Comeback oder wirtschaftlicher Abstieg? Wie der Standort Deutschland 2050 aussehen könnte

Illustration Sophia Kissling / NZZ

In diesem Jahrzehnt entscheidet sich, ob die Bundesrepublik in 25 Jahren noch ein attraktives Industrieland sein wird. Werden die Weichen falsch gestellt, drohen massive Verwerfungen.

Deutschland befindet sich in der längsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Bruttoinlandprodukt stagniert auf dem Niveau von 2019. Hohe Abgaben, teure Energie, hohe Lohnkosten und eine wuchernde Bürokratie haben den Standort im internationalen Wettbewerb zurückgeworfen. Viele Unternehmen verlagern ihre Produktion ins Ausland, die privaten Investitionen sind auf das Niveau von 2015 zurückgefallen. Die Bürger machen sich Sorgen um ihre Arbeitsplätze und halten sich beim Konsum zurück. Der weltweite Protektionismus erschwert den Exportunternehmen das Geschäft.

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Um die Wirtschaft anzukurbeln und die marode Infrastruktur zu sanieren, hat die Bundesregierung ein mit Schulden finanziertes Ausgabenprogramm von 500 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Experten sagen jedoch warnend, Deutschland brauche Strukturreformen, um wieder auf den Wachstumspfad zurückzukehren. Die Unternehmen müssen sich neu aufstellen, die Bürger liebgewonnene Besitzstände aufgeben.

Die Herausforderungen, vor denen der Standort Deutschland steht, sind riesig. Wird dem Land das wirtschaftliche Comeback gelingen, oder setzt sich die wirtschaftliche Talfahrt fort? Drei Szenarien, wie die deutsche Wirtschaft 2050 aussehen könnte.

Worst Case: Deutschland verliert wirtschaftlich den Anschluss

Aus Deutschland, dem ehemaligen Powerhouse Europas, ist eine Schrumpfrepublik geworden. Ob Wirtschaftsleistung, Bevölkerung, Gesundheitsversorgung oder Einkommen – überall geht es bergab. Und das seit Jahren. In internationalen Standortvergleichen ist Deutschland abgerutscht, belegt nur noch Plätze im unteren Mittelfeld, hinter Staaten wie der Türkei, Vietnam und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Statt neuen Wohlstand zu schaffen, zehren die Deutschen von dem Vermögen, das sie und ihre Vorfahren aufgebaut haben.

Die Ungleichheit der Vermögen hat stark zugenommen. Wer geerbt hat, zählt zu den Gewinnern, kann von dem Erbe zumeist recht komfortabel leben. Wem hingegen ein Erbe versagt geblieben ist, hat angesichts der schrumpfenden Wirtschaft kaum noch Chancen, aus eigener Kraft zu Wohlstand zu gelangen.

Die gesellschaftlichen Spannungen haben zugenommen, der Neid ist allgegenwärtig und dominiert die öffentliche Diskussion. Die Parteien übertrumpfen sich mit Forderungen nach höheren Steuern für Vermögende. Immer mehr begüterte Deutsche sagen ihrer Heimat deshalb Adieu, bringen sich und ihr Vermögen in Ländern ausserhalb Europas in Sicherheit.

Der Grund für die wirtschaftliche Misere: Deutschland hat das letzte Zeitfenster für Reformen, das sich Ende der 2020er Jahre bot, nicht genutzt, hat die Weichen nicht in Richtung Wachstum gestellt, hat nicht den Mut aufgebracht, den aufgeblähten Sozialstaat zurückzustutzen und auf eine nachhaltig finanzierbare Basis zu stellen. Nun zahlen die Deutschen den Preis für ihre Verzagtheit.

Als Anfang der 2030er Jahre die letzten Babyboomer-Jahrgänge in Rente gingen, kamen auf 100 Personen im Erwerbsalter 33 Rentner. Heute sind es 55 Rentner je 100 Erwerbstätige. Weniger als zwei Erwerbstätige müssen sich die Finanzierung eines Rentners teilen. Angesichts der Macht der Alten bei Wahlen wagt sich keine Regierung an Reformen, die die demografischen Belastungen gleichmässiger auf die Generationen verteilen.

Die Beiträge an die Sozialversicherungen haben die Marke von 50 Prozent überschritten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ein grosser Teil der Babyboomer pflegebedürftig ist. Plätze in Senioren- und Pflegeheimen sind Mangelware, monatelange, mitunter jahrelange Wartezeiten sind normal.

Dazu kommt, dass die Regierung die Steuern immer weiter anhebt, um die wachsenden Zinslasten für die hohen Staatsschulden zu finanzieren, mit denen sie die Renten- und Pflegeversicherung querfinanziert. Der Spitzensatz der Einkommensteuer liegt über 50 Prozent. Der Mehrwertsteuersatz bewegt sich Richtung 25 Prozent.

Unternehmen und qualifizierte Arbeitskräfte haben Deutschland wegen der horrenden Abgabenlast den Rücken gekehrt. Selbst Migranten, die vor 25 Jahren noch in Massen nach Deutschland strömten, machen wegen der hohen Steuern und Abgaben und des wackelnden Sozialstaates einen Bogen um das Land. Die Versorgung mit basalen Dienstleistungen, vor allem im Gesundheitswesen, ist nicht mehr überall gewährleistet. Auf dem Land gibt es kaum Ärzte. Warteschlangen für Operationen sind an der Tagesordnung. Auch auf Handwerker müssen die Bundesbürger monatelang warten.

Weil gut qualifizierte Ingenieure, Mediziner, Naturwissenschafter und IT-Experten fehlen, hat das Land den Anschluss an die weltweite technologische Entwicklung verloren. Ob bei KI, Quantencomputing oder Robotik – Deutschland hinkt anderen Ländern in wichtigen Zukunftstechnologien hinterher. Die Produktivität sinkt seit Jahren.

Die Regierung brüstet sich damit, dass sie die Wirtschaft klimaneutral umgestaltet habe. Doch sie hat dadurch eine Kostenexplosion in Gang gesetzt, die die industrielle Basis zerstört hat. Deutschen Unternehmen mangelt es an preislicher Wettbewerbsfähigkeit. In den ehemaligen Paradedisziplinen der deutschen Wirtschaft, dem Automobilbau, dem Maschinenbau und der Chemie, dominieren inzwischen Anbieter aus China und Indien die Weltmärkte.

Selbst in den Nischen, in denen die Deutschen vor 25 Jahren noch Weltmarktführer waren, haben sie diese Positionen inzwischen verloren. Die Exporte sind weggebrochen, die Leistungsbilanz befindet sich in den roten Zahlen. Deutschland ist vom Export- zum Importweltmeister geworden. Um den Importüberschuss zu bezahlen, müssen sich die Deutschen im Ausland verschulden, so wie die Bürger in Schwellenländern.

Best Case: Deutschland entwickelt sich zum Comeback-Kid

Was die CDU im Bundestagswahlkampf 2025 versprochen hatte, ist 2050 eingetreten: Deutschlands Wirtschaft wächst mit Raten von knapp 2 Prozent. Der Standort ist wieder wettbewerbsfähig, die Unternehmen investieren wieder, die Exporte befinden sich im Aufwind, die Produktivität steigt.

Die Basis für diesen Erfolg? Ein heftiger Streit zwischen den Unionsparteien und der SPD um die Reform des Sozialstaats im Jahr 2027. An ihm zerbrach die Regierungskoalition. CDU und CSU bildeten daraufhin eine Minderheitsregierung, fassten sich ein Herz und verordneten Deutschland tiefgreifende Reformen, die sie mit wechselnden Mehrheiten durch das Parlament brachten.

Die Regierung stoppte den kostentreibenden Ausbau der erneuerbaren Energien und hob den Beschluss zum Ausstieg aus der Kohleverstromung auf. Die heimische Braunkohle ist nun wieder eine der wichtigsten Energiequellen in Deutschland. Die bei der Verbrennung von Kohle auftretenden Kohlendioxidemissionen werden abgeschieden und tief unter der Ost- und der Nordsee gespeichert.

Ebenso wie die meisten anderen Industrieländer betreibt Deutschland wieder Kernkraftwerke. Alte Meiler wurden so weit wie möglich wieder in Betrieb genommen, neue hinzugebaut. Strom in Deutschland ist nicht mehr teurer als in anderen Industrieländern. Die Deindustrialisierung wurde gestoppt.

Auch bei den Steuern ist Deutschland wieder wettbewerbsfähig. Der Höchstsatz der Einkommensteuer beträgt 35 Prozent, derjenige der Körperschaft für Unternehmen 10 Prozent. Zur Gegenfinanzierung hat die Regierung alle Subventionen gleichmässig gekürzt.

Im Gesundheitswesen müssen sich die Patienten an den Kosten der von ihnen beanspruchten Leistungen beteiligen. Schwere Krankheiten sind davon ausgenommen. Überfüllte Arztpraxen und monatelange Wartezeiten für Termine gehören jetzt der Vergangenheit an.

Im Schnitt gehen die Deutschen mit 67 Jahren in Rente. Das Rentenzugangsalter ist an die steigende Lebenserwartung gekoppelt. Wer früher in Rente gehen will, kann dies tun, muss aber erhöhte Abschläge hinnehmen. Wer länger als bis zum offiziellen Rentenalter arbeitet, und das tut die Hälfte der Deutschen, erhält später entsprechend höhere Renten. 80 Prozent der Deutschen sorgen zudem privat fürs Alter vor. Die Regierung belohnt das durch hohe Steuervorteile.

Wer Pflege benötigt, muss dafür zunächst das eigene Vermögen heranziehen. Erst wenn dieses komplett aufgebraucht ist, gewährt die Pflegeversicherung finanzielle Unterstützung. Die meisten Beschäftigten besitzen mittlerweile eine steuerbegünstigte kapitalgedeckte Zusatzversicherung. Die Gesamtbeiträge an die Sozialversicherungen liegen wieder unter der Marke von 40 Prozent. Die gesunkenen Lohnnebenkosten haben dazu beigetragen, dass die Zahl der Arbeitslosen unter 2 Millionen gefallen ist.

Dank den im internationalen Vergleich geringen Abgaben ist Deutschland für qualifizierte Arbeitskräfte wieder attraktiv. Unternehmen können sich aus dem wachsenden Angebot die besten Kräfte aussuchen. Um die Einwanderung an den Bedürfnissen der Unternehmen auszurichten, hat die Regierung ein Punktesystem nach dem Vorbild Australiens eingeführt. Die unkontrollierte Migration ist hingegen Schnee von gestern, seit die Regierung dauerhafte und engmaschige Grenzkontrollen durchführt.

Weil die Regierung die Besteuerung von Dividenden, Zinsen und Kursgewinnen abgeschafft hat, ist Aktienbesitz in Deutschland so populär wie in den USA. Aus dem Land der Kleinsparer ist ein Land der Investoren geworden. Bei der Finanzierung von Startups muss sich Deutschland nicht mehr hinter Amerika verstecken. Die Abwanderung der kreativen Köpfe ins Silicon Valley ist gestoppt, Deutschland ist wieder die Heimat für Erfinder. Das Land glänzt mit Innovationen, die es auf den Weltmärkten zu Geld macht. Die gesamtwirtschaftliche Produktivität wächst.

Als Erfolgsmassstab gelten Regierung und Parlament, möglichst wenig Gesetze zu verabschieden. Der Bürokratieaufwuchs ist gestoppt. Zudem hat sich die Regierung von allen staatlichen Beteiligungen getrennt. Die Deutsche Bahn ist komplett in privater Hand. Die Züge sind wieder pünktlich und sauber. Bahnhofsviertel sind keine No-go-Areas mehr, sondern beliebte Treffpunkte mit schicken Cafés und Läden.

Die Privatisierungserlöse hat die Regierung in Bildung und Forschung gesteckt. Wissenschafter werden nicht mehr durch enge staatliche Vorgaben gegängelt, sondern können frei an den Universitäten forschen. Zweifel an wissenschaftlichen Thesen werden nicht mehr als Häresie verteufelt, sondern als Bereicherung des Diskurses wertgeschätzt. Deutschland ist wieder das Mekka für hochkarätige Wissenschafter aus aller Welt. In internationalen Standortvergleichen belegt das Land Toppositionen.

Realistischer Case: Deutschland mogelt sich durch

Deutschland hat 2050 die Kurve gekriegt. Spät zwar, aber nicht zu spät, um den wirtschaftlichen Niedergang zu stoppen. Das heisst jedoch nicht, dass Deutschland tiefgreifende Reformen mit der nötigen Konsequenz ins Werk gesetzt hat, deren es bedarf, um wirtschaftlich wieder durchzustarten. Javier Milei, Margaret Thatcher und Ronald Reagan würden die Reformen, die die Regierung in Deutschland Ende der 2020er Jahre auf den Weg gebracht hat, nur ein müdes Lächeln abringen.

Immerhin raffte sich die Regierung zu einigen wirtschafts- und sozialpolitischen Korrekturen auf. Ende der 2020er Jahre führte sie den Nachhaltigkeitsfaktor bei der Rente wieder ein und bremste damit den Rentenanstieg. Auch die Rente mit 63 schaffte sie ab. Wer eine ungeschmälerte Rente beziehen will, muss nun bis zum 67. Lebensjahr arbeiten.

Allerdings: Eine Koppelung des Rentenzugangsalters an die Lebenserwartung gibt es immer noch nicht. Dafür müssen die Bürger auf alle Einkünfte, darunter Mieten, Zinsen und Dividenden, Rentenbeiträge zahlen. Das hat ihre Kaufkraft geschmälert. Der Einzelhandel leidet schwer darunter. In vielen Einkaufsvierteln herrscht Leerstand. Auch die Bereitschaft der Bürger, privat fürs Alter vorzusorgen, hat wegen der Rentenbeiträge auf Kapitalerträge und Mieten nachgelassen.

Immerhin ist es der Regierung gelungen, die Beiträge an die Sozialversicherungen unter der Marke von 50 Prozent zu halten. Dazu hat sie den Leistungskatalog der Kranken- und Pflegeversicherung ausgedünnt. Die Patienten müssen einige Leistungen, darunter Zahnbehandlungen, selbst zahlen.

Um die Abwanderung von Unternehmen aus Deutschland zu stoppen, haben die Gewerkschaften längeren Arbeitszeiten zugestimmt und sich bei den Lohnforderungen zurückgehalten. Das hat die Beschäftigung stabilisiert. Der Abwärtstrend bei den Investitionen ist gestoppt.

Den Satz für die Körperschaftsteuer hat die Regierung auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau von 10 Prozent gesenkt. Bei der Einkommensteuer aber kassiert der Staat die Bürger nach wie vor mit hohen Steuersätzen ab.

Die Energiepreise in Deutschland sind noch immer hoch. Das schreckt Investoren ab. Während andere Länder seit Jahren auf Kernenergie und Kohlekraftwerke setzen, gewinnt Deutschland seinen Strom ausschliesslich durch erneuerbare Energien und Gaskraftwerke. Weil der Import von flüssigem Gas und der Netzausbau viel Geld verschlingen, ist Strom in Deutschland teuer wie eh und je. Die energieintensive Industrie hat daher bis auf wenige Nischenanbieter den Standort Deutschland verlassen.

Auch wenn sich Deutschland in Sachen Reformen etwas bewegt hat – ein fulminantes wirtschaftliches Comeback ist ausgeblieben. In internationalen Vergleichen zur Standortqualität kommt Deutschland über Plätze im unteren Mittelfeld nicht hinaus. Andere Länder waren reformfreudiger, haben ihre Sozialsysteme schneller auf die Alterung umgestellt, haben auf günstigen Strom und niedrigere Steuern gesetzt.

Qualifizierte Arbeitskräfte, die für das Wachstum der Wirtschaft unerlässlich sind, machen weiterhin einen Bogen um Deutschland. Zu hoch sind die Abgaben im internationalen Vergleich, als dass Deutschland als Arbeitsort für die globale Leistungselite infrage käme.

Auch bei der Produktivität, dem wichtigsten Motor für den Wohlstand, kommt Deutschland nicht vom Fleck. Wegen der hohen Staatsschulden fliesst immer mehr Steuergeld in den Zinsdienst. Auch für die Ausstattung der Bundeswehr geht mehr Geld drauf als früher. Daher spart die Regierung an den Ausgaben für Bildung und Forschung. Das schlägt sich in nachlassenden Innovationen und einer anhaltenden Produktivitätsschwäche nieder.

Mehr Wohlstand für alle ist in Deutschland zu einem Slogan geworden, der Erinnerungen, aber keine Hoffnung auf die Zukunft weckt. Die Deutschen sind bescheiden geworden – und sind froh, wenn sie ihren Wohlstand mit ein wenig Glück halten.