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Eine neue Studie zeigt: Der Klimawandel erhöht das Erdbebenrisiko. Besonders Küstenregionen sind gefährdet. Die Gefahr wächst unaufhaltsam.
München – Der Klimawandel bereitet der Menschheit nicht nur Hitzewellen und Überschwemmungen, sondern auch eine weitere Bedrohung: Erdbeben, die Millionen von Menschen in Küstenstädten weltweit gefährden. Was zunächst wie Science-Fiction anmutet, ist in Wirklichkeit eine ernstzunehmende Gefahr, die mit jedem Anstieg des Meeresspiegels wächst.
Vor allem Städte an der Küste sind durch Erdbeben besonders gefährdet. (Symbolbild) © IMAGO/Zoonar.com/Roman Smirnov
Eine wegweisende Untersuchung des Deutschen GeoForschungsZentrums (GFZ) in Potsdam hat erstmals den direkten Zusammenhang zwischen Klimawandel und Erdbebenrisiko aufgezeigt. Diese im angesehenen Fachjournal Seismological Research Letters veröffentlichte Studie prognostiziert, dass steigende Meeresspiegel den mechanischen Druck auf tektonische Platten erhöhen und somit die natürlichen Erdbebenzyklen beeinflussen. Prof. Marco Bohnhoff, Leiter der GFZ-Sektion Geomechanik und Hauptautor der Studie, verdeutlicht die Bedrohung: „Bereits Meeresspiegelschwankungen von nur wenigen Dezimetern reichen aus, um Erdbeben auszulösen.“
Der Klimawandel verändert Erdbebenzyklen und bedroht Millionen Menschen in Küstenstädten
Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, dass viele geologische Verwerfungen kurz vor ihrem natürlichen Bruchpunkt stehen. Der Klimawandel wirkt hier als gefährlicher Beschleuniger. Bohnhoff warnt: „Problematisch ist, dass es weltweit eine große Anzahl von Störungen gibt, die kurz vor dem Ende ihres seismischen Zyklus stehen. Bei diesen reichen dann kleine zusätzliche Spannungen, um quasi die natürliche seismische Uhr vorzustellen und das Gestein bereits früher zum Versagen zu bringen.“ Die Zahlen sind alarmierend: Während der Meeresspiegel zwischen 1901 und 1990 jährlich um nur 1,4 Millimeter anstieg, beschleunigte sich dieser Anstieg zwischen 2006 und 2015 auf 3,6 Millimeter pro Jahr. Experten erwarten bis 2100 einen Anstieg zwischen 43 und 84 Zentimetern.
Küstenregionen, in denen bereits 40 Prozent der Weltbevölkerung leben, sind besonders gefährdet. Wissenschaftler richten ihr Augenmerk auf Millionenstädte wie San Francisco, Los Angeles, Istanbul und Tokio-Yokohama, aber auch auf wachsende Metropolen in Entwicklungsländern. Dr. Patricia Martínez-Garzón, Mitautorin der Studie, warnt vor möglichen Kettenreaktionen: „Zudem können dann diese Erdbeben auch Sekundäreffekte wie etwa Hangrutschungen und Bodeninstabilitäten durch sogenannte Verflüssigung weicher Böden bewirken und damit die menschengemachten Georisiken zusätzlich verstärken.“
Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde
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Die internationale Forschergruppe arbeitet bereits an Lösungsansätzen. Prof. Yehuda Ben-Zion von der University of Southern California entwickelt innovative Überwachungsmethoden: „Wir planen, gezielt Bereiche starker Abschmelzung etwa auf Grönland oder einzelne Gletscher mikroseismisch zu überwachen, um dann Analogien zur skandinavischen Landmasse ziehen zu können, um die Prognosen zu verbessern.“
Die Wissenschaftler fordern eine verbesserte Vorbereitung auf diese Herausforderungen. Bohnhoff betont: „Die Klimaauswirkungen auf kaskadierende Erdbebengefahren, einschließlich ausgelöster Erdrutsche, Tsunamis und Verflüssigung, sollten bei der Entwicklung von Plänen zur Minderung des Erdbebenrisikos berücksichtigt werden.“ Die Botschaft ist eindeutig: Der Kampf gegen den Klimawandel findet nicht nur an der Oberfläche statt, sondern auch tief unter der Erde. (Quellen: GFZ, Seismological Research Letters) (kiba)
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