- Der Facharzt und Stiftungsrat der Kinderkrebsforschung Schweiz, Felix Niggli, erklärt, dass Krebs schwer heilbar ist, weil Tumore unterschiedlich sind und sich ständig verändern.
- Kinder würden an speziellen Krebsarten erkranken, die aus unreifen Zellen entstehen und oft schon in der frühen Entwicklung angelegt sind.
- Dank moderner Therapien seien laut Niggli viele Krebserkrankungen heilbar, doch eine vollständige Heilung wird wohl nie möglich sein.
Felix Niggli, wieso konnte Krebs immer noch nicht geheilt werden?
Jeder Tumor ist einzigartig und es gibt nicht die «eine» Therapie. Krebszellen sind schlau und verändern ihre Eigenschaften. Einige Zellen überleben und werden resistent. Andere Zellen können sich vor der Therapie verstecken und können so überleben.
Kinder erkranken an anderen Krebsformen als Erwachsene. Dazu vermehren sich diese Tumore enorm schnell. Woran liegt das?
Kinder haben oft Tumore aus unreifem Gewebe, welches aus der Organentwicklung von ungeborenen Kindern stammt. Bei Erwachsenen entstehen viele Krebsarten durch langjährige Schädigungen der DNA – etwa durch Rauchen, UV-Strahlung, Alkohol, Umweltgifte oder ungesunden Lebensstil. Bei Kindern entstehen Tumore meist durch Fehler in der frühen Entwicklung – wahrscheinlich oft schon während der Embryonal- oder Fetalzeit. Angeborene oder zufällige genetische Veränderungen, sogenannte Mutationen, können in bestimmten Zelltypen der frühen Entwicklung auftreten, die dann zu einer Fehlsteuerung führen. Solche fehlgesteuerten Zellen haben dann oft die Fähigkeit zu schnellem Wachstum.
«Krebs ist keine einzelne Krankheit, sondern es gibt über hundert teils nur leicht unterschiedliche Krankheiten mit sehr unterschiedlichen Ursachen, die schlussendlich individuelle Therapien benötigen», erklärt Niggli. (Symbolbild)Jörn Hüneke/dpa
Wieso gibt es einige Krebsarten, an denen nur Kinder erkranken?
Manche Krebsarten entstehen aus Zelltypen, die nur im Embryo oder in den ersten Lebensjahren vorkommen. Diese Zellen nennt man embryonale oder unreife Zellen. Normalerweise entwickeln sie sich weiter zu «reifen» Körperzellen und verschwinden. Wenn bei dieser Entwicklung etwas schiefläuft, bleiben sie in einem unreifen, wachstumsaktiven Zustand und können sich zu einem Tumor entwickeln.
1972 starben noch mehr als 40 Prozent aller Kinder an einer Krebserkrankung. Heute sind 80 Prozent heilbar – wird Krebs jemals zu 100 Prozent heilbar sein?
In der Tat sind durch Verbesserung der Chemotherapie, Chirurgie, Strahlentherapie, der modernen Diagnostik und kinderonkologischer Forschung – welche es auch in zunehmendem Masse erlauben, zielgerichtete Therapie durchzuführen – die Heilungschancen bei kindlichen Krebserkrankungen deutlich gestiegen. Dennoch wird wahrscheinlich Krebs nie in 100 Prozent der Fälle heilbar sein. Krebs ist keine einzelne Krankheit, sondern es gibt über hundert teils nur leicht unterschiedliche Krankheiten mit sehr unterschiedlichen Ursachen, die schlussendlich individuelle Therapien benötigen, um erfolgreich bekämpft werden zu können. Zudem sind manche Tumore extrem anpassungsfähig, sie verändern ihr Erbgut und werden gegen Medikamente resistent.
Bei den Familien, die 20 Minuten besucht hat, sind die Kinder an Leukämie und Knochenkrebs erkrankt. Wie ist hier der Stand der Forschung?
In der Leukämiebehandlung wird heutzutage mit genetischen und molekularen Tests sehr genau bestimmt, welche Unterform der Leukämie vorliegt und wie aggressiv sie ist. Zudem kann man im Labor überprüfen, welche Therapien am besten wirken könnten. Seit einigen Jahren werden auch Immuntherapien bei Leukämien eingesetzt, um die Leukämiezellen zu bekämpfen. Auch bei Knochenkrebs untersuchen die Forscher spezifische genetische Marker und molekulare Signaturen, um die Biologie des Knochenkrebses besser zu verstehen und gezieltere Therapien zu entwickeln. Leider sind aber die Heilungschancen noch nicht ganz so gut wie bei der Leukämie.
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Melissa Greiter (mgr) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten. Sie ist seit Februar 2025 Redaktorin im Ressort News, Wirtschaft und Videoreportagen.
