Auch wenn derzeit wieder heftig über eine erneute Gebühr für Patienten debattiert wird – ganz neu ist die Forderung nicht. Zuletzt hatte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Gassen, gegenüber der Bild-Zeitung eine Kontaktgebühr in Höhe von drei bis vier Euro (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt) gefordert.
Bereits im Herbst hatte zudem die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) eine sogenannte „steuernde Kontaktgebühr“ ins Spiel gebracht. Es sei ein Fehler gewesen, die Praxisgebühr von zehn Euro komplett abzuschaffen, die Kassenpatienten von 2004 bis 2012 einmal im Vierteljahr zahlen mussten, erklärt der Arbeitgeber-Dachverband. Auch von den Kassenärztlichen Vereinigungen und der Krankenhausgesellschaft kommt verstärkt die Forderung nach mehr Eigenbeteiligung der Patienten. Es gibt dabei unterschiedliche Schwerpunkte in der Argumentation.
Patientensteuerung über den Geldbeutel
Ein Ziel bei der Forderung nach einer Selbstbeteiligung ist es, Patienten besser durchs Gesundheitssystem zu steuern. Peter Heinz, stellvertretender Vorstandschef der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), ist überzeugt, dass Patientinnen und Patienten oft nicht ausreichend darüber nachdenken, ob sie wirklich eine Arztpraxis oder Notaufnahme aufsuchen müssen.
Heinz beklagt, es gebe zu wenig Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung und ergänzt: „Eine Erziehung gelingt in Deutschland leider hauptsächlich über das Portemonnaie.“ Deshalb fordert der KVB-Vorstand: Wenn Patienten bei einer Ersteinschätzung über das zentrale Portal der Kassenärztlichen Vereinigungen die Auskunft bekommen, dass eine Behandlung nicht dringlich ist, und sie trotzdem in eine Notaufnahme gehen, sollten sie zahlen müssen. Auf eine konkrete Summe legt Heinz sich nicht fest.
Auch wenn offensichtlich ist, dass ein Besuch in der Arztpraxis nicht wirklich notwendig ist, wünscht sich der KVB-Vorstand eine Eigenbeteiligung. Er erlebe in seiner Augenarztpraxis in Unterfranken immer wieder das gleiche, sagt Heinz: Patienten haben Beschwerden, die wieder abklingen. Dennoch gehen sie später zum Arzt, um abklären zu lassen, was möglicherweise hinter den Beschwerden steckte. Auch hier gehe es um Eigenverantwortung, sagt der KVB-Vorstand: „Zu überlegen, ist der Arztbesuch wirklich notwendig?“
Zentrale Rolle für Medizin-Plattformen
Die offizielle Ersteinschätzungs-Plattform, die per Telefon unter der Nummer 116 117 oder auch online (externer Link) erreichbar ist, soll nach den Plänen der Bundesregierung in nächster Zeit eine wichtigere Rolle bekommen. In Bayern hat die Kassenärztliche Vereinigung mit der Plattform „DocOnline“ darüber hinaus ein zusätzliches Angebot geschaffen, über das Patienten eine digitale Ersteinschätzung und gegebenenfalls eine Online-Sprechstunde erhalten können.
Höhe der Kontaktgebühr noch unklar
Der Vorstandschef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, hat genauere Vorstellungen, wie viel fällig werden könnte, wenn Patienten in eine Notaufnahme gehen, ohne dass sie vorher eine entsprechende Empfehlung eingeholt haben: 30 bis 40 Euro nannte Gaß in Interviews als Zahl.
Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, nennt in Interviews „drei bis vier Euro“ als denkbaren Betrag, den Patienten bei Besuchen in Arztpraxen zahlen könnten.
Abgrenzung von alter Praxisgebühr
Vertreter von Ärzteverbänden, die mehr Eigenbeteiligung von Patienten fordern, betonen: Es gehe nicht darum, die Gebühr von zehn Euro je Quartal wieder einzuführen, die Kassenpatienten von 2004 bis 2012 zahlen mussten. Ärzteorganisationen kritisierten die damalige Gebühr als bürokratisch und ineffizient. Als die Praxisgebühr vor mehr als 20 Jahren eingeführt wurde, lief die Dokumentation über Bestätigungen auf Papier. Praxen mussten beträchtliche Bargeld-Bestände verwalten und an die Krankenkassen weiterleiten.
Alte Praxisgebühr hatte unterschiedliche Effekte
Welche Effekte finanzielle Eigenbeteiligungen bei einer Patientensteuerung haben, ist nicht eindeutig. Datenauswertungen zur Praxisgebühr, die von 2004 bis 2012 fällig wurde, zeigen, dass Patienten zunächst seltener zum Arzt gingen. Vor allem Facharztpraxen wurden weniger häufig aufgesucht, stellte das Zentralinstitut kassenärztliche Versorgung fest (externer Link). Dieser Effekt habe sich über die Jahre hinweg allerdings immer stärker abgeschwächt.
Eine Untersuchung von Fachleuten des wissenschaftlichen Helmholtz-Zentrums in München gab Hinweise darauf, dass nach Einführung der Praxisgebühr vor allem Menschen mit geringem Einkommen seltener zum Arzt gingen (externer Link).
Kommission erarbeitet Empfehlungen
Vorschläge zur Frage, wie sich Patienten besser durchs Gesundheitswesen steuern lassen, erarbeitet derzeit eine Experten-Kommission. Sie soll ihre Ideen im Frühjahr vorlegen. Ob auch höhere finanzielle Eigenbeteiligungen der Patienten eine Rolle spielen, ist offen.