Im Interview spricht Nora Bussigny über die Unterwanderung von Universitäten, Frauenvereinen, Parteien und sogar von Wikipedia durch terroristische Netzwerke in Frankreich.

Judith Theulé

Ein Jahr lang hat die Autorin Nora Bussigny in Frankreich, Belgien und den USA verdeckt recherchiert, wie terroristische Netzwerke Universitäten, Frauenvereine, die linksextreme Partei La France Insoumise (LFI) und sogar Wikipedia unterwandern. Im Gespräch mit Mena Watch berichtet sie über ihr Buch Les nouveaux antisémites, das heuer den Edgar-Faure-Preis für politische Literatur erhalten hat.

Judith Theulé (JT): An welchen Orten haben Sie einen neuen Antisemitismus beobachtet?

Nora Bussigny (NB): Vor allem in den sozialen Medien. Neu ist eigentlich nicht der Antisemitismus, sondern seine Kanäle. Während der ersten und zweiten Intifada gab es TikTok, Instagram oder Twitter noch nicht. Die sozialen Medien sind übergewichtige Megafone. Für mein erstes Buch Les nouveaux inquisiteurs hatte ich bereits eine Fake-Identität, mit der ich Gruppen aus dem feministischen, antirassistischen und LGBT-Spektrum – alle mit lobenswerten Zielen – beobachtete. Ich beschrieb, wie radikal sie sich unter einem progressiven Deckmantel entwickelt haben.

Das Buch erschien drei Wochen vor dem 7. Oktober 2023. Direkt danach konnte ich in meinen Fake‑Accounts sehen, dass die meisten Feministinnen gar nicht auf die grausamen Bilder aus Israel reagierten. Andere, teilweise mit 50.000 Followern, freuten sich herzlich darüber, dass der Kommunismus endlich gegen den Kolonialismus aufbegehre. Ich verstand, dass Antisemitismus der Elefant im Raum dieser progressiven Kämpfe war. Auch bei meinen Recherchen quer durch Frankreich sowie auf dem Campus der ULB‑Universität in Brüssel und der Columbia University in New York wurde mir klar: Die Masken der Antisemiten sind nach dem 7. Oktober 2023 gefallen.

PFLP-Vorfeldorganisation

JT: Aus welchen Organisationen stammen die neuen beziehungsweise alten Antisemiten?

NB: Die größte Organisation, die ich infiltriert habe, ist Samidoun, die in Frankreich und Belgien – im Gegensatz zu Deutschland – nicht verboten ist. Ich bin bis heute im französischen Telegram‑Chat von Samidoun. So konnte ich ihre Spur bis zur Columbia University und vor allem nach Brüssel verfolgen. Samidoun ist bisher sehr präsent in Frankreich und unterwandert andere Gruppen. Sie will die Jugend radikalisieren, schon im Kindesalter, vor allem aber Studenten. An der Brüsseler Universität konnte Samidoun die Wut und Gewalt der Mobilisierung verzehnfachen, ebenso in Frankreich an der Sciences Po in Paris und auf dem Campus Jean‑Jaurès in Toulouse. Außerdem ist Samidoun heute Mitveranstalter der meisten feministischen Frauendemonstrationen in Frankreich.

JT: Ist Samidoun auch bei LGBT‑Demonstrationen aktiv?

NB: Samidoun ruft auf Instagram nie zu einer Pride auf. Denn sie ist die Fassade der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), die trotz ihres marxistisch‑laizistischen Selbstbilds den Scharia‑Gesetzen folgt – inklusive der Verfolgung und Folterung von LGBT‑Personen, wie es auch die Hamas tut.

JT: Wissen die anderen Veranstalter von Frauendemonstrationen, dass Samidoun mitwirkt?

NB: Ja, natürlich. Der Name steht auf den Flyern. Es gab den Versuch, Samidoun bei der Demonstration vom 8. März zu verbieten, aber das hat nicht geklappt. Samidoun hat den Ausschluss jüdischer Frauen aus der Demonstration initiiert. Einzelne Feministinnen wehren sich dagegen, vor allem jene aus dem Iran.

JT: Ist Samidoun auch in politischen Parteien präsent?

NB: Über die Verbindungen zwischen einigen Abgeordneten von LFI und Samidoun habe ich im Oktober bei der Anhörung »Politische Parteien und Islamismus« der Kommission der Nationalversammlung berichtet. Meine Aussagen finden sich auch im Kommissionsbericht, der am 17. Dezember veröffentlicht wurde. Die Fakten sind öffentlich einsehbar: Samidoun hat offiziell Zugang zu Stadthallen. Dort organisieren sie Workshops mit Kindern und Bürgertreffen, Hand in Hand mit Abgeordneten der Nationalversammlung. Der neue Innenminister Laurent Nuñez hat nun endlich vor, Samidoun zu verbieten.

Antisemitische Mobilisierung

JT: Welche weiteren Gruppen haben Sie beobachtet?

NB: Wegen der Students for Justice in Palestine (SJP) war ich auf dem Campus der Columbia University. Der dortige Ableger des internationalen Kollektivs wurden von Hatem Bazian gegründet, einem Professor, der die amerikanischen Muslimbrüder unterstützt. Übrigens war Zohran Mamdani, der designierte Bürgermeister von New York, ebenfalls Präsident eines SJP-Chapters. Diese Organisation stellte unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023 ein Info‑Kit für Studenten bereit, in dem das Hamas‑Massaker legitimiert wurde.

Wie immer bin ich sehr vorsichtig mit meinen Aussagen und habe bis heute keine einzige Klage erhalten, doch diese Simultanität könnte vermuten lassen, dass SJP über den geplanten Angriff informiert war. In Columbia erfuhr ich außerdem, dass SJP ein Online‑Treffen mit einem PFLP-Terroristen organisiert hatte, der die Studenten für ihre Mobilisierung lobte. Auch an der Sciences Po in Paris war es SJP, der die LFI-Abgeordnete Rima Hassan zu einem Vortrag einlud, was zu einer Eskalation der antisemitischen Mobilisierung führte.

JT: Der Untertitel Ihres Buchs lautet »Bericht aus einer Infiltration unter Ultralinken«. Wer sind diese »Ultralinken«?

NB: Es handelt sich um militante, stark zersplitterte Bewegungen: radikale Umweltaktivisten, Black-Block-Gruppen, libertäre Kommunisten, Feministinnen, Antikolonialisten und Antifaschisten. Ihr gemeinsamer Nenner ist die Ablehnung demokratischer Institutionen und des Staates. Genau das verbindet sie mit den Muslimbrüdern, die ebenfalls die Demokratie destabilisieren wollen.

JT: Sie berichten, wie Sie bei einer Fortbildung der Gruppe Urgence Palestine lernten, Wikipedia unauffällig zu verändern.

NB: Urgence Palestine ist eng mit Samidoun verbunden und organisiert diskrete Schulungen, in denen gezeigt wird, wie das Wikipedia‑Narrativ gegen Israel und für die Hamas beeinflusst werden kann. Es geht um scheinbar kleine Dinge, die ich in meinem Buch beschreibe, etwa darum, das Wort »Terror« im Zusammenhang mit der Hamas zu streichen. Das ist entscheidend, weil Wikipedia eine zentrale Quelle für KI-Systeme ist.

Fußball-Turnier für Gaza mit Samidoun und KindernFußball-Turnier für Gaza mit Samidoun und Kindern (Quelle: Screenshot X)

Demosntration in Straßburg im Februar 2025Demosntration in Straßburg im Februar 2025 (Quelle: Bussigny)
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Undercover-Tricks

JT: Wie haben Sie verhindert, als Autorin Ihres ersten Buchs erkannt zu werden?

NB: Damals war ich noch nicht so bekannt wie heute. Dennoch zeigte ich mein Gesicht lange nicht in den Medien. Ich schminkte mich anders, trug falsche Piercings, eine große Brille und ein Tuch, das meine Haare teilweise verdeckte – aber keinen Hidschab, das war mir wichtig.

JT: Warum war Ihnen das wichtig?

NB: Ich bin französisch‑marokkanisch, komme aus einer muslimischen Familie, aber meine Mutter wollte nie ein Kopftuch tragen. Sie ist im Islam aufgewachsen, hat die Religion jedoch abgelehnt. Ich bin nicht gegen Frauen, die ein Kopftuch tragen, sondern gegen das Kopftuch als Symbol.

JT: Was waren Ihre sonstigen Undercover-Tricks?

NB: Ich wechselte sehr häufig Orte und Organisationen. Mehrmals war ich bei Treffen von Samidoun, aber auch von anderen Kollektiven in Städten wie Angers, Bordeaux oder Toulouse. Ich kam immer in Begleitung, so fällt man weniger auf. Trotzdem machte ich anfangs einige Fehler: Ich sagte »Israel« statt »zionistischer Staat«, »Tsahal« statt »genozidale Armee«. Bei einer Fortbildung von Urgence Palestine hätte mich der Veranstalter beinahe enttarnt. Mehrmals bemerkte ich Zweifel, weil ich die Lieder für den bewaffneten Widerstand nicht mitsang. Also lernte ich, voller Begeisterung zu singen und zu lächeln, obwohl ich von den Inhalten schockiert war.

JT: Welches Ereignis hat Sie am meisten erschüttert?

NB: Einmal war ich in Straßburg auf einer Demonstration gegen die Städtepartnerschaft mit der israelischen Stadt Ramat Gan. »Solidarisch mit dem Widerstand des palästinensischen Volks«, stand auf dem Demo‑Lkw. Das eigentliche Ziel war der zentrale McDonald’s, der zu den Zielen des Israel‑Boykotts gehört: Es war Samstag, die Terrasse war voller Familien mit Kindern, die von Demonstranten über Megafone mit dem Satz »Ihr esst das Fleisch der palästinensischen Kinder« angeschrien wurden. Erschrocken flohen sie in die Innenräume des Restaurants. Einige Tage vorher wurde bekannt, wie die Bibas‑Kinder ermordet worden waren. Es war die einzige Demonstration, die ich nicht bis zum Ende aushielt.

Psychische Belastung

JT: Stehen Sie unter Polizeischutz?

NB: Ja, bei jeder öffentlichen Veranstaltung. Zum Glück, denn die Demonstranten agieren sehr aggressiv. Todesdrohungen begannen zwei Wochen nach der Veröffentlichung des Buchs und nahmen zu. Deshalb fährt inzwischen regelmäßig eine Polizeistreife vor meiner Wohnung vorbei. Ich hoffe, dass ich keinen dauerhaften Schutz benötigen werde.

JT: Wie gehen Sie psychologisch damit um?

NB: Es ist schwierig. Ich habe inzwischen gegen einen LFI‑Abgeordneten wegen Cybermobbings und Todesdrohungen geklagt. Dennoch bin ich zuversichtlich, weil mein Buch ein Bestseller geworden ist. Zu meinen Lesungen in Frankreich und der Schweiz kommen hundert bis zweihundert Personen. Ich erhielt positive Rezensionen in fast allen französischen Medien sowie Interviews in Dänemark, Argentinien, Italien und den USA. Freundliche Nachrichten überwiegen deutlich. Die schweigende Mehrheit steht auf meiner Seite. Besonders freut mich der große Erfolg des bekannten Fernsehmoderators Arthur, der ein Buch über sein jüdisches Leben in Frankreich nach dem 7. Oktober 2023 geschrieben hat.

JT: Sie zitieren in Ihrem Buch die sozialdemokratische Gemeinderätin Anne‑Pernelle Richardot, die gegen die LF-Abgeordnete Rima Hassan geklagt hat, weil diese sie als »islamophob« bezeichnet hatte. Ist dieser Vorwurf in Frankreich besonders schwerwiegend?

NB: In Frankreich kann man getötet werden, wenn man als islamophob gebrandmarkt wird. Das geschah dem Lehrer Samuel Paty und beim Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Es ist wie eine Zielscheibe auf dem Rücken. Absurd ist, dass ich von Nicht‑Muslimen als islamophob beschimpft werde, obwohl meine Verwandten Muslime sind. Das ergibt keinen Sinn.

JT: Am Ende Ihres Buchs schreiben Sie, dass Sie verzweifelt waren. Ist das noch immer so?

NB: Am Ende des Schreibprozesses war ich tatsächlich verzweifelt, weil ich anderthalb Jahre lang in Kontakt mit Terroristen stand, die etwa dazu aufriefen, in Frankreich eine Al‑Aqsa-Flut auszulösen. Das ist ihr von der Hamas übernommenes Codewort für den 7. Oktober 2023, also ein Aufruf zu terroristischen Anschlägen. Diese Menschen hatten Zugang zu Stadthallen. Ich dachte damals, dass in Frankreich alles verloren sei. Doch nach dem positiven Echo auf mein Buch und meiner Anhörung in der Nationalversammlung weiß ich heute: Wir sind noch viele in Frankreich, die bereit sind, für die Demokratie zu kämpfen.