Zu Weihnachten darf es ja gerne mal schneien, auch wenn das in der Wirklichkeit nicht mehr allzu oft vorkommt. Und so endet denn der Weihnachts-„Tatort“ aus München mit einem Mikro-Flockengestöber, durch das die ergrauten Kripo-Helden Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) an der Staatsoper vorbei in die Nacht hinaus gehen. Doch der Schnee besteht nur aus Styroporkügelchen aus einem vorausfahrenden Laster, der eine überflüssig gewordene Bühnendeko abfährt. In dieser Folge namens „Das Verlangen“ (Zweiter Weihnachtsfeiertag, ARD, 20.15 Uhr) vermischen sich ständig Theaterillusion und Wirklichkeit. So wird der Film zu einer Art TV-Weihnachtsschauspiel, in der es ebenso künstlich wie künstlerisch zugeht, aber – dem Festtag angemessen – nicht allzu aufregend.

In der "Tatort"-Folge "Das Verlangen“ ermitteln die Münchner Kommissare in einem Schauspielensemble. Dabei wird ihnen manches vorgespielt.

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In der „Tatort“-Folge „Das Verlangen“ ermitteln die Münchner Kommissare in einem Schauspielensemble. Dabei wird ihnen manches vorgespielt.
Foto: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Walter Wehner

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In der „Tatort“-Folge „Das Verlangen“ ermitteln die Münchner Kommissare in einem Schauspielensemble. Dabei wird ihnen manches vorgespielt.
Foto: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Walter Wehner

Die heimliche Hauptdarstellerin ist dieses Mal kein Mensch, sondern ein besonderes Bauwerk, das Residenztheater im Herzen Münchens. Dort müssen Leitmayr und Batic einen Mord aufklären und irren dabei durch diesen labyrinthischen Bau genauso planlos wie durch die Ermittlungen. Irgendwann, als sie im Klo statt in der Kantine landen, fragt Leitmayr genervt: „Wer hat denn dieses Theater gebaut? Kafka?“ Hat er nachweislich nicht, und auch um ihn als Schriftsteller geht es hier nicht, sondern um den Russen Anton Tschechow. Während einer Aufführung seines Stückes „Die Möwe“ bricht eine der Schauspielerinnen spektakulär auf offener Bühne zusammen und stirbt. Schuld daran trägt das starke, euphorisierende Schmerzmittel Tilidin, das dem Körper in einer Überdosis zugefügt wurde. Von ihr selber? Schließlich stand Nora Nielsen (Giulia Goldammer) zuletzt gehörig unter Druck und hatte offenbar die Kontrolle über sich verloren. Oder hat sie jemand vergiftet? Schnell ist klar: Es war Mord. Und so müssen die Kommissare treppauf, treppab nach der Wahrheit suchen.

„Tatort“ aus München: Schauspieler können ziemlich nerven

Das stellt sich in diesem Falle als besonders nervig heraus, denn sie haben es mit lauter Schauspielerinnen und Schauspielern zu tun, die geübt darin sind, in Rollen einzutauchen und anderen etwas vorzuspielen. Weshalb sich Leitmayr, dem die Drehbuchautoren Norbert Baumgarten und Holger Joos wieder die besten Sprüche hingeschrieben haben, ungehalten mokiert: „Dieses Schauspielergehabe! Zitat hier, Zitat da! Manchmal wäre ein einfaches Ja oder Nein ganz schön.“

Ständig vermischt sich der Krimi mit Tschechows Stück, in dem es – aha! – um Schauspielerei geht, mit wenig Handlung und viel Gerede voller Eifersüchtelei und Bosheit. Natürlich bestimmen Eifersüchteleien und Missgunst auch das verdächtige Theater-Ensemble. Die von der kaltherzigen Intendantin (Ann Stieblich) beschworene „große Familie“ beharkt sich gerne mal in lauter Kleinkriegen, was als Handlungsidee nicht so irre neu daherkommt. Auch das Finale kommt Kennern der Bücher von Agatha Christie verdächtig bekannt vor, wenn der kleine dicke Detektiv Hercule Poirot vor der versammelten Verdächtigenschar alle Indizien aufdröselt und den Täter entlarvt. Leitmayr und Batic dürfen das auf der Bühne tun, womit endgültig Theater und TV verschmelzen.

Wir werden Batic und Leitmayr vermissen

Wie bei Tschechow gibt es in „Das Verlangen“ wenig Handlung, zeitweilig wirkt die Folge selber wie ein Theaterstück. Dafür glänzt sie mit guten Dialogen – etwa hübschen Anspielungen auf die Schauspielerei – und exzellenten Akteuren, die Regisseur Andreas Kleinert gerne, stimmungsvoll ausgeleuchtet, in Großaufnahme zeigt. Übrigens: Dies war der vorvorletzte „Tatort“ mit den beiden lakonischen Steingesichtern Leitmayr und Batic. Wir werden sie vermissen, wenn sie nicht mehr da sind. Aber wir haben wenigstens dann noch Kalli (Ferdinand Hofer).

  • Ronald Hinzpeter

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