1927 wird in Karlsruhe ein Häuserblock mit modernen Kleinwohnungen geplant. Hier arbeiten Stadtverwaltung und Mieter- und Bauverein (MBV) Hand in Hand, um den Mangel an Kleinwohnungen in der Fächerstadt zu decken. Bereits 1926 macht die Stadtverwaltung dem MBV das Angebot, ihm zum Anlass seines 30-jährigen Bestehens einen Plan für diesen Häuserblock zu schenken.
Die Planung des Gottesauer Blocks in der Oststadt
Geplant ist, den Gottesauer Exerzierplatz zu bebauen, der zu dieser Zeit noch dem Reich gehört. Im März 1927 lässt die Stadtverwaltung Pläne für den Bau eines „Wohnungshotels“, eines Komplexes von Kleinwohnungen, auf dem Gebiet des ehemaligen Exerzierplatzes der früheren Artilleriekaserne Gottesaue gegenüber der Lutherkirche vom städtischen Hochbauamt ausarbeiten. Der Bau des Wohnblocks soll Kleinwohnungen enthalten und durch den MBV ausgeführt werden.

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Die Oststadt 1920 (Planungsausschnitt).
Foto: Archiv Mieter- und Bauverein Karlsruhe
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Die Oststadt 1920 (Planungsausschnitt).
Foto: Archiv Mieter- und Bauverein Karlsruhe
Die Sache soll so beschleunigt werden, dass noch 1927 mit dem Bau angefangen werden kann. Der Bau soll „unter starker Anwendung von Typisierung und Normierung“ entstehen, damit die Baukosten auf ein gewisses Mindestmaß beschränkt werden.
Das „Wohnungshotel“
Das „Wohnungshotel“ soll sich von den bisher gebauten Kleinwohnungen unterscheiden. Es sollen dreistöckige Häuser errichtet werden, in denen es lediglich zwei Wohnungen pro Treppe gibt. Der Block wird mit Grünanlagen, einem Kinderspielplatz und einem großen Hof ausgestattet sein.
Zusätzlich soll das ganze Wohnungshotel eine zentrale Waschküche in einem besonderen Bau und Zentralheizung enthalten. Insgesamt sollen hier 166 Wohnungen entstehen, die auf moderne Art und Weise und mit neuen Mitteln ausgestattet sind. Das soziale Wohnungsbauprojekt wird vom damaligen Baubürgermeister Hermann Schneider besonders gefördert, der selbst im März 1927 einen Generalbebauungsplan für die Landeshauptstadt Karlsruhe ausgibt.
Mieter- und Bauverein kauft den Exerzierplatz
Leider entwickelt sich die Angelegenheit nicht so schnell wie erhofft: 1928 werden die an der Ostseite der Wolfartsweierer Straße liegenden großen „Rauhfutter-Magazine“ aus Sandstein dem Mieter- und Bauverein zum Verkauf freigegeben, die der MBV als Lager- und Werkstätten vermieten kann.

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Bebauungsplan Gottesauer Block.
Foto: Archiv Mieter- und Bauverein Karlsruhe
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Bebauungsplan Gottesauer Block.
Foto: Archiv Mieter- und Bauverein Karlsruhe
Der Exerzierplatz selbst wird erst nach jahrelangen Verhandlungen erworben, schließlich kauft der Mieter- und Bauverein am 1. Juni 1929 den ganzen Exerzierplatz, 24.043 Quadratmeter für 325.248 Reichsmark, und damit 13,52 Reichsmark pro Quadratmeter. Ein Jahr später kauft er das große Gelände Ecke Wolfartsweierer Straße und Gottesauer Straße mit 1.560 Quadratmeter zu einem Quadratmeterpreis von 16,50 Reichsmark.
In der Vergangenheit hat man eher größere Wohnungen gebaut, aber die moderne Wohnungskultur tendiert zu Kleinwohnungen. Infolge der wirtschaftlichen Lage in den 1920er-Jahren ist auch der Bedarf nach Kleinwohnungen viel größer als vor dem Krieg. Leider werden jedoch immer noch zu wenige Kleinwohnungen gebaut, worüber in allen Sitzungen des Bürgerausschusses geklagt wird. So wird der Plan, den neuen Häuserblock zu bauen, sehr begrüßt.
Neue Planung mit Wettbewerb
Die 1927 eingereichten Baupläne bieten jedoch keine maximale Nutzung. So veranstaltet der Mieter- und Bauverein einen Wettbewerb für die Bebauung des Gottesauer Exerzierplatzes unter Karlsruher Architekten.

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Architektenwettbewerb, Badische Presse am 8. März 1930.
Foto: privat
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Architektenwettbewerb, Badische Presse am 8. März 1930.
Foto: privat
Obwohl bis Februar 1930 sehr viele Entwürfe vorliegen, entscheidet man doch unter dem eigenen MBV-Baubüro, das von Emil Brannath geführt wird, neue Pläne zu erstellen. Auszeichnungen für den Wettbewerb werden an Karl Fritz, Hans Zippelius, Alfred Fischer und Adolf Müller-Kirchenbauer verteilt.
Der Mieter- und Bauverein Karlsruhe
Bereits 1927 ist die größte gemeinnützige Baugenossenschaft in Baden der Mieter- und Bauverein, dessen Gründung der Eisenbahn-Oberingenieur Karl Delisle im Jahr 1897 zu verdanken ist. Nach zehnjährigem Bestehen hat die Genossenschaft bereits 345 Wohnungen erbaut, in denen 1647 Personen wohnten. Fünf Jahre später hat sich diese Zahl auf 427 Wohnungen erhöht.
Durch den Ersten Weltkrieg und die katastrophal gewordene Wohnungsnot nach dem Krieg stieg die Bautätigkeit des Vereins enorm. So hatte er bis Ende des Jahres 1926 insgesamt 112 Häuser mit 758 Wohnungen errichtet, in denen 3107 Personen gelebt haben.
Der Wohnungsbestand in Deutschland beträgt rund 16.140.000 im Jahr 1931, als der Bau des Gottesauer Blocks voll im Gange ist. Rund 2.500.000 davon sind Neubauwohnungen, was bedeutet, dass auf je 14 Altbauwohnungen eine neue entfällt. Für seine Bauten wählt der Verein die Bauform von Hochbauten und die Wohnblocks entstehen in allen Gegenden von Karlsruhe. Die meisten Häuser enthalten 2- und 3-Zimmer-Wohnungen. Finanziert werden die Bauten hauptsächlich durch Gelder, die die Vereinsmitglieder selbst einzahlen.
August Schwall wird Vorstandsvorsitzender
Nachdem Gründer Karl Delisle sich aus Altersgründen aus dem Vorstand zurückzieht, übernimmt Professor Paul Nestle den Vorsitz. Er fällt jedoch an der Front im Ersten Weltkrieg und Eisenbahn-Oberinspektor a. D. August Schwall übernimmt die Leitung des Unternehmens. Der Stadtrat beschließt, im Juli 1930 die Straße nach dem Vorsitzenden umzubenennen.
Der projektierte Wohnblock wird schließlich zwischen 1930 und 1933 durch den Mieter- und Bauverein Karlsruhe errichtet. In zwei Bauabschnitten wird der Block von der Gottesauer Straße – Wolfartsweierer Straße – Gottesauer Platz und Buntestraße bis 1931 gebaut. Am 1. Mai können die ersten 184 Wohnungen bezogen werden und am 1. Oktober ziehen weitere 94 Mieter ein. 1932 wird mit dem Bau von 72 Wohnungen begonnen und im Juli 1933 konnten diese Häuser auch bezogen werden.

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Gottesauer Platz 1, 2 und 3 sowie Buntestraße 1 bis 15.
Foto: Archiv Mieter- und Bauverein Karlsruhe
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Gottesauer Platz 1, 2 und 3 sowie Buntestraße 1 bis 15.
Foto: Archiv Mieter- und Bauverein Karlsruhe
Insgesamt werden 343 Hauseinheiten mit 44 Ein- bis Vierzimmerwohnungen im Gottesauer Block gebaut. Dazu kommen sechs Ladengeschäfte am Gottesauer Platz: eine Bäckerei, ein Blumengeschäft, Milch- und Käseladen und Friseur sowie Zweigstellen von „Pfannkuch“ und „Lebensbedürfnisverein“, später „Co-op“.
Die Wohnungen im Gottesauer Block werden an Mitglieder vergeben, die seit zehn oder mehr Jahren Mitglied des Vereins sind, an kinderreiche Familien und Schwerkriegsbeschädigte, dringende Wohnungsfälle und an Bewerber, die ein Arbeitgeberdarlehen erhalten. Der anderen Wohnungen werden verlost.
Insgesamt wird der Gottesauer Block – der auch das Waschhaus einschließt – mit geringen finanziellen Mitteln in einer Zeit der extremen wirtschaftlichen Depression errichtet. Die Gesamtkosten für die 344 Wohnungen, sechs Läden und das Waschhaus belaufen sich auf 3.127.537 Reichsmark.
Der Architekt Emil Brannath
Fast alle Bauten des Vereins werden vom Architekten Emil Brannath geplant und ausgeführt. Auch die endgültigen Entwürfe des Gottesauer Wohnblocks in der Oststadt stammen schließlich von Brannath, der das Baubüro des Vereins leitet.
Brannath wird 1872 in Mühlburg geboren und fängt eine bautechnische Ausbildung in Karlsruhe an. Diese bricht er jedoch 1891 ab und übersiedelt in die USA, wo er bis 1894 als Zimmermann arbeitet. Danach kehrt er nach Baden zurück, leistet seinen Militärdienst ab und beendet dann sein Studium an der Karlsruher Baugewerkeschule.
Als der Mieter- und Bauverein 1897 gegründet wird, steigt Brannath in das Architekturbüro von Eugen Bischoff ein, der damalige leitende Architekt der Baugenossenschaft. 1903 wird Brannath zum verantwortlichen Architekten und richtet ein eigenes Baubüro ein, das er bis September 1936 leitet. Nach seinen Plänen entstehen bis zum Ersten Weltkrieg auch zahlreiche Mietswohnhäuser in der Südweststadt, Weststadt und Oststadt von Karlsruhe.

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Wohnblock im Bau (Karlsruher Tagblatt vom 12. Oktober 1930).
Foto: Archiv Mieter- und Bauverein Karlsruhe
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Wohnblock im Bau (Karlsruher Tagblatt vom 12. Oktober 1930).
Foto: Archiv Mieter- und Bauverein Karlsruhe
Wegen der katastrophalen Wohnungsnot infolge des Ersten Weltkriegs errichtet Brannath monumentale Wohnungsblöcke in funktionalem Stil, wie beispielsweise der Gottesauer Block und der Meidinger Block, der zwischen 1933 und 1936 in der Südstadt zwischen der Kriegsstraße und der Baumeisterstraße entsteht.
Brannaths Wohnungspolitik entspricht jedoch nicht der der Nationalsozialisten, die 1933 die Macht ergreifen und Kleinsiedlungen mit billigen Eigenheimen und Kleinsthäusern bevorzugen. Brannath ist nicht bereit, von seinen Prinzipien abzuweichen und verlässt 1936 das Baubüro.
Das Waschhaus als Kommunikationszentrale
Bei der Planung des Gottesauer Blocks wird entschieden, anstelle einzelner Waschküchen in den Häusern eine Zentralwaschanlage mit Warmwasserversorgung für die Küchen und Bäder des ganzen Blocks zu bauen. Diese Zentralanlage wird am 1. Juli 1931 in Betrieb genommen und wird – ganz modern – mit großen Mangeln eingerichtet. Sie wird auch für alle Mitglieder, die außerhalb des Blocks wohnen, zur Benutzung angeboten.
Die Gemeinschaftseinrichtung des Waschhauses, mit seinen rund 240 Quadratmetern im Mittelpunkt der Anlage angeordnet, hat auch eine wichtige soziale Funktion. An diesem Ort, wie bei der kurz zuvor entstandenen ähnlichen Siedlung in Dammerstock, können sich die Hausfrauen beim Waschen ihrer Wäsche treffen.

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Die Mangeln im Waschhaus.
Foto: Archiv Mieter- und Bauverein Karlsruhe
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Die Mangeln im Waschhaus.
Foto: Archiv Mieter- und Bauverein Karlsruhe
Ab den 1930er Jahren wird Kleidung regelmäßiger gewaschen und die Frauen sind für diese Aufgabe zuständig. Während der Wäsche können die Frauen über alles diskutieren und sich sozial miteinander austauschen. So funktioniert das Gebäude – wie auch heute der Fall – als Kommunikationszentrum. Von hier aus werden auch alle Wohnungen in der Anlage mit Warmwasser versorgt.
Der Name der Straße wird unter den Nationalsozialisten geändert. Ab November 1933 heißt die Straße “Artilleriestraße“. Erst im August 1948 in der neuen Bundesrepublik wird die Straße wieder in “August-Schwall-Straße“ umbenannt. Auch der Gottesauer Platz wird unter den Nationalsozialisten in “Hermann-Göring-Platz“ umbenannt und erhält nach dem Sturz des NS-Regimes wieder seinen alten Namen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg
Im Zweiten Weltkrieg werden durch Luftangriffe 65 Häuser mit 451 Wohnungen des Mieter- und Bauvereins in Karlsruhe total zerstört, 122 Häuser mit 438 Wohnungen schwer beschädigt. Teilweise werden diese wieder aufgebaut – Ende 1952 beispielsweise kann die Baugenossenschaft ein Richtfest für sieben wiederaufgebaute Wohnungen in der Wolfartsweierer Straße 8 im Gottesauer Block feiern.
Nach dem Krieg wird das Waschhaus von den Mietern des MBV weiter für ihre Wäsche benutzt. Nicht nur die Bewohner des Gottesauer Blocks, alle Mieter des Mieter- und Bauvereins dürfen hier ihre Wäsche waschen. Ein Hausmeister achtet darauf, dass alles reibungslos funktioniert. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts laufen die Maschinen nicht mehr optimal – vor allem die Trockenregister nähern sich dem Ende ihrer Nutzungsdauer.

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Die Wohnungen des Gottesauer Blocks, in der Mitte das Waschhaus.
Foto: Carmele/TMC-Fotografie
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Die Wohnungen des Gottesauer Blocks, in der Mitte das Waschhaus.
Foto: Carmele/TMC-Fotografie
Schliesslich wird das Waschhaus im Jahr 2001 außer Betrieb genommen, da die Maschinen nicht mit Euromünzen funktionieren und sich eine Umrüstung nach der Währungsumstellung nicht lohnt. Damit endet die Ära des Gebäudes als Waschzentrale und es beginnt die Zeit der Vermietung als Arbeitsräume.
ka-news zieht in das Waschhaus ein
In Karlsruhe fängt die Geschichte der Online-Zeitung ka-news im September 2000 als Gründerunternehmen in der Technologiefabrik Karlsruhe, ebenfalls in der Oststadt, an. Jedoch muss das Unternehmen bereits nach zwei Jahren aus Platzgründen umziehen – in das ehemalige Waschhaus.

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Die ka-news-Redaktion am Gottesauer Platz.
Foto: Carmele/TMC-Fotografie
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Die ka-news-Redaktion am Gottesauer Platz.
Foto: Carmele/TMC-Fotografie
Vorher muss das allerdings komplett renoviert werden. Zuerst werden die alten Waschmaschinen und Bügelstationen entfernt, dann rund zwei Kilometer Datenkabel verlegt. Damit schließt sich der Kreis: Seit 23 Jahren erfüllt das Gebäude wieder seinen Zweck als Kommunikationszentrale.
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Katherine Quinlan-Flatter
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