Für manche Eltern steht die Ampel für den öffentlichen Nahverkehr auf rot. Der Grund ist die erneute Preiserhöhung für das Schülerticket. Foto: Lichtgut/Max Kovaenko
Der Preis ist in zweieinhalb Jahren um 15 Euro gestiegen. Gewerkschaft und Politik fordern Unterstützung für Azubis und städtische Mitarbeiter – wo bleiben aber Kinder und Eltern?
Ab dem 1. Januar steigt der Preis für das Deutschlandticket von 58 auf 63 Euro. Deutlich getoppt wird die Steigerung noch vom D-Ticket JugendBW für Schüler. Die Kosten werden von 39,42 Euro auf 45 Euro um satte 14,2 Prozent angehoben. „Wo soll das irgendwann enden?“, fragt sich nicht nur Dorothée H. aus Stuttgart. Besonders ärgerlich für die dreifache Mutter ist es, dass es keine Zuschüsse mehr gibt oder gar Alternativen: „Die Kinder können sich am wenigsten wehren.“
Zum Vergleich: Am 1. März 2023 bezahlte sie pro Kind noch 30,42 Euro pro Monat. Von den damals von der Politik viel propagierten Kosten von 1 Euro am Tag ist man heute meilenweit entfernt. Ab dem kommenden Jahr liegt der Preis dann bei 45 Euro im Monat. „Das sind für drei Kinder immerhin 135 Euro im Monat“, rechnet Dorothée H. vor. Viel Geld „für Schulkinder, die lediglich ein paar Stationen im Stuttgarter Westen hin und her pendeln“, versteht sie die hohen Preise nicht. Bei ihren beiden Söhnen sind es exakt drei Stationen mit der Stadtbahn. Das Argument, dass das Jugendticket auch für längere Fahrten nutzbar sei, hält sie für Augenwischerei. „Die Jungs fahren noch nicht alleine durch die Region oder gar weiter“ – im Gegensatz zur 17-jährigen Schwester. Da sei dies noch nachvollziehbar, „aber nicht bei jungen Schülern“.
Eltern bezahlen weniger als die Kinder
Generell sind Dorothee H. und ihr Mann große Anhänger des Deutschlandtickets und nutzen dieses selbst auf dem Weg zur Arbeit. Dabei erhalten beide Zuschüsse seitens des Arbeitsgebers. „Wir bezahlen somit deutlich weniger“, schüttelt sie verständnislos den Kopf. „Kinder haben anscheinend keine Lobby, da werden die Preise ohne Diskussion einfach erhöht.“
Für die dreifache Mutter ist es auch nicht nachvollziehbar, dass es keine Alternativen zum Jugendticket gibt. So kann sie sich zum Beispiel ein Kurzstrecken-Abo vorstellen. Denn die nun erneute Preiserhöhung könnten sich nicht alle leisten. So habe sie von anderen Müttern erfahren, dass diese teilweise die Abos kündigen wollen. Dabei „wird bei Ausflügen oder auch auf dem Weg zum Schulunterricht vorausgesetzt, dass jedes Kind ein Abo hat“. So werde das Ziel, die Kinder bereits in jungen Jahren an die öffentlichen Verkehrsmittel heranzuführen, aus Sicht von Dorothee H. auf Dauer deutlich verfehlt.
Nicht jeder kann das bezahlen. Manche Mütter kündigen das Abo ihrer Kinder.
Dorothee H. Dreifache Mutter aus Stuttgart
„Es war eine politische Entscheidung“, erklärt Niklas Hetfleisch. Dem Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) seien dabei die Hände gebunden. Das habe auch nichts mit einer bewussten Tariferhöhung zu tun, betont der Pressesprecher. Bis Ende Februar 2023 galten die sogenannten Scool-Abos. Dabei handelte es sich um eine im gesamten VVS-Gebiet gültige Fahrkarte zum Preis von 42,15 Euro pro Monat – der August war kostenfrei. Die Landeshauptstadt Stuttgart bezuschusste das Ticket, so dass die Kosten bei 365 Euro im Jahr pro Schüler lagen.
Abgelöst wurde dieses dann zum 1. März 2023 durch das landesweite JugendTicketBW im Zuge der Einführung des Deutschland-Tickets. Seit 1. Dezember 2023 wurde es zum heute gültigen Namen umfirmiert. Die Kosten blieben zunächst stabil. Analog zu den Preissteigerungen des Deutschland-Tickets wurden die Tarife zum 1. Januar 2025 auf 39,42 Euro angehoben, ab 2026 erfolgt dann der nächste Schritt auf 45 Euro pro Monat.
Kommunen fehlt das Geld für einen Zuschuss
Aufgrund der politische Gemengelage sind derzeit bei dem VVS keine Überlegungen im Gange, andere – möglicherweise günstigere – Tarife für Schüler anzubieten. So habe es auch in früheren Zeiten zum Beispiel keine Kurzstrecken-Abos gegeben, betont Hetfleisch. Auch eine Bezuschussung lasse laut dem VVS-Pressesprecher „die angespannte Lage der öffentlichen Haushalte leider nicht mehr zu“. Vielmehr seien die höheren Ticketpreise notwendig, um die gestiegenen Kosten im Nahverkehr auszugleichen.
Doch genau einen solchen Zuschuss fordert die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Baden-Württemberg für Auszubildende. In einem Appell fordert sie von der Landesregierung die Unterstützung für die rund 16400 Lehrlinge in Stuttgart und der Region. Nach dem Vorbild von Niedersachsen soll auch Baden-Württemberg 25 Prozent der Kosten übernehmen. Voraussetzung ist aber, dass sich auch der Arbeitgeber mit einem Viertel beteiligt – das wären laut NGG nicht einmal 16 Euro. Und auch die Fraktion Die Linke/SÖS/Plus im Stuttgarter Gemeinderat hatte sich im Rahmen der Beratungen für den Doppelhaushalt für einen Zuschuss zum Deutschlandticket für städtische Mitarbeiter eingesetzt – an die Eltern und Schüler denkt aber offensichtlich bislang niemand.