für bestimmte Tumorerkrankungen steigt deutlich an.

Also bedeutet ständiger Hedonismus Tod auf Raten?

Das könnte man so sagen, ja.

Sie haben ein – schon abgeschlossenes – Christian-Doppler-Labor für Insulinresistenz geleitet. Sind die Resultate schon in die Praxis eingeflossen?

In unserem Labor ging es unter anderem darum, den Einfluss von verschiedenen Ernährungsformen auf den Stoffwechsel zu untersuchen. Wir haben in den Tiermodellen gesehen, dass vor allem die westliche Diät, also sehr hoher Konsum von ­Zucker und gesättigten Fettsäuren, sich sehr ungünstig auf den Stoffwechsel und speziell auf das Fettgewebe auswirkt.

Sie haben dabei auch das Geschlecht betrachtet.

Ja, männliche Tiere waren stärker betroffen als weibliche. Wir haben auch untersucht, inwieweit die Schäden reversibel sind, wenn man die Kost wieder ändert. Das Gewebe erholt sich zum Teil, aber es bleiben Schädigungen zurück.

Sie waren Präsidentin der Österreichischen Diabetes-Gesellschaft. Wie geht es Ihnen mit den hohen Diabeteszahlen? Sollte man die Menschen mehr vor sich selbst schützen, etwa durch eine Zuckersteuer wie in Großbritannien?

Solche Modelle bringen einen gewissen Erfolg. Aber das Wichtige ist die Eigenverantwortung. Dazu gehört auch Gesundheitskompetenz – und da besteht auch bei uns Nachholbedarf. Wir gehen inzwischen davon aus, dass in Österreich 800.000 bis 900.000 Menschen Typ-2-Diabetes haben.

Das sind enorme Zahlen …

Ja, und auch für das Gesundheitswesen inzwischen schwer bewältigbar und individuell potenziell mit vielen Begleiterkrankungen und sogar einer Reduktion der Lebensqualität und auch der Lebenserwartung verbunden. Dahinter stehen persönliche Schicksale. Neben präventiven Maßnahmen braucht es ein flächendeckendes Screening: Alle über dem 35. Lebensjahr, und jene mit besonderem Risiko auch früher, sollten im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung untersucht werden. Dann kann man zumindest die Rate derer senken, die Diabetes haben und nichts davon wissen. Es ist ganz wichtig, dass man so bald wie möglich eine Therapie startet.

Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die nicht alkoholbedingte Fettleber. Haben Sie eine gute Nachricht für uns? Kann sich eine Fettleber wieder erholen und was braucht es dazu?

Eine metabolische Fettlebererkrankung bis zu einem gewissen Stadium kann sich erholen durch deutliche Gewichtsreduktion. Es gibt auch Medikamente, durch die es zu einer deutlichen Reduktion der Verfettung der Leber kommt. Es hängt auch immer vom Stadium der Erkrankung ab.

Auch Prädiabetes, ähnlich wie die Fettleber, könnte man mit gesunder Ernährung, ausreichend Bewegung usw. wieder loswerden, richtig?

Ja. Aber man darf sich beim Prädiabetes auch nicht in falscher Sicherheit wiegen. Auch da können bereits Erkrankungen auftreten, die gehäuft bei Menschen mit Diabetes auftreten. Und das Risiko, dass man Typ-2-Diabetes bekommt, ist sehr groß. Aber das Wichtige ist, dass es schon bei Prädiabetes zu gefährlichen Veränderungen im Stoffwechsel kommt, zu sogenannter Insulinresistenz. Das heißt, die Bauchspeicheldrüse muss mehr Insulin produzieren, damit der Blutzucker noch normal ist. Diese Insulinresistenz ist dann für die Folgeerkrankungen verantwortlich. Bei Prädiabetes und Übergewicht kann durch Gewichtsreduktion und Verbesserung des Lebensstils der Zuckerstoffwechsel wieder normalisiert werden. Darum ist ein Screening so wichtig – und auch, diese Stoffwechselerkrankungen wirklich ernst zu nehmen. Da sind wir wieder bei dem Wort Eigenverantwortung.

Was fasziniert Sie eigentlich an Stoffwechselprozessen, also daran, wie andere – buchstäblich – ihr Fett abkriegen?

Die spannende Kombination aus genetischer Prädisposition, Umwelteinflüssen und Lebensstil – und die Frage, an welchen Stellen man durch Prävention eingreifen kann. Dazu ist es notwendig, zu verstehen, wie Ernährung sich ungünstig auswirken kann, etwa auf das Fettgewebe, die Skelettmuskulatur, das Sättigungsgefühl.

Zurück zu Weihnachten: Wie entlastet man denn den Körper, wenn man hie und da über die Stränge geschlagen hat?

Man soll die schönen Tage schon genießen. Aber nicht nur zu Hause bleiben, sondern auch Bewegung machen – und nach den Festtagen wieder den Weg in den gesunden Alltag schaffen.

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