Kiel. Felix Pätzold ist derzeit nicht nur ein viel-, sondern ein extrem beschäftigter Mann. Am 2. Januar dirigiert Kiels neuer Stellvertretender Generalmusikdirektor das ausverkaufte Neujahrskonzert der Kieler Philharmoniker im Opernhaus.
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Er leitet dort weitere Abende mit Puccinis „Il Trittico” und bereitet auch die Neuproduktionen von Verdis „Macht des Schicksals“ und Mozarts „Idomeneo“ vor. Und er ist am Flügel und als Sidekick in „The Big Sabrowski“ aktiv – in Nachfolge von Benjamin Reiners als inspirierter Partner vom herrlich ironisch über sich und das Showbusiness hinauswachsenden Kammersänger „Jörg“.
Rückkehr eines Rostockers an die Ostsee: Kiels Erster Kapellmeister Felix Pätzold
In Rostock am 23. Dezember 1986 geboren und dort auch aufgewachsen, hat Felix Pätzold die Wende naturgemäß nicht bewusst miterlebt. Aber er habe später sehr wohl gewisse Unterschiede registriert, als er dann Engagements in den alten Bundesländern antrat.
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Zur Musik sei er gekommen, weil sie in seiner Familie nicht professionell, aber doch als Selbstverständlichkeit gepflegt wurde. Als Sohn eines Kulturredakteurs lagen Besuche im Theater schon als Kind nahe. „Und meine Mutter, Lehrerin für Deutsch und Englisch, hat sehr gut Klavier gespielt.“
Neben der Schwester und dem älteren Bruder (mit Violine, die ihn sehr ansprach …), habe er mit Cello angefangen. „Weil ich in meinem Kinderlexikon gesehen hatte, dass man da immer sitzen darf“, sagt er lachend. Mit acht Jahren entdeckte er dann zusätzlich das Klavier für sich. Und später das Komponieren.
Früh für die Oper begeistert: Dirigent Felix Pätzold
Felix Pätzold: „Sehr bald habe ich mich wahnsinnig viel mit Musik beschäftigt, klassische Musik gehört, für die Oper begeistert, sogar Musiktheorie-Bücher verschlungen, wenn andere Abenteuerromane gelesen haben.“ Zentrales Erweckungserlebnis: ein Doppelalbum mit Maria Callas, vom Vater aus der Drogerie mitgebracht. Und die erste Live-Oper im Theater Rostock: „Meister und Margarita“ von York Höller nach Bulgakow. „Ich habe nichts verstanden, war aber überwältigt von der Kunstform …“
Erstmal will ich diesen Bogen erfassen, mit kühler Strenge, wo sie hingehört, und dann großer Emotionalität, wo sie angemessen ist.
Felix Pätzold
Erster Kapellmeister
Über das Kompositionsstudium und die zunehmende Arbeit mit Sängerinnen und Sängern, auch unabhängig von der Leipziger Felix-Mendelssohn-Musikhochschule, sei der Weg dann vorgezeichnet gewesen. In Hamburg stand er in Projekten mit Opernregiestudenten erstmals im Orchestergraben. Die dortige Leiterin Anna Skryleva, heute Generalmusikdirektorin in Magdeburg, lockte ihn als Korrepetitor nach Flensburg, als sie als Kapellmeisterin am Landestheater Akzente setzte.
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„Dann bin ich nach zweieinhalb Jahren ans Oldenburgische Staatstheater gegangen und konnte da in sieben Jahren alles mitnehmen, was handwerklich wichtig in der Oper ist. Dort habe ich auch viel dirigieren dürfen, in verschiedenen Genres.“ Die Zusammenarbeit mit Stimmen empfand und empfindet er als zentral wichtig. Mehr Verantwortung brachte dann die Kapellmeister-Position in Koblenz. „Eine tolle Zeit“, sagt Pätzold, „aber ich bin mit dem Rheinland nie so richtig warm geworden als Norddeutscher …“
Plötzlich winkte aus Kiel die Chance, an die Ostsee zurückzukehren. Und obwohl er selber mit seinen Vordirigaten „eines wahnsinnig anspruchsvollen Programms“ (mit Strawinskys „Petruschka“, Beethovens Fünfter und dem wuseligen zweiten Akt der „Bohème“) gar nicht so zufrieden war, hat es nach einer „Don Pasquale“-Vorstellung in Kiel geklappt. Pätzold: „Die Musizierlust und Leistungsfähigkeit des Orchesters hat mich enorm erfreut hier.“
Pätzold dirigiert das Kieler Neujahrskonzert mit Beethovens Neunter Symphonie
Als ihn dann Ende August buchstäblich im Umzugswagen die Nachricht vom Tod des GMD Gabriel Feltz ereilte, „ist über allen das ganze Gebäude zusammengestürzt.“ Jetzt muss Pätzold auch Beethovens Neunte Symphonie dirigieren. Er will stilistisch da nicht das Rad neu erfinden, sondern eine „anständige“ Interpretation abliefern – „auch wenn ich mich an sich sehr für historische Aufführungspraxis, ihre frischen Tempi, Kontraste und Phrasierungsgesten interessiere.“ Aber das könne warten bis zum „Idomeneo“ am Saisonende.
Ihn fasziniere, wie Beethoven in den ersten beiden Sätzen eine nahezu lebensfeindliche Welt beschwöre, dann im dritten die tiefe Sehnsucht nach Melodie, Frieden und Ruhe. Und wie er schließlich die „Alle-Menschen-werden-Brüder”-Utopie aufzeigt. „Erstmal will ich diesen Bogen erfassen, mit kühler Strenge, wo sie hingehört, und dann großer Emotionalität, wo sie angemessen ist.“
Sich selbst beschreibt Felix Pätzold als „Theatermensch“ pur, der das Wirken im Orchestergraben dem Konzertsaal vorzieht. Vom Barock à la Händel über Mozart bis zu Verdi und Puccini („Turandot“) oder Strauss („Ariadne“ etwa) reizt ihn Vieles.
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Auch in Sachen Wagner sieht er in Kiel beste Aussichten durch den „Tannhäuser“ in der kommenden Saison oder das Nachdirigat vom „Loriot-Ring“ schon bald. „Ich hatte in Oldenburg das große, unverhoffte Glück, ganz am Ende meiner Zeit dort noch eine ‚Ring‘-Produktion begleiten und eine Generalprobe der ‚Götterdämmerung‘ leiten zu können.“
KN