Mitte Dezember war es wieder so weit. Da kritisierte Papst Leo XIV. (70) den US-Präsidenten Donald Trump (79) deutlich, ohne ihn namentlich oder auch nur in seiner Funktion zu nennen. „Die Äußerungen über Europa, auch in den jüngsten Interviews, versuchen meiner Meinung nach, das zu zerstören, was ich für ein sehr wichtiges Bündnis heute und in Zukunft halte“, hieß es vom Papst. Alle verstanden, wer gemeint war.

Es ist eine einmalige Konstellation. Seit dem 8. Mai 2025 führt erstmals ein US-Amerikaner als Papst die katholische Kirche an. Damit steht Donald Trump, dessen zweite Amtszeit als US-Präsident am 20. Januar 2025 begonnen hat, ein anderer US-Amerikaner als religiöses Oberhaupt und Staatsoberhaupt des Vatikan gegenüber.

Die USA haben rund 340 Millionen Einwohner, Katholiken gibt es weltweit gut 1,4 Milliarden. Bei der US-Präsidentschaftswahl 2024 stimmten von den US-Katholiken 55 Prozent für Trump.

Papst Leo XIV. im rot-weißen Gewand mit festlicher Stola zeigt sich erstmals auf der Loggia des Petersdoms und winkt, auf beiden Seiten neben ihm stehen lzwei Geistliche, die ihn begleitenPlötzlich war ein US-Amerikaner Papst: Nach seiner Wahl durch das Konklave tritt Leo XIV. am 8. Mai 2025 auf die Loggia des PetersdomsBild: Maria Grazia Picciarella/SOPA Images/ZUMA/picture alliance

Experten schlossen lange aus, dass angesichts der Bedeutung der Weltmacht USA ein US-amerikanischer Geistlicher an die Spitze der katholischen Kirche aufsteigen könnte. Andererseits gab es nach dem Tod von Papst Franziskus am 21. April 2025 und in den Papst-losen Wochen Gerüchte, dass finanzstarke reaktionäre US-Katholiken massive Zuwendungen für den stets klammen Vatikan angeboten hätten – für den Fall, dass der nächste Papst ein US-Amerikaner ist.

Trump zur Wahl von Papst Leo: „Was für eine Freude“

An Erzbischof Robert Prevost, geboren in Chicago, der viele Jahre in Peru gelebt und gearbeitet hat, dachten sie wahrscheinlich weniger. „Was für eine Freude und was für eine große Ehre für unser Land“, schrieb Trump kurz nach der Wahl auf seinem Social-Media-Kanal Truth Social. Er freue sich, Papst Leo XIV. zu treffen.

Begegnet sind sie einander seitdem noch nicht. Trump, der einst der Presbyterianischen Kirche angehörte, bezeichnet sich mittlerweile als nicht konfessionsgebundenen Christen.

Das Bild zeigt Zusammenstöße zwischen Sicherheitskräften verschiedener Einheiten und Geistlichen bei einem Anti-Abschiebungsprotest in Chicago. Im Hintergrund sieht man ein mit Zäunen abgesperrtes Gebäude der ICE-Abschiebetruppen. Im Vordergrund drängen Polizisten Protestierer, darunter auch christliche Geistliche, zurück.14.11.2025: Mehrfach gingen Polizeikräfte – so wie hier in Chicago, der Heimatstadt Papst Leos – bei Anti-Abschiebungs-Protesten mit Gewalt vor, auch gegen christliche GeistlicheBild: Jim Vondruska/REUTERS

Seit dem Herbst 2025 kritisierte Leo mehrfach und durchaus deutlich den Umgang der USA mit Migranten. Einige US-Bischöfe schlossen sich dem frühzeitig an. Andere folgten allmählich angesichts der brutalen Bilder davon, wie vermummte Männer Menschen aus Fahrzeugen zerrten oder aus Krankenhaus-Fluren verschleppten. 

Dennoch hatte wohl keiner damit gerechnet, wie massiv sich die US-Bischofskonferenz, der rund 270 Bischöfe und Weihbischöfe angehören, Mitte November nahezu einstimmig gegen Trumps Migrationspolitik stellte. Die Bischöfe beklagten ein „Klima der Angst“, die „Verunglimpfung von Einwanderern“. Sie betonten, sie seien verpflichtet, ihre Stimme „zur Verteidigung der von Gott gegebenen Menschenwürde zu erheben“.

Die Form der Stellungnahme, eine „Sonder-Mitteilung“, war ungewöhnlich. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren nahmen die Bischöfe so konkret Stellung zu einer aktuellen politischen Frage. Ungewöhnlich war auch, wie sehr die Bischofskonferenz das Anliegen durch eine Social-Media-Kampagne pushte, bei der sich viele Bischöfe persönlich sehr kritisch zu Wort meldeten.

Konservative Bischöfe in den USA

Das war in dieser Deutlichkeit nicht zu erwarten. Denn die US-Bischöfe sind im Durchschnitt konservativer als europäische Bischöfe. Sie standen vielfach in direkter Opposition zu Papst Franziskus (2013-2025). Politisch lassen viele eine Verbundenheit zum republikanischen Lager erkennen.

Nicht aber beim Thema Migration. „Das haben die Bischöfe sehr stark gemacht“, sagt der Eichstätter Dogmatiker Benjamin Dahlke der DW. „Egal, welcher kirchenpolitischen Richtung die Bischöfe selber angehören, gab es einen sehr großen Konsens von links bis rechts.“ Es sei ihnen einfach „völlig klar“, dass das Vorgehen der aktuellen Regierung gegen Migranten teilweise dem Gesetz entgegenstehe. Theologe Dahlke, der Gastprofessor in den USA war, forschte dort für ein Buchprojekt.

Migration ist das Großthema, bei dem kirchliche Kritik an Trump am deutlichsten wird. Vor dem Votum der Bischofskonferenz gab es spürbare Signale, dass der Papst auf eine entsprechende Positionierung drängt. Der ein oder andere eher liberale Bischof war in den Wochen vorher bei Leo zu Gast. Der Botschafter des Papstes in Washington, der französische Erzbischof Christophe Pierre (79), ist ein Kardinal. Für einen Nuntius ist ein so hohes Amt in der katholischen Kirche selten. Es dürfte seiner Autorität vor Ort nicht schaden.

Zur Inauguration des 47. Präsidenten spricht Kardinal Timothy Dolan am Mikrofon die sogenannte Anrufung. Knapp hinter ihm steht Präsident Trump. Im weiteren Hintergrund erkennt man unscharf einige der Ehrengäste, so Unternehmer Elon Musk, die Frau von Vizepräsident Vance und Unternehmer Mark Zuckerberg   Nah beim Präsidenten: New Yorks katholischer Erzbischof, Kardinal Timothy Dolan (l.), bei der Amtseinführung von Präsident Donald Trump 2025Bild: CNP/AdMedia/picture alliance

Indes: Vom Thema Migration lässt sich nicht auf Konfliktbereitschaft in anderen Themenbereichen schließen. „Papst Leo hat im September begonnen, bei der Frage der Migration offener zu reden“, sagt der Theologe Massimo Faggioli der DW. Zur Lage der Demokratie in den USA und anderen Regionen halte sich Leo zurück, anders als sein Vorgänger. „Irgendwann ist das ein Thema, das er angehen muss.“

Faggioli treibt das Thema um. Der italienisch-amerikanische Theologe lehrte jahrelang an einer US-Universität. Im Sommer siedelte er mit seiner Familie nach Irland um. Er unterrichtet nun am Trinity-College in Dublin. Nach Einschätzung des Theologen gibt es längst „MAGA-Katholiken“, also Unterstützer des „Make-America-Great-Again“-Kurses von Trump, die Leo kritisch sähen. Aber das sei noch kein Vergleich zur massiven MAGA-Kritik an Papst Franziskus.

„Good vibrations“ zwischen dem Papst und den US-Amerikanern

Noch zeigten sich, so Faggioli, „zwischen diesem Papst und allen US-Amerikanern viele positive Schwankungen“, „good vibrations“. Das werde andauern, bis Leo etwas sage, das politisch stärker spalte als bislang. In einer Reihe von Fragen seien die Unterschiede zwischen dem MAGA-Katholizismus und dem Vatikan enorm.

Faggioli verweist auf Vize-Präsident JD Vance, der katholisch ist. „Vance ist immer strategisch, nicht naiv“, sagt er. Bislang habe er sich wohl entschieden, Leo nicht offen zu kritisieren. Gemeinsam mit US-Außenminister Marco Rubio, gleichfalls Katholik, war der Vizepräsident mit Ambitionen auf die Präsidenten-Nachfolge auch schon beim Papst zu Gast.

In einem der großen Audienzräume des Vatikan sitzt Papst Leo XIV. rechts am Schreibtisch. Ihm gegenüber Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio. Die weitere Ausstattung des großen Raumes wirkt klassisch und barock mit dunklen Möbeln und Bildern mit Goldrahmen19. Mai 2025: US-Vizepräsident Vance (2.v.l.) und Außenminister Rubio (l.) wenige Tage nach der Papstwahl bei Papst Leo im VatikanBild: Vatican Media/ABACAPRESS.COM/picture alliance

Überschätzen Außenstehende die Kluft zwischen Präsident und Papst? Benjamin Dahlke spricht beim Thema Migration von einem „latenten Gegeneinander“. Auf der anderen Seite gebe es jedoch auch ein „latentes Miteinander“, weil beide etwa bei der Bedeutung von Familie und wohl auch in Bezug auf die Gender-Thematik „eher in eine Richtung gehen“.

Papst und Präsident mit gemeinsamer Muttersprache

Dass beide US-Amerikaner seien, der Papst und der Präsident, sei „eine Verbindung, die man nicht unterschätzen darf“, betont Dahlke. Mit einem Landsmann könne man auf eine andere Weise umgehen als Menschen aus anderen Ländern: Papst und Präsident haben eine gemeinsame Muttersprache.

Ob sich Trump und Leo XIV. wohl 2026 begegnen? Der Papst deutete bei seinem Rückflug von Beirut nach Rom Anfang Dezember an, demnächst nach Afrika zu reisen, wo er unter anderem Algerien besuchen wolle. Als weiteres Ziel nannte er Lateinamerika und erwähnte ausdrücklich Argentinien und Uruguay. Von den USA sprach er nicht.

Bei Trump scheint zumindest eine Europa-Reise für 2026 festzustehen. Bundeskanzler Friedrich Merz deutete an, dass der US-Präsident im nächsten Jahr die Heimat seiner Vorfahren im rheinland-pfälzischen Kallstadt besuchen wolle. Von dort aus wäre es bis Rom nicht mehr weit.