Seit dem Wegfall russischer Pipeline-Lieferungen hat Deutschland seine Gasversorgung in kurzer Zeit neu aufgestellt. Ein zentrales Element dabei ist Flüssigerdgas (LNG). Es wird per Schiff importiert und an der Küste wieder in das Gasnetz eingespeist. Insbesondere stützt sich die Bundesregierung auf fünf Standorte: Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Stade, Mukran auf Rügen sowie Lubmin als Netzknoten. Sie sollen Haushalte und Industrie vor Versorgungsengpässen schützen.

Darum spielt Flüssigerdgas eine neue Rolle

Flüssigerdgas ist auf etwa minus 162 Grad Celsius heruntergekühltes Erdgas. Dadurch verringert sich sein Volumen um rund den Faktor 600, was den Transport per Tankschiff ermöglicht. In den Häfen übernehmen schwimmende Terminals, sogenannte schwimmende Speicher- und Wiederverdampfungseinheiten (Floating Storage and Regasification Units, FSRU), die Rückvergasung und speisen das Gas in Pipelines ein.

Wie relevant verflüssigtes Erdgas inzwischen ist, zeigen aktuelle Zahlen: Laut Bundesnetzagentur entfielen 2024 rund 69 Terawattstunden der Gasimporte auf LNG-Terminals, das entspricht etwa acht Prozent aller Einfuhren. Für die ersten drei Quartale 2025 beziffert Reuters den Anteil bereits auf rund 11 Prozent der deutschen Gasimporte.

Die fünf Standorte im Überblick

Wilhelmshaven an der Nordsee ist das wichtigste Drehkreuz. Dort sind zwei staatlich betriebene FSRU im Einsatz. Das zweite Terminal nahm Ende August den kommerziellen Betrieb auf. Nach Angaben des staatlichen Betreibers Deutsche Energy Terminal (DET) soll es ab 2026 beziehungsweise ’27 eine Einspeisekapazität von bis zu 4,6 Milliarden Kubikmetern Gas pro Jahr erreichen – rechnerisch genug, um mehr als eine Million Haushalte zu versorgen.

Brunsbüttel an der Elbmündung verfügt ebenfalls über ein schwimmendes Terminal. DET gibt eine mögliche Einspeisung von rund 3,7 Milliarden Kubikmetern pro Jahr an. Parallel laufen Planungen für ein landbasiertes Terminal, das langfristig auch für Ammoniakimporte ausgelegt sein soll.

Stade gilt als nächster Baustein im Ausbau. Reuters zufolge könnte dort frühestens im zweiten Quartal 2026 ein FSRU den Betrieb aufnehmen. Die geplante Jahreskapazität liegt bei rund 4,7 Milliarden Kubikmetern. Zusätzlich existieren Pläne für ein festes Terminal, das perspektivisch auch Wasserstoffträger aufnehmen könnte.

Mukran auf Rügen ist das größte und politisch umstrittenste Projekt. Laut Reuters strebt der private Betreiber Deutsche ReGas eine Kapazität von 13,5 Milliarden Kubikmetern pro Jahr an, langfristig sogar mehr. Verbände wie die Deutsche Umwelthilfe kritisieren jedoch eine bislang geringe Auslastung und warnen vor Überkapazitäten.

Lubmin schließlich ist weniger klassischer LNG-Hafen als strategischer Netzknoten. Von dort aus wird das in Mukran angelandete Flüssigerdgas über eine rund 50 Kilometer lange Pipeline in das deutsche Fernleitungsnetz eingespeist, insbesondere zur Versorgung Ostdeutschlands.

Versorgungssicherheit mit offenen Fragen

Addiert man die genannten Kapazitäten, könnten die fünf Standorte theoretisch mehr als 30 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr bereitstellen. Dabei handelt es sich um technische Obergrenzen, nicht um garantierte Liefermengen. Tatsächliche Volumina hängen von Nachfrage, Pipelinekapazitäten und der weltweiten Verfügbarkeit von Flüssigerdgas ab.

Klimapolitisch bleibt Flüssigerdgas umstritten. Die Internationale Energieagentur (IEA) weist darauf hin, dass LNG über den gesamten Lebenszyklus höhere Emissionen verursachen kann als Pipelinegas, unter anderem wegen Energieaufwand und Methanverlusten. Seit 2024 unterliegt LNG in der Europäischen Union zudem strengeren Methanvorgaben, die auch Importe betreffen.

Unterm Strich dienen die fünf LNG-Standorte vor allem als Sicherheitsnetz für Haushalte und Industrie. Sie sollen verhindern, dass es in kalten Wintern zu Engpässen kommt. Gleichzeitig werden viele Anlagen bereits so geplant, dass sie später auch Wasserstoff oder Ammoniak aufnehmen können. Flüssigerdgas ist damit Teil einer Übergangsstrategie – notwendig für die aktuelle Versorgungssicherheit, aber politisch nicht als dauerhafte Lösung gedacht.

Quellen: Bundesnetzagentur; Reuters; Deutsche Energy Terminal; „Kosten-Nutzen-Analyse der LNG-Terminals in Deutschland“ (DUH, 2024); „Global Methane Tracker 2025“ (IEA, 2025)

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