Ein Krieg, bügelfreie Hemden, Corona, ein verheerender Brand – die Reinigung Trieb hat schon viel überstanden. Trotz aller Widerstände feiert sie ihr 100-Jahr-Jubiläum.

Alles lag in Trümmern. Wirklich alles. 96 Jahre Firmengeschichte waren in Flammen aufgegangen, verkohlt, verbrannt. Die Waschmaschinen und Trockner schwarz und verbogen wie ein Mobile von Calder, die Hemden, Anzüge, Jacketts, Kleider, Teppiche, Polster nurmehr Asche. Der Firmensitz der Reinigung Trieb in der Stephanspassage war im Frühjahr 2021 ausgebrannt.

Sie standen vor dem Nichts

Vier Jahre später stehen Thomas Trieb, seine Schwester Christina Porges und Triebs Sohn Dominik mitsamt ihren knapp 30 Angestellten wieder in dem Laden nahe des Hauptbahnhofs. Nichts kündet mehr von dem Brand. Waschmaschinen und Trockner rütteln und rotieren, Hemden werden mit Dampf geglättet, die Manschetten und Kragen von Hand gebügelt, Flecken entfernt mit allerlei magischen Mitteln, Seide und Empfindsames wird gereinigt, meterlange Tischdecken aus einer Vorstellung der Oper werden gemangelt.

In bitteren Zeiten: Nach dem Brand Foto: Lichtgut

Beim Bäcker wird schon geschafft, wenn sie anfangen; aber die meisten Menschen schlummern noch, wenn in der Reinigung Trieb das Licht angeht. Auf 400 Quadratmeter und zwei Ebenen arbeiten hier knapp 30 Leute, in Schichten natürlich. Über eine schmale Wendeltreppe geht es in den Keller. Also eine richtig schmale Wendeltreppe, arg viel mehr Masse als ein dürrer Hering darf man da nicht haben. Zunehmen kann man hier ohnehin nicht. Heiß ist es, und es ist Winter. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie die Temperaturen im Sommer hier drin sind. 2000 Stücke reinigen sie jeden Tag. Und der Laden hängt voll. Jeder Zentimeter wird genutzt, und tatsächlich glaubt man, die Triebs weiß man um den Ausdehnungszauber von Hermine Granger aus „Harry Potter“. Anders kann man sich nicht erklären, wie all das Platz findet.

Der Opa war Maßschneider

Wer da am Tresen steht, seine Wäsche abgibt und seinen Zettel bekommt als Nachweis und zum Abholen, der sieht ein Raumwunder, eine der letzten Reinigungen, die es im Großraum Stuttgart noch gibt. Für die Triebs und Porges ist das ein Stück Heimat.

Opa Walter Trieb hat 1925 seine Maßschneiderei gegründet. Nach dem Krieg zieht er in den Hindenburgbau. Und merkt, dass die Amerikaner ihre Uniformen pflegen lassen müssen. Er bietet einen Bügelservice an. Und als es aufwärtsgeht, das Wirtschaftswunder Deutschland und Stuttgart den Aufschwung und Geld beschert, die Männer im Anzug ins Büro eilen, bietet Walters Sohn Horst, ebenfalls Maßschneider, Mitte der 50er Jahre auch noch eine Reinigung an. Jahrzehnte lang wiederholt sich das zigtausendfach, was Thomas Trieb und Christina Porges als Kinder erlebt haben. „Morgens haben die Männer ihren Anzug auf dem Weg ins Büro zum Reinigen gebracht“, erzählen sie, „abends wieder mitgenommen.“ Teure Abendkleider und Bettwäsche, Textilien, der Bedarf war groß. Trieb wächst und expandiert. Mit Filialen in Botnang und der Tübinger Straße.

Thomas Trieb kurz vor der Wiedereröffnung Foto: Andreas Rosar

Thomas Trieb will eigentlich „Elektriker werden“, sagt er, fügt sich dann aber in die Familientradition. 1981 macht er seine Lehre als Textilreiniger bei der Reinigung Grühn in Ludwigsburg. Zehn Jahre später legt er die Meisterprüfung ab, übernimmt 1995 den Betrieb. Seine Schwester lernt Einzelhändlerin bei C.F Braun, besser bekannt als Betten-Braun, mittlerweile wie so viele Traditionsgeschäfte verschwunden. Damit dies ihrem elterlichen Betrieb nicht passiert, qualifiziert sie sich zur Betriebswirtin und zur Fachfrau für Textil, Detachur und Umwelt.

Immer mit neuen Ideen

Detachur ist übrigens das Entfernen von Flecken auf Textilien und Teppichen. Also die fachgerechte, die dafür sorgt, dass der Fleck wirklich weg ist. Das ist der Anspruch. „Das muss ohnehin funktionieren“, sein Handwerk muss man beherrschen, deshalb hat auch Dominik Trieb den Meister gemacht. Christina Porges ist für die Organisation zuständig, fürs Personal. „Der Service muss stimmen“, sagt sie, „und man muss sich immer wieder neu erfinden.“ So haben sie vor Jahren Venus angeschafft, ein Gerät aus Dänemark. Es ist quasi ein Hemd aus Kunstfaser, über das man das gewaschene Hemd zieht. Venus wird dann mit auf 90 bis 110 Grad erwärmter Luft aufgeblasen, die gleichzeitig das sich mit aufblähende Hemd in 40 Sekunden glättet.

Viel Platz ist nicht im Untergeschoss des Ladens. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Sie hatten eine Waschbox, eine 24-Stunden-Reinigung. Mit automatischer Ausgabe. Und manchmal sind sie ihrer Zeit voraus. So wie mit dem Wäschetaxi. Da holen sie die dreckige Wäsche ab, bringen sie sauber zurück. „Das lief anfangs nur schleppend“, sagt Porges. Dann kam Corona. Und so schwierig das auch war, weil keiner mehr ins Büro ging und Anzug trug, das Taxi setzte sich durch.

Anders als früher, muss man heute nur noch selten einen Anzug tragen. Auch die Anlässe, Ballkleider oder Cocktailkleider zu tragen, sind selten geworden. Das heißt, die Kundschaft, die man hat, muss man pflegen. Etwa das Wilhelma-Theater, das Musical, Hotels, Einzelhändler oder Kanzleien, die die Anzüge ihrer Angestellten reinigen lassen. Sonst geht man den Weg der Konkurrenz. Besser gesagt, der ehemaligen Konkurrenz. Nur noch einen weiteren Meister der Textilreinigung gibt es im Großraum Stuttgart. Viele Betriebe haben dicht gemacht. Wer sich auf den Preiskampf einlässt, für den wurde es schwer. Billiger geht immer, besser nicht. So verlangen sie fürs Hemd mindestens 3,69 Euro, fürs Sakko 11,90 Euro, „wir stellen uns auf die Wünsche der Kunden ein, und bieten eine Leistung, die unseren Kunden Lebenszeit spart“, sagt Porges.

Doch 2021 stellte sich tatsächlich die Frage, lohnt das Weitermachen? Das Erdgeschoss völlig ausgebrannt, das Untergeschoss verrußt und voll Löschschaum. Wahrscheinlich war es gut, dass sie nicht lange überlegen und sagen: „Wir machen weiter!“ Sie ziehen einige Meter weiter in die Kronenstraße. Schon drei Tage später reinigen sie mit Hilfe von Kollegen wieder für ihre Großkunden. „Den historischen Standort wollen sie trotz der Enge nicht aufgeben, denn „unsere Kunden, wissen, wo wir sind.“ Und tatsächlich, nach einem Jahr ziehen sie zurück. Mit neuen Maschinen. Aber dem altgewohnten Service. Und jetzt haben sie tatsächlich allen Widerständen getrotzt. Und die 100 Jahre voll gemacht.