In Venezuela dürfte das Vorgehen der US-Armada in der Karibik für wachsende Unruhe sorgen: Die Kriegsschiffe nehmen nicht nur angebliche Drogenboote ins Visier, sondern seit Dezember 2025 auch Öltanker. Während Venezuelas Rolle im Drogenhandel von Experten unterschiedlich bewertet wird, herrscht Einigkeit darüber, wie zentral die Ölexporte für das südamerikanische Land sind: Das heruntergewirtschaftete Venezuela sitzt auf den größten bekannten Ölvorkommen der Welt. Insgesamt schlummern dort mehr als 300 Milliarden Barrel.
In allen strategischen Erwägungen des Öl-freundlichen US-Präsidenten Donald Trump dürften diese Bodenschätze eine Rolle spielen. Sie sind zugleich der Schmierstoff für die außenpolitischen Beziehungen von Venezuelas Staatschef Nicolas Maduro. Doch allein mit dem Öl lässt sich der verschärfte Konflikt um Venezuela nicht erklären, hier spielen noch zahlreiche andere Interessen hinein. Nicht zuletzt verfolgen neben den USA auch die beiden anderen großen Mächte, China und Russland, ihre eigenen Ziele.
Welche geopolitischen Ziele hat China in Venezuela?
Venezolanisches Öl machte zuletzt zwar nur vier Prozent der chinesischen Ölimporte aus, doch die Tendenz steigt: Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte zwei Marktanalysten mit der Einschätzung, im Dezember seien neue Tageshöchstmengen zu erwarten. Mehr als 600.000 Barrel pro Tag soll China demnach aus Venezuela importieren, also den größten Teil der venezolanischen Tagesproduktion. Als Ölquelle ist Venezuela für China vor allem wichtig, um im weltweiten Gezerre um Rohstoffe die eigene Energieunabhängigkeit zu stärken. Das funktioniert mit der venezolanischen Ölsorte Merey besonders gut, da der Westen sie mit Sanktionen belegt hat.
Im Gegenzug fließt viel chinesisches Geld nach Venezuela, auch in Form von Krediten. Verschiedenen Schätzungen sehen Caracas mit 60 bis 70 Milliarden US-Dollar in Pekings Schuld.
Galadinner mit Georgsband: Nicolas Maduro und Xi Jinping bei einem Aufeinandertreffen in Moskau im Mai 2025Bild: MARCELO GARCIA/VENEZUELAN PRESIDENCY PRESS OFFICE/AFP
Venezuela ist auch Absatzmarkt für chinesische Technik: Viele Rüstungsgüter kommen aus China, außerdem basiert die Telekommunikations-Infrastruktur maßgeblich auf chinesischen Bauteilen. Im September präsentierte Maduro bei einer Pressekonferenz in Caracas ein neues Handy der Marke Huawei. Das „beste Telefon der Welt“ habe ihm Chinas Präsident Xi Jinping persönlich geschenkt, und der amerikanische Geheimdienste könne es unmöglich hacken.
Venezuelas autoritär-nationalistischer Sozialismus ist gut mit der chinesischen Staatsideologie vereinbar. Indem Peking Aktionen wie jüngst die Beschlagnahmung von Öltankern verbal verurteilt, kann es sich als Verbündeter präsentieren. Das alles dürfte auch dem Zweck dienen, die USA in ihrem eigenen Hinterhof beschäftigt zu halten.
Schon seit einem Jahrzehnt haben verschiedene US-Präsidenten mehr Augenmerk auf den Indopazifik gelegt – wo auch Peking eine Vormachtstellung anstrebt und zunehmend aggressiv Ansprüche auf Taiwan erhebt. Deshalb spielt es China in die Karten, wenn die USA sich verstärkt um die Lage in Venezuela oder Kuba kümmern müssen.
Welche Interessen verfolgt Russland in Venezuela?
Auch Moskau dürfte daran gelegen sein, über Verbündete in Lateinamerika Einfluss geltend zu machen und darüber die Vormachtstellung der USA anzuzählen. 2001 empfing Putin erstmals den damaligen venezolanischen Staatschef Hugo Chavez. In der Folge stieg Russland zum größten Rüstungslieferanten für Venezuela auf. In Putins Georgien-Krieg sprang Chavez 2009 zu Hilfe, als Venezuela die abtrünnigen Regionen Südossetien und Abchasien als eigenständig anerkannte (gemeinsam mit Nicaragua und Nauru). Maduro bemühte sich, nach Chavez‘ Tod 2013 die engen Beziehungen zu Russland fortzuführen. Als seine Macht 2019 unmittelbar bedroht war und sich der damalige Parlamentspräsident Juan Guaidó als Wahlsieger und rechtmäßiger Interimsstaatschef präsentierte, erhielt dieser nur Minuten später Unterstützung aus den USA: Trump sah schon in seiner ersten Amtszeit darin eine Gelegenheit, Maduro loszuwerden. Dann aber schickte Russland zwei Militärflugzeuge mit Soldaten und Ausrüstung an Bord. „Moskau rettete gewissermaßen Maduro“, sagte kürzlich Vladimir Rouvinski, Politologe an der Universität Icesi in Kolumbien, im DW-Interview. „Zum ersten Mal seit der Kuba-Krise sahen die USA sich gezwungen, eine Lage in Lateinamerika direkt mit Russland zu verhandeln.“ Bei der aktuellen Konfrontation rechnet Rouvinski allerdings nicht mit einer ähnlich entschlossenen russischen Unterstützung für Maduro. Bisher blieb es bei verbaler Unterstützung aus Moskau.
Nicolas Maduro im Mai 2025 zu Gast bei Kremlchef Wladimir PutinBild: Maxim Shemetov/REUTERS
Worum geht es den USA?
Trump forderte Mitte Dezember in einem Post auf Truth Social von Venezuela die Rückgabe von all dem „Öl, Land und anderen Vermögen, die sie uns zuvor gestohlen haben“. Damit könnten Enteignungen im Zuge der Verstaatlichung der venezolanischen Öl-Industrie 2007 gemeint sein, für die nicht alle US-Konzerne entschädigt wurden. Lediglich Chevron ist mit einem Sonder-Arrangement noch im Land aktiv. Wesentlich lukrativer ist für die US-Konzerne jedoch die Ölförderung im Nachbarland Guyana. Dessen Grenzgebiet Essequibo wird auch von Venezuela beansprucht. Für die Öl-Interessen der USA gäbe es also gleich zwei Argumente, die für eine erzwungene Absetzung Maduros sprächen.
US-Präsident Donald Trump bei einer Ansprache vor Marinesoldaten auf dem Flugzeugträger USS George Washington im Oktober in JapanBild: Mc2 Bruce Morgan/US Navy/Planet Pix/ZUMA/picture alliance
Trump hatte in seiner ersten Amtszeit die von seinem Vorgänger Barack Obama verhängten Sanktionen deutlich ausgeweitet und schon einmal eine Kraftprobe mit Maduro gesucht. Sein damaliger Sicherheitsberater John Bolton bezeichnete Venezuela gemeinsam mit Kuba und Nicaragua als „Dreieck des Terrors“. Bolton wurde von Trump gefeuert, als die Unterstützung Juan Guaidós folgenlos verpuffte. Das Ziel eines Machtwechsel in Venezuela verfolgt Trump aber entschlossener als je zuvor.
US-Aufmarsch vor Venezuela – was steckt dahinter ?
To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video