Sie haben im Lauf ihrer Karriere schon einer Mörderin zur Flucht verholfen, Cyberkriminelle und einen Amokläufer in München gejagt – und am Zweiten Weihnachtsfeiertag kommt ihr drittletzter „Tatort“ ins TV. Die Schauspieler Miroslav Nemec (71) und Udo Wachtveitl (67) schmerzt der bevorstehende Abschied aber nicht.

Herr Nemec, Herr Wachtveitl, Sie nehmen Abschied vom Münchner „Tatort“ nach mehreren Jahrzehnten. Die wenig originelle Frage ist: Wie bereitet man sich darauf vor?

Wachtveitl: Es waren mehr als 30 Jahre – ausgestrahlt wurde der erste 1991, wir haben ja schon davor gedreht, etwa zur Zeit des Mauerfalls. Also sind es nächstes Jahr, wenn die letzten Fälle gesendet werden, fast 37 Jahre. Meine wenig originelle Antwort: Dieser Abschied kommt nicht plötzlich. Wir haben das eineinhalb Jahre vorher schon mit der Redaktion besprochen, sind also vorbereitet. Der Abschied eines Schauspielers aus einer Rolle ist ja was anderes als der Abschied eines Trambahn-Fahrers oder eines Hand-Chirurgen in den Ruhestand. Die haben einen richtigen letzten Arbeitstag. Bei uns geht es ja weiter.

Nemec: Natürlich ist es komisch, wenn man dann sicher weiß, dass man nun kein neues „Tatort“-Drehbuch mehr bekommt. Aber es ist richtig – schon allein vom Alter her: Bei der echten Polizei wären wir ja längst schon im Ruhestand.

Was kommt nun?

Wachtveitl: Der „Tatort“ hat uns drei bis vier Monate im Jahr beschäftigt. Das heißt: Acht oder neun Monate, je nach Angeboten, haben wir immer schon etwas anderes gemacht. Man hatte also über die Jahrzehnte genügend Zeit, sich an das Leben ohne „Tatort“ zu gewöhnen.

Wobei ja einiges von ihrer Persönlichkeit in den Figuren des Franz Leitmayr und des Ivo Batic steckt – Sie haben die Charaktere mitentwickelt. Fühlt sich das nicht anders an als eine Theaterrolle, die mit dem Schlussapplaus endet?

Wachtveitl: Das ist schon so eine osmotische Identitätsdurchdringung, natürlich. Es wäre hier nicht angebracht gewesen, aus dem Leitmayr mit Gewalt jemand völlig anderen zu machen. Das ist eine ganz andere Aufgabenstellung, als wenn ich den „zerbrochenen Krug“ spiele. Der Leitmayr sieht ungefähr aus wie ich, kleidet sich ungefähr so wie ich und spricht so ähnlich wie ich. Bei einer anderen Kriminaler-Rolle müsste man es anders machen.

Eine Szene aus „Schau mich an“ (2024) Foto: dpa

Wird das gehen – nach der Dienstzeit als Leitmayr und Batic einen ganz anderen Ermittler spielen? Während der langen „Tatort“-Dienstzeit ja wohl kaum…

Nemec: Ja sicher, jetzt können wir alles spielen, was wir wollen. Während der tatsächlichen „Tatort“-Drehzeit wäre es natürlich weder möglich noch gewollt gewesen, eine andere Ermittlerrolle zu übernehmen.

Auch keine Mörder?

Nemec: Doch, Mörder vielleicht schon. Es gab sogar den Fall, dass Jörg Schüttauf (der Frankfurter „Tatort“-Kommissar von 2002 bis 2010; d. Red.) mal bei uns in München einen Täter spielen sollte, als er noch Kommissar war. Das gab richtig Ärger. Man hat das Problem dann so gelöst, dass er eine andere Frisur und eine Brille verpasst bekam.

Wie werden Sie denn das Dienstende von Batic und Leitmayr erleben?

Nemec: Das tatsächliche Dienstende kommt ja erst im nächsten Jahr, mit unserem allerletzten Fall als Doppelfolge. Wie wir das feiern werden, wissen wir heute noch nicht. Unseren kommenden Fall „Das Verlangen“ mit Ausstrahlung zu Weihnachten werde ich allerdings nicht wie sonst mit der Familie schauen können, denn da stehen Udo und ich mit der „Weihnachtsgeschichte“ in München in der Isarphilharmonie zusammen auf der Bühne. Ich bin jedoch sehr gespannt, wie er ankommt. Dieser „Tatort“ war für mich auch etwas ganz Besonderes. Wir haben im Residenztheater gedreht, wo ich von 1980 bis 1986 ein Engagement hatte. Zwar wurde der Zuschauerraum umgebaut, aber auf der Bühne hat es sich schon noch angefühlt wie damals.

Herr Wachtveitl, schauen Sie auch ?

Wachtveitl: Nein, die eigenen nie. Vielleicht kennen Sie das: Wenn man den Anrufbeantworter bespricht und hört das dann, da denkt man doch, das hört sich komisch an, das bin nicht ich. So geht es mir mit dem Bild auch.

Nemec und Wachtveitl stehen aktuell gemeinsam auf der Bühne mit Charles Dickens Weihnachtsgeschichte. Foto: Stefan Nimmesgern

Der neue „Tatort“ hat ja auch wieder alles: Viel Lokalkolorit, aber auch Anspielungen aufs Aufhören.

Nemec: Die „Tatort“-Reihe lebt von der Regionalität. Die Filme sind immer auch ein Einblick in die Stadt und die Region, in der sie spielen. Das war uns auch immer sehr wichtig. Wir wollten auch viel von der Münchner Lebensfreude zeigen.

Wachtveitl: Ja, zur Regionalität gehört auch, dass man sich in München eher am Leben freut. Die Idee des „Tatorts“ ist, dass sich am Sonntag um 20.15 Uhr eine Stadt, eine Region der ganzen Republik präsentieren soll. Mit Dialekt, Typen, Straßenzügen, Eigenheiten. Ansonsten wäre es Wischiwaschi.

Stammen die Anspielungen aufs Aufhören von Ihnen oder vom Autor?

Nemec: Es wurde da und dort von der Redaktion und den Autoren versucht, in den Dialogen Hinweise auf ein näher rückendes Ende einzuflechten. So sagen wir über den Kalli (Ferdinand Hofer; d. Red.), unseren Nachfolger: „Den haben wir gut hingekriegt“, so als kleine Anspielung. Im wahren Leben haben wir zwei echte Polizeipräsidenten in Rente verabschiedet, und die waren jünger als wir.

Wachtveitl: Ich bin da vorsichtig. Ich hab versucht, diese Witzchen über das Alter, die mir manchmal wie eine krampfhafte Vorwärtsverteidigung vorkamen, aufs richtige Maß zu stutzen. Weil es einfach auch albern ist. Aber im richtigen Maß passt es schon, gerade auch für den Ferdinand.

Apropos realistisch – es gab auch Folgen, die sich zumindest an echten Fällen orientiert haben; „Unklare Lage“ über einen Amoklauf zum Beispiel. Wie viel Realität verträgt ein „Tatort“?

Wachtveitl: Viel. Der „Tatort“ ist ein realistisches Medium und sollte das Tatsächlichkeitsgefühl der Zuschauer nicht stören – natürlich nicht im Sinne eines Dokumentarfilms. Aber im Sinne einer Glaubhaftigkeit und der Abbildung großer gesellschaftlicher Themen. Wobei immer gilt: Zuallererst muss es ein guter Film sein, dann darf er auch gerne gesellschaftsrelevant sein. Belehrungsfernsehen braucht keiner. 

Nemec: Man hat uns gesagt, dass der Umgang miteinander, die Gespräche zwischen den Ermittlern, sehr authentisch seien. Das ist natürlich schön zu wissen. Erstaunlich ist, was man uns ankreidet und was man uns durchgehen lässt.

Zum Beispiel?

Nemec: Wir kriegen zum Beispiel Rückmeldungen, wenn wir mal nicht angeschnallt im Auto sitzen. Und in „Frau Bu lacht“ (Folge 12 im Jahr 1995; d. Red.) haben wir die Mörderin überführt und ihr trotzdem zur Flucht ins Ausland verholfen. Das hat die Leute bewegt, weil es menschlich nachvollziehbar war.

War die Folge mit der kroatischen Verwandtschaft auch der Authentizität wegen ein Erfolg?

Nemec: Absolut. Da erkennen sich meine Landsleute wieder. Für meine Kroaten war das Anfang der 90er Jahre schon etwas Besonderes, dass da einer von ihnen im Fernsehen der Hauptkommissar ist. Das hat sie stolz gemacht.

Sie sind gerade auf Tour mit Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte und machen auch sonst viel Theater. Wofür schlägt Ihr Herz mehr – fürs Theater oder fürs Fernsehen?

Nemec: Für beides gilt: Es ist ein richtiges Handwerk und kann Freude bereiten.

Wachtveitl: Ein schlechter Dreh ist mir weniger lieb als ein guter Bühnenauftritt – und umgekehrt. Es kommt immer auf die Qualität an.

Info

98. Fall
 Das Duo wird ins Münchner Residenztheater gerufen: die Schauspielerin Nora Nielsen ist tot auf der Bühne zusammengebrochen – Suizid oder Mord? Bei „Das Verlangen“ erwartet die Zuschauer kein Action-Spektakel, sondern ein Kammerspiel; es spielt fast die ganze Zeit im Theater. Und ein Vergnügen am Rande: Sechs Jahre lang war Miroslav Nemec fest im Ensemble des Residenztheaters – und darf nur laut Drehbuch herrlich über den „Theaterzirkus“ lästern.

„Tatort: Das Verlangen“
 ARD, Freitag, 26. Dezember, 20.15 Uhr