Der Right Honourable Lord Hague of Richmond – nicht irgendein pensionierter Politiker, sondern der ehemalige britische Außenminister und aktuelle Kanzler der Oxford-Universität – spricht eine düstere Warnung aus: Europa drohe das Schicksal der chinesischen Qing-Dynastie zu erleiden, die im 19. Jahrhundert technologisch abgehängt und von westlichen Mächten ins „Jahrhundert der Demütigung“ gestürzt wurde.

In einem Gastbeitrag für die Times zieht William Hague eine historische Parallele, die es in sich hat: Vor zwei Jahrhunderten hielt sich das Qing-Reich noch für eine stolze Weltmacht, Zentrum von Malerei, Porzellan und konfuzianischer Kultur. Die Kaiser dachten gar nicht daran, irgendwelche Rivalen ernst zu nehmen. Dann kamen die Opiumkriege, die „ungleichen Verträge“ und ein Jahrhundert der Fremdherrschaft und nationalen Erniedrigung – alles nur, weil man bei den neuen Technologien den Anschluss verpasst hatte.

Lehre aus der chinesischen Geschichte: Nachlässigkeit hat hohen Preis

Um Chinas heutiges Selbstverständnis zu begreifen, lohnt ein Blick zwei Jahrhunderte zurück. Damals hielt sich das Qing-Reich für den unangefochtenen Mittelpunkt der Welt: kulturell überlegen, wirtschaftlich autark, zivilisatorisch vollendet. Europa erschien aus Pekinger Perspektive bestenfalls als entfernte Randerscheinung.

Ein Sinnbild dieser Haltung ist die Macartney-Mission von 1793. Sie markiert den ersten britischen Versuch, formelle diplomatische Beziehungen zu China aufzunehmen. Angeführt von George Macartney verfolgt die Delegation klare Ziele: mehr Handel, zusätzliche Hafenrechte und eine ständige Gesandtschaft in Peking. Doch der Plan scheitert spektakulär. Kaiser Qianlong weist sämtliche Forderungen zurück und macht unmissverständlich klar, dass das „Himmlische Reich“ weder fremde Waren noch diplomatische Gleichrangigkeit benötigt. China, so die Botschaft, sucht keinen Austausch auf Augenhöhe – sondern Anerkennung seiner Ordnung.

Rückblickend steht diese Episode für eine gefährliche Selbstzufriedenheit – zumindest in der Lesart von William Hague. In seinem Gastbeitrag zeichnet er das Bild eines Reiches, das während Europa industrialisiert, neue Militärtechnologien entwickelt und globale Handelsnetze aufbaut, die Dynamik des Wandels unterschätzt. Die Rechnung folgt nur wenige Jahrzehnte später: Die Opiumkriege zwingen China mit Gewalt zur Öffnung, führen zu den berüchtigten „ungleichen Verträgen“, zu Gebietsverlusten und zu einer tiefgreifenden Einschränkung chinesischer Souveränität. Es beginnt das, was in China bis heute als „Jahrhundert der nationalen Erniedrigung“ bezeichnet wird.

Karikatur der imperialen Aufteilung Chinas: Europäische Mächte und Japan teilen das Land unter sich auf, während ein machtloser Qing-Beamter vergeblich protestiert – Sinnbild für ausländischen Imperialismus und Chinas politische Ohnmacht.

Karikatur der imperialen Aufteilung Chinas: Europäische Mächte und Japan teilen das Land unter sich auf, während ein machtloser Qing-Beamter vergeblich protestiert – Sinnbild für ausländischen Imperialismus und Chinas politische Ohnmacht.AGB Photo/imago

Diese historische Erfahrung ist kein fernes Kapitel, sondern ein politischer Referenzpunkt der Gegenwart. Xi Jinping greift sie regelmäßig auf, wenn er von der „großen Verjüngung der chinesischen Nation“ spricht. Der Kontrast ist bewusst gewählt: Auf die Phase der Schwäche und Fremdbestimmung soll nun eine Ära der Stärke, technologischen Führerschaft und strategischen Unabhängigkeit folgen. Die implizite Lehre aus der Geschichte lautet, dass Nachlässigkeit, technologische Rückständigkeit und das Verkennen globaler Machtverschiebungen einen hohen Preis haben.

In diesem Licht ist Chinas heutiger Ehrgeiz weniger Ausdruck plötzlicher Aggressivität als das Ergebnis einer tief sitzenden historischen Erinnerung. Die Macartney-Mission, die Opiumkriege und die ungleichen Verträge fungieren dabei nicht als Mahnung zur Demut – sondern als Argument, nie wieder in eine Position der Abhängigkeit zu geraten.

Und Europa heute? „Europa, einschließlich Großbritannien, ist in unmittelbarer Gefahr, das Qing-Reich des 21. Jahrhunderts zu werden“, schreibt Hague. Die Zutaten seien alle vorhanden: Außenmächte, die eine technologische Umwälzung vorantreiben, während eine „komfortable und selbstgefällige Zivilisation“ die Dringlichkeit ihrer Lage nicht begreife.

Ukraine-Verhandlungen als Symptom der Ohnmacht

Als Beleg führt Hague die aktuellen Friedensverhandlungen zur Ukraine an. Der Vorschlag sei ursprünglich ein Deal zwischen zwei Geschäftsleuten aus den USA und Russland gewesen – Profite für Amerika, Territorium für Russland. Europas Interessen? Ein nachträglicher Gedanke.

Die Europäer müssten nach der Pfeife von Präsident Trump tanzen oder verzweifelt versuchen, ihn zu beeinflussen, weil ihnen nicht nur die militärische Hardware fehle, sondern auch die Software, die für Macht und Wohlstand in den 2020er-Jahren unverzichtbar sei.

Obwohl die europäischen Nationen zusammen weit reicher und bevölkerungsreicher seien als Russland, könnten sie einen Konflikt ohne amerikanische Waffen, Systeme und Geheimdienste nicht durchhalten, so Hague.

Das Paradoxe an der Situation: Europa erfindet viele der neuen Technologien selbst – in Universitäten und Start-ups. Doch dann passiert wenig. „Wir sind nicht bereit, unser eigenes Kapital in ihre Entwicklung zu riskieren oder Ressourcen von den Sozialsystemen umzuverteilen, die uns in unserem Niedergang komfortabel halten“, kritisiert Hague. Das meiste, was erfunden werde, werde von anderen aufgekauft und weiterentwickelt.

Opiumraucher in China, ca. 1870er-Jahre – das Opium symbolisierte die sozialen und politischen Folgen ausländischen Imperialismus zu Beginn des „Jahrhunderts der Demütigung“.

Opiumraucher in China, ca. 1870er-Jahre – das Opium symbolisierte die sozialen und politischen Folgen ausländischen Imperialismus zu Beginn des „Jahrhunderts der Demütigung“.xpiemagsx/imago

Kulturelle Risikoscheu als Bremsklotz

Auf LinkedIn hat Hagues Analyse eine lebhafte Debatte ausgelöst. Dr. Marek Tyl, der in Polen geboren wurde, in Cambridge studierte und nun in Deutschland lebt, sieht das Problem noch tiefer verwurzelt: in der europäischen Kultur selbst. Europäische Gesellschaften hätten eine hohe „Unsicherheitsvermeidung“ – eine Vorliebe für Vorhersehbarkeit, Regeln und formale Verfahren. Risikobereitschaft, besonders die Art, die unternehmerische Disruption antreibe, werde gesellschaftlich oft nicht belohnt.

„Das Ergebnis ist eine Establishment-orientierte Kultur, die hervorragend darin ist, Regulierungen zu schaffen, aber Schwierigkeiten hat, mutige Innovation, schnelle Anpassung oder Toleranz für Scheitern zu fördern“, schreibt Tyl. Ob sich Kultur ändern lasse? „Alles ist möglich, aber nicht ohne erhebliche Schmerzen.“

Der in Berlin ansässige Direktor des Forschungsinstituts IGES, Andrea Biasiucci, ergänzt, dass europäische Arbeitsmarktregelungen die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen stark beeinträchtigten. Man sei einer Erzählung von endlosen Rechten und Wohlfahrt verfallen, die in der Praxis hohe Jugendarbeitslosigkeit und einen „verbreiteten Groll gegen Leistungsprinzip, Unternehmertum und Wohlstand“ geschaffen habe.

Konstantinos Apostolatos, Geschäftsführer einer Finanzberatungsfirma, weist darauf hin, dass etwa drei Billionen Euro an Kapital in Europa nicht oder schlecht allokiert seien. Das Problem sei nicht das Geld, sondern fehlende Vision, intelligente Bündelung und fokussiertes Programmmanagement.

Moralische Überheblichkeit als Parallele

Harald Buchmann, der als Brückenbauer zwischen chinesischer und europäischer Geschäftskultur arbeitet, zieht die Parallele noch weiter: Wie das Qing-Reich leide Europa an der Arroganz, sich moralisch überlegen zu fühlen und daher nicht bereit zu sein, von den „Barbaren“ zu lernen. Man habe sich ideologisch in einen Kokon undefinierter Werte eingesponnen, die mit Schlagworten wie „Freiheit“ und „Demokratie“ umrissen, aber nie konkretisiert würden.

„Während ich Ihren Weckruf sehr unterstütze, sehe ich wenig Hoffnung, dass Europa anders endet als die große Qing-Dynastie“, schreibt Buchmann – fügt aber immerhin hinzu, dass Europa wenigstens keiner aggressiven, expansionistischen Supermacht gegenüberstehe wie einst China.

EZB-Chefin warnt vor einer Welt, die „allmählich verschwindet“

Europäische Führungskräfte würden langsam aufwachen, räumt Hague ein. Christine Lagarde, Chefin der Europäischen Zentralbank, habe letzte Woche vor einer Welt gewarnt, „die allmählich verschwindet“. Deutschland unter Friedrich Merz erhöhe die Verteidigungsausgaben rasch. Doch wie in China vor 200 Jahren seien diese Bemühungen zu klein und zu fragmentiert, um einen Unterschied zu machen.

Während die Verteidigungsbudgets stiegen, blockiere Frankreich den britischen Zugang zum neuen EU-Verteidigungsfonds, und Paris und Berlin lägen bei der Entwicklung eines neuen Kampfjets über Kreuz. Die britische Strategie für kritische Mineralien sei schwach.

Statt sich der Herausforderung zu stellen, werde die britische Politik diese Woche von einer weiteren großen Erhöhung der Sozialausgaben handeln. In Frankreich gehe es darum, dass alle mit 62 Jahren in Rente gehen. „Die Führungskräfte haben nicht den Mut, die brutalen Konsequenzen des Zurückfallens zu erklären. Sie halten lieber eine Illusion von Komfort aufrecht“, schreibt Hague. „Genau das tat das Qing-Reich, als britische Schiffe mit Opium, Waffen und Macht ankamen.“

Ob Europa seinen Qing-Moment noch abwenden kann, bleibt offen. Die historische Parallele jedenfalls sitzt – und sie ist alles andere als schmeichelhaft.

Der Originalartikel von William Hague ist hier zu lesen.

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