Ein Rückblick in sechs Grafiken

Illustration Ida Götz / NZZ

«Europa muss kämpfen.» Das sagte die EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Europäischen Union im September. Und sie stellte die entscheidende Frage: «Hat Europa den Mut zu diesem Kampf?» Die Herausforderungen des Kontinents werden von Jahr zu Jahr grösser: ein geopolitischer Bedeutungsverlust sowie Bedrohungen von aussen, ungelöste Probleme im Inneren, ein wachsender Konflikt mit dem Partner USA – und eine politische Landschaft, die sich fundamental verschiebt. Diese sechs Grafiken blicken auf Europas Herausforderungen in diesem Jahr zurück.

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Europa und die USA

Zwei Partner entfremden sich voneinander. In der Politik – und in der Bevölkerung

Das Jahr beginnt mit einer Rede des amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Darin wirft er den Europäern Defizite bei Demokratie und Meinungsfreiheit vor. Die Rede ist eine Abrechnung mit Europa. Vance sagt zwar auch, er sei «fest davon überzeugt», dass Amerika und Europa «im selben Team» seien. Das glauben ihm in Europa anschliessend aber nur noch wenige.

In den Monaten danach verschlechtert sich das transatlantische Verhältnis weiter. Nur eine beispielhafte Anekdote: Ein deutscher General berichtet, dass die Kommunikation mit den Kollegen im amerikanischen Verteidigungsministerium «abgebrochen, wirklich abgebrochen» sei. Früher habe man Tag und Nacht kommuniziert, nun erhalte man nicht einmal mehr Informationen über strategisch wichtige Entscheidungen der Amerikaner.

Das Jahr endet mit der Veröffentlichung der neuen Strategie für die nationale Sicherheit der USA. Auch dieses Dokument gleicht einer Abrechnung mit Europa. In den zweieinhalb Seiten zu Europa wird etwa infrage gestellt, dass manche Länder über eine ausreichend starke Wirtschaft und Streitkräfte verfügen würden, «um verlässliche Verbündete zu bleiben». Und: Das Ziel solle es sein, Europa dabei «zu helfen, den derzeitigen Kurs zu korrigieren». Trump kritisiert Europa bei einem Auftritt im Weissen Haus und sagt, der Kontinent bewege sich in eine «falsche Richtung».

Man kann sagen: Diese Beurteilung beruht auf Gegenseitigkeit. Und die Entfremdung zeigt sich nicht nur in der Politik, sondern auch in der Bevölkerung. Über 70 Prozent der EU-Bürger sind der Meinung, dass sich die USA in die «falsche Richtung» bewegen würden. Das belegt eine von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebene Umfrage.

Besonders kritisch sehen die Menschen in Nordeuropa die Entwicklung in den USA. Aber auch in den Ländern, die die Trump-Regierung in Europa als Verbündete sieht, ist das Bild überwiegend negativ. Dem Medium «Defense One» liegt laut eigenen Angaben eine frühere Fassung der Strategie für die nationale Sicherheit vor. Darin werden vier Länder genannt, mit denen in Zukunft verstärkt zusammengearbeitet werden solle. Das Ziel sei, sie aus der Europäischen Union «herauszulösen». Die Rede ist von Ungarn, Polen, Österreich und Italien. Doch auch in diesen herrscht eher eine Ablehnung des amerikanischen Kurses.

Andere Befragungen zum transatlantischen Verhältnis im Jahr 2025 ergeben ein ähnliches Bild. Eine Umfrage in neun europäischen Ländern ergab, dass die Hälfte der Befragten Trump sogar als einen «Feind» des Kontinents sehen.

Geplante Massnahmen der amerikanischen Behörden könnten das Bild weiter verschlechtern. Ein neuer Vorschlag sieht vor, dass europäische Touristen vor ihrer Einreise in die USA die Social-Media-Aktivitäten der vergangenen fünf Jahre offenlegen müssen. Darüber hinaus sollen E-Mail-Adressen aus den letzten zehn Jahren sowie die Namen, Geburtsdaten, Wohnorte und Geburtsorte von Eltern, Ehepartnern, Geschwistern und Kindern abgefragt werden.

Ukraine-Krieg

Europa kann die fehlenden amerikanischen Hilfen nicht kompensieren, an der Front rückt Russland Meter für Meter vor.

Mitte Dezember kam es endlich zu einer Erfolgsmeldung: Bei Kupjansk gelang der ukrainischen Armee ein grösserer Vorstoss. Einige Orte nördlich der Stadt konnten zurückerobert und die in Kupjansk befindlichen russischen Soldaten faktisch eingeschlossen werden.

Für die ukrainische Armee waren solche Aktionen 2025 rar. An der Frontlinie rücken die Russen vor. Langsam zwar und nur unter grossen Verlusten, aber sie rücken vor. Die Fortschritte sind 2025 grösser als noch 2024, wie Daten der Website DeepStateMap.live belegen. Putins Spiel auf Zeit hat sich zumindest an der Front ausgezahlt, wirtschaftlich geht es dem Land dagegen immer schlechter.

Parallel zu den steigenden Gebietsverlusten hat 2025 die Unterstützung der Verbündeten abgenommen. Das zeigen Daten des «Ukraine Support Trackers» vom Kieler Institut für Weltwirtschaft.

Das Jahr 2025 begann gut, im ersten Halbjahr erreichten die Ukraine-Hilfen sogar einen neuen Rekordwert. Und das, obwohl der amerikanische Präsident Donald Trump nach seinem Amtsantritt im Januar 2025 keine neuen Militärhilfen freigegeben hatte. Der Export von Waffen in die Ukraine wurde zwar genehmigt. Allerdings müssen diese von der Ukraine selbst finanziert werden und zählen deshalb nicht als Militärhilfe. Dass die Ukraine-Hilfen trotzdem stiegen, lag vor allem an Deutschland, Frankreich und Grossbritannien, die ihre Unterstützung deutlich aufstockten.

Im zweiten Halbjahr 2025 folgte der Einbruch. Europa konnte die fehlenden amerikanischen Hilfen nicht mehr ausgleichen. «Der Ukraine droht ein Jahr mit so geringen neuen Hilfszuweisungen wie noch nie seit Kriegsausbruch 2022», schreiben die Forscher aus Kiel. Die neusten veröffentlichten Zahlen reichen bis Ende Oktober, deshalb steht eine abschliessende Beurteilung noch aus.

Wahlen

Europas radikale Rechte befinden sich weiter im Aufwind. Mit einer Ausnahme.

In der neuen Strategie für die nationale Sicherheit der USA heisst es zu Europa auch: «Der wachsende Einfluss patriotischer europäischer Parteien gibt tatsächlich Anlass zu grossem Optimismus.»

Für die – je nach Sichtweise – patriotischen oder radikal rechten Kräfte in Europa war es ein weiteres gutes Jahr. Bei der Bundestagswahl konnte die Alternative für Deutschland (AfD) ihren Stimmenanteil auf 20,8 Prozent verdoppeln und wurde erstmals zweitstärkste Partei. In neusten Umfragen liegt sie am Jahresende sogar etwa gleichauf mit der Union auf Platz eins. Auch in Norwegen holte die rechtspopulistische Fortschrittspartei FrP das bestes Ergebnis ihrer Geschichte und wurde zweitstärkste Kraft.

In Portugal tat sich die radikale Rechte lange Zeit schwer. 2023 regierten die Sozialisten noch mit absoluter Mehrheit. Nun erreichte die erst 2018 gegründete rechte Chega-Partei über 20 Prozent der Stimmen und wurde zweitstärkste Kraft. Chega setzt die konservative Minderheitsregierung unter Druck, indem sie Themen wie zuletzt ein Burkaverbot einbrachte, die dann mithilfe der Stimmen der Konservativen verabschiedet werden. So bestimmt sie die Politik des Landes bereits mit – ohne offiziell in der Regierung zu sein.

Einen Rückschlag musste nur Geert Wilders bei der Parlamentswahl in den Niederlanden hinnehmen. Bei der Wahl 2023 wurde seine Partei PVV noch stärkste Kraft. Nun büsste sie an Stimmen ein und landete knapp hinter der sozialliberalen Partei D66.

Was den bisher genannten Parteien noch nicht gelungen ist, hat Andrej Babis in Tschechien geschafft: Er wurde im Dezember (wieder) zum Regierungschef ernannt. Ein Amt, das er schon von 2017 bis 2021 innehatte, bevor er die Wahl vor vier Jahren verlor. Nun gewann seine populistische Partei ANO die Parlamentswahl mit grossem Vorsprung, und er geht in seine zweite Amtszeit.

Weitere Entwicklungen von strategischer Bedeutung in diesem Jahr:

In Rumänien war eine neue Präsidentschaftswahl nötig, nachdem das Ergebnis der ursprünglichen Wahl im November 2024 vom Verfassungsgericht wegen russischer Einflussnahme annulliert worden war. Nicosur Dan, der liberale Bürgermeister von Bukarest, setzte sich in der Stichwahl gegen seinen ultranationalistischen Gegenkandidaten durch. Dan steht für einen klar proeuropäischen Kurs.

Die Parlamentswahl in der Moldau stand ebenfalls wegen möglicher russischer Einflussnahme im Fokus. Die proeuropäische Regierungspartei konnte sich durchsetzen und ihre absolute Mehrheit verteidigen. Das bedeutet eine weitere Stärkung des prowestlichen Kurses von Präsidentin Maia Sandu.

Das europäische Wahljahr 2025 lieferte grosse Geschichten auch im Kleinen. 2025 sorgten Wahlen in zwei Kleinststaaten für mehr Schlagzeilen als üblich:

In Grönland, weil Donald Trump die Insel kaufen will und sie damit ins mediale Rampenlicht katapultierte. Die grössere Rolle im Wahlkampf spielte dann allerdings nicht Trump, sondern die Frage nach der Unabhängigkeit von Dänemark. Einig waren sich alle Parteien, dass die Insel souverän werden solle. Uneinig waren sie darin, wie schnell. Stärkste Kraft wurde eine Partei, die sich für einen eher langsameren Prozess ausspricht.

In Liechtenstein, weil nach der Landtagswahl erstmals eine Frau zur Regierungschefin gewählt wurde. Vor 41 Jahren hatte das Fürstentum als letztes europäisches Land das Frauenstimmrecht eingeführt. Seit April leitet nun Brigitte Haas die Regierung.

Migration

Die Anzahl der Asylbewerber sinkt europaweit. Aus welchen Ländern sie kommen, hat sich 2025 schwerpunktmässig verschoben.

Das Thema Migration hat Europa in den vergangenen Jahren enorm gespalten. Eine strengere Migrationspolitik wird inzwischen in allen Ländern verfolgt.

Die Zahl der Asylanträge ist 2025 deutlich gesunken. Das zeigen Daten des Statistischen Amts der Europäischen Union (Eurostat). In den ersten neun Monaten des Jahres haben knapp 600 000 Menschen einen Asylantrag gestellt. Das ist ein Rückgang um 20 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres. Daten für Oktober bis Dezember liegen noch nicht vor.

Gestiegen ist dagegen die Anzahl der sogenannten Folgeanträge. Ein solcher kann gestellt werden, wenn ein erster Asylantrag abgelehnt wurde, sich die Verhältnisse im Heimatland aber signifikant verändert haben. Das ist massgeblich auf die Entwicklung in Deutschland zurückzuführen und kein europaweites Phänomen. Im August und September gab es in Deutschland sogar mehr Folge- als Erstanträge. Insbesondere afghanische Frauen machen davon Gebrauch, weil sich ihre Situation seit der Machtübernahme der Taliban verschlechtert hat und sie als verfolgte Gruppe gelten. Das erhöht die Erfolgsaussichten eines Folgeantrags.

Verschoben hat sich die Herkunft der Asylbewerber. 2024 waren es vor allem Syrer, in den ersten drei Quartalen 2025 kamen die meisten Asylanträge von Menschen aus Venezuela, im Vorjahr noch drittplatziertes Land der Rangliste. Im Jahr 2026 könnte sich der Anstieg fortsetzen, wenn der Konflikt zwischen der Regierung Trump und dem Maduro-Regime weiter eskalieren sollte. Trump will den Sturz des Regimes in Caracas herbeiführen.

Nach dem Sturz des Regimes von Bashar al-Asad Ende 2024 ist die Zahl der Asyl-Erstanträge aus Syrien in diesem Jahr eingebrochen. Die Debatte in Europa dreht sich nun darum, ob syrische Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückkehren und abgeschoben werden sollen. «Es gibt jetzt keinerlei Gründe mehr für Asyl in Deutschland», sagte Bundeskanzler Friedrich Merz im November.