Eigentlich sei sie mit WhatsApp ganz zufrieden gewesen, erzählt Anastasia, die junge Frau aus Samara an der Wolga unserer Redaktion. Doch jetzt, seit ihre kleine Tochter im Kindergarten ist, musste sie auf den neuen russischen Messenger MAX umsteigen. Mehr oder minder zwangsweise. Denn Nachrichten von Behörden, auch Organisatorisches vom Kindergarten, kämen nur noch über MAX. „Es funktioniert gut, MAX überträgt Fotos und Videos, die Schnittstelle ist wie die von WhatsApp, benutzerfreundlich und einfach“, so Anastasias Erfahrung. WhatsApp benutze sie aber weiter, zu Hause auf dem Computer. So lange es noch geht.

WhatsApp gehörte zum Alltag vieler Russinnen und Russen. Jetzt müssen sie sich umgewöhnen. Denn den westlichen Messengern hat die russische Aufsichtsbehörde Roskomnadsor den Kampf angesagt. Mit schwerem Geschütz: Jüngst wurde Apples FaceTime gesperrt. Den Strafverfolgungsbehörden zufolge werde der in iPhones integrierte Videochat-Dienst genutzt, um Terroranschläge zu organisieren, Täter zu rekrutieren und Betrug sowie andere Verbrechen gegen russische Bürger zu begehen, teilte die Behörde zur Begründung mit. Belege für die Vorwürfe nannte man nicht.
Russland: Meta ist als „extremistisch“ eingestuft, Facebook funktioniert nicht mehr
Textnachrichten auf WhatsApp gehen noch durch, Anrufe seit August nicht mehr. Das Portal „Cyber Media“ verzeichnet in diesen Tagen massive Störungen und viele Beschwerden von WhatsApp-Nutzern: „Unabhängigen Überwachungsdiensten wie ‚Downdetector‘ zufolge treten die größten Probleme in der Region Kamtschatka, im Gebiet Sachalin und in Städten mit über einer Million Einwohnern auf.“
Russland streitet sich bereits seit Jahren mit ausländischen Technologieplattformen wie dem WhatsApp-Eigner Meta über Inhalte und die Speicherung von Daten. Insbesondere darum, ob diese den russischen Strafverfolgungsbehörden zugänglich gemacht werden müssen. Russlands Regierung spricht von legitimen Maßnahmen. „Roskomnadsor ergreift in diesem Zusammenhang konsequent restriktive Maßnahmen gegen WhatsApp. Sollte der Messenger gegen russische Gesetze verstoßen, wird er vollständig gesperrt“, so ein Sprecher der Aufsichtsbehörde. Meta ist in Russland als „extremistisch“ eingestuft, Facebook funktioniert längst schon nicht mehr. Kritiker wittern in Sachen MAX Überwachung. So könnten etwa Kamera und Mikrofon eines Smartphones unbemerkt eingeschaltet werden.
Praktischerweise ist MAX auf allen in Russland verkauften Smartphones vorinstalliert
MAX wurde in Russland entwickelt, mit besten Drähten zu den Behörden. Wer sich zum Beispiel auf dem Bürgerportal Gosuslugi einloggen will, bekommt den Bestätigungscode über MAX, nicht mehr via SMS wie früher. Praktischerweise ist MAX auf allen in Russland verkauften Smartphones bereits vorinstalliert. Auch dies ist eine staatliche Maßnahme. Da wundert es nicht, dass MAX bereits jetzt ein Erfolgsmodell ist. 50 Millionen Menschen in Russland nutzen die neue App, so das Portal „vedomosti.ru“. Bislang seien 3,7 Milliarden Nachrichten versandt worden, 842 Millionen Anrufe habe es über MAX gegeben.

Doch Kommunikation wird in Russland immer schwieriger, besonders für Ausländer, die in Russland leben und arbeiten. Eine russische SIM-Karte zu bekommen, das ist seit Sommer aufwendig. Zunächst muss man sich im Bürgerportal Gosuslugi registrieren, dann in ausgewählten Bankfilialen seine biometrischen Daten erfassen lassen. Erst dann kann man beim Telefonanbieter eine russische SIM-Karte aktivieren.