Emmanuel Carrère zählt nach eigener Einschätzung zu den wenigen Menschen in Frankreich, die den Präsidenten der Republik nicht hassen. Emmanuel Macron zu hassen, schrieb der Schriftsteller und Journalist in einem im vergangenen Sommer im „Guardian“ veröffentlichten Text, sei in seinem Land zu einem Nationalsport geworden. Die Auflösung der Nationalversammlung im Sommer 2023 habe ihn befeuert, einerseits, weil sie Frankreich noch schwerer zu regieren gemacht habe, als es das sowieso immer war. Andererseits ist die enorme Unbeliebtheit Macrons damit allein nicht zu erklären. Zuletzt zeigten sich einer Umfrage zufolge nur noch elf Prozent der Franzosen mit seiner Arbeit zufrieden – weniger Zustimmung bekam nicht einmal François Hollande.
Macrons eklatanter Mangel an Empathie
Für seine Unbeliebtheit, sagt Carrère deswegen dieser Tage in Paris, sei Macrons eklatantes Unverständnis für die allzu menschlichen Schwächen mitverantwortlich. „Ihm fehlt ein Feld auf dem Schachbrett.“ Ebenso wie der frühere Präsident Valéry Giscard d’Estaing sei Macron „brillant“ und von einem noblen Ehrgeiz beseelt – aber auch ebenso ungeduldig mit den weniger Begabten, den weniger Glücklichen, mit Leuten, denen er, wie er es bei jenem arbeitslosen Gärtner im Jahr 2018 tatsächlich tat, zurufen möchte, dass jeder einen neuen Job finden könne, sobald er die Straße überquert. Ein fataler Satz sei das gewesen, sagt Carrère. Ein Satz, der Dynamik versprühen sollte, aber einen eklatanten Mangel an Empathie zum Ausdruck brachte. „Und irgendwann hassen die Leute einen dann.“
Dass Carrère sich selbst zu Letzteren nicht zählt, liegt vielleicht daran, dass er beide Seiten sehr gut kennt. Die Welt der Privilegien, in die er als Sohn der Historikerin Hélène Carrère d’Encausse hineingeboren wurde – seine Mutter war mehr als zwanzig Jahre lang ständiger Sekretär der Académie française mit Dienstwohnung am Quai de Conti (die weibliche Form ihrer Amtsbezeichnung lehnte sie stets ab). Ebenso vertraut aber ist ihm das Sofa seines Psychoanalytikers, den er, auch wegen seiner Depression (über die er in „Yoga“ schrieb) jahrelang besuchte.
„Kolkhoze“ zählt zu den am meisten gelesenen Büchern des Jahres
Dass es einige Jahre zu viel gewesen sein könnten, deutet Carrère in seinem jüngsten Buch an. „Kolkhoze“ (Éditions P.O.L., 558 S., 14,– €) ist in Frankreich mit der großen Neugier erwartet worden, die längst allen Büchern von Emmanuel Carrère zuteilwird. Es bringt die (geo-)politische Gegenwart mit seiner Familiengeschichte in dieser sehr eigenen Mischung aus Autobiographie, Reportage und Essay zusammen, die Carrères Schreiben ausmacht.
Vielleicht mute es kurios an, liest man dort zu Beginn, in Zeiten wie diesen, in denen sich nicht nur in Frankreich ein Fatalismus sondergleichen breitmache, in denen die westliche Lebens- und Denkweise bedroht sei wie nie zuvor, über die eigene kleine Familie zu schreiben. Aber Carrère war nicht der Einzige in der vergangenen rentrée, der schreibend den Rückzug ins Private antrat (man denke an die mit dem Goncourt-Preis ausgezeichnete Familiensaga von Laurent Mauvignier). Er traf auch den Nerv des Publikums. „Kolkhoze“ zählt zu den meistgelesenen Büchern dieses Jahres.
Hélène Carrère d’Encausse: französischer als die FranzosenPicture Alliance
Das Buch beginnt als Familiengeschichte, geschrieben unter dem Eindruck des Todes von Hélène Carrère d’Encausse, die im August 2023 im Alter von 93 Jahren starb. Carrère-Leser erinnern sich daran, dass der Autor schon einmal über seine Mutter schrieb. In seinem 2007 erschienenen „Un roman russe“ (Ein russischer Roman) gab er ein Geheimnis preis, das seine Mutter jahrzehntelang vor der Öffentlichkeit, aber auch vor ihrer Familie streng verborgen hatte. Ausdrücklich und weil sie wohl schon ahnte, was ihr bevorstand, hatte sie ihren Sohn vor dem Erscheinen seines Buches um Diskretion gebeten. Er aber enthüllte trotzdem, dass sein Großvater, ihr Vater, nach der Befreiung Frankreichs von den Nationalsozialisten als deren Kollaborateur hingerichtet worden war. Und er schrieb darüber in der Art, die seine ist – direkt, das Intimste nach außen kehrend, ohne jede Rücksicht auf Verluste. Die Mutter sprach danach zwei Jahre lang kein Wort mit ihrem Sohn.
Nun aber steht sie wieder im Mittelpunkt, und siehe da: Er ist milde geworden, altersmilde, das Wort gefällt ihm auch auf Deutsch. Er zeichnet sie als eine optimistische Frau, die als Kind einer 1917 heimatlos gewordenen georgisch-russischen Familie von dem Ehrgeiz getrieben war, in Frankreich um jeden Preis dazuzugehören. Was ihr gelang. Als auf die UdSSR und Russland spezialisierte Historikerin hat sie sich über die Jahre einen tadellosen Ruf erarbeitet. Sie galt als Koryphäe auf ihrem Gebiet. Ihr Renommee hielt unangefochten bis zum Frühjahr 2022, als russische Truppen in die Ukraine einmarschierten. Noch eine Woche vor diesem Angriff Russlands hatte Hélène Carrère d’Encausse im französischen Fernsehen den Präsidenten Putin als einen zwar brutalen, aber rationalen Politiker bezeichnet, der einen solchen Irrsinn nicht wagen würde. Als es doch so kam, geriet sie, die Unerschütterliche, zumindest für ein paar Tage ins Wanken, wie ihr Sohn rückblickend erzählt.
Ein Zimmer am Ende des Flurs für den Ehemann
Die große Welle an Aufmerksamkeit, die sein Buch auslöste, ist mittlerweile verebbt, seine Tage sind ruhiger geworden, er sitzt jetzt entspannt vor der Limonade in der Brasserie im Marais, die er als Treffpunkt vorgeschlagen hat. Er bedauert, seine Mutter damals nicht etwas kritischer befragt zu haben. „Ihr Respekt zu zollen, hätte eigentlich erfordert, sie in dieser Sache härter anzupacken.“ Doch wie in dieser Mutter-Sohn-Beziehung üblich, ging er der direkten Auseinandersetzung aus dem Weg.
In anderer Hinsicht ist er auch jetzt wieder schonungsloser. Er verschweigt nicht, dass sie eine exzellente Lügnerin war; dass sie im Kreis der Familie immer wieder Anekdoten aus jungen Jahren erzählte, von denen er bis heute nicht weiß, ob sie echt oder erfunden waren; auch dass sie mit ihrem Mann, Louis Carrère d’Encausse, eine Ehe führte, in der sie ihm, wörtlich wie sinnbildlich, lediglich ein kleines Zimmer am Ende des Flurs zugestand, lässt er nicht unerwähnt.
Hundert Jahre, vier Generationen
Zu den traurigsten Szenen des Buches gehört sicher jene, in der Emmanuel Carrère den Abschied seiner Eltern voneinander beschreibt: die krebskranke Hélène Carrère d’Encausse, die sich, wohl wissend, dass sie nicht mehr genesen wird, von ihrem gebrechlichen Mann nach siebzig Jahren Ehe mit den Worten verabschiedet, sie fahre jetzt auf einen Kongress und werde bald zurück sein. Ob sie einander noch einmal berührt haben, wenigstens ein Händedruck, kann der im Vorzimmer wartende Sohn nicht erkennen. Die Psychoanalyse, erinnert sich Emmanuel Carrère jetzt, gehe ja davon aus, dass manche Ehen so lange hielten, weil in ihnen doch letztlich jeder auf seine Kosten komme. „Aber das war schon eine seltsame Rechnung.“
Auch deswegen war es ihm wichtig, dem Vater in seinem Buch eine gewisse Autonomie zuzugestehen, was insofern ein Leichtes war, als dieser Vater die Zeit in seinem Kämmerlein am Ende des Flurs hauptsächlich mit Ahnenforschung verbracht hat, auf die sich Emmanuel Carrère über weite Teile seines Buches stützt. All die Fotos, Postkarten, Korrespondenzen, fein säuberlich geordneten Recherchen über die Familien Komarovsky und Panine, über georgische Intellektuelle, russische Prinzen und die ganze gefallene osteuropäische Hautevolee, die in „majestätischer Armut“ in Frankreich Zuflucht fand, dienen dem Schriftsteller nun als Grundlage für seine Familiengeschichte. Er durchstreift gut hundert Jahre und vier Generationen. Viel Raum gibt er der Zeit nach 1948, als seine jung verlobten Eltern von Bordeaux nach Paris umzogen, wo er selbst zur Welt kam. Mühelos wechselt er vom Anekdotischen ins Allgemeine, denn seine Eltern erleben, bei aller Einzigartigkeit, die ihre (wie jede andere) Familie ausmacht, einen Aufstieg, der für Frankreich in den Trente Glorieuses doch typisch war.
Buchcover von „Kolkhoze“Edition P.O.L.
Ebenso routiniert wechselt er von den Tiefenbohrungen in seine Sippe (seine Lieblingsformulierung in diesem Zusammenhang lautet „au fond“, also „im Grunde“) zurück in die Vogelperspektive, die es braucht, um sein Memoir zum historischen Panorama zu weiten. Beide Stränge kreuzen sich in der jüngeren Vergangenheit. Als der Krieg in der Ukraine begann, befand sich Carrère zufällig gerade in Moskau. Und er blieb dort, obwohl seine Freunde ihn drängten, den Flug nach Dubai zu nehmen, den sie ihm mit Mühe noch organisiert hatten, nachdem die Verbindungen in westliche Städte eine nach der anderen annulliert worden waren. Er aber schlüpfte lieber in die Rolle des Journalisten. Er traf Freunde und Weggefährten, seine russische Verlegerin Macha etwa, die nach einem Anti-Kriegs-Post einen Gutteil ihrer Facebook-Freunden verlor und überlegte, in ihr Dorf nahe Wladiwostok zurückzukehren, weil man sich da gut verstecken könne.
Oder den Radiojournalisten George, der sich in perfekter Übereinstimmung mit der russischen Propaganda davon überzeugt zeigte, Putin habe keine andere Wahl gehabt, als diesen Krieg anzuzetteln, da andernfalls der CIA einen Krieg auf russischem Boden begonnen hätte. Der georgische Kriegsreporter Guivi fasste für Emmanuel Carrère die Erfahrungswelt eines Angehörigen der russischen Boomer-Generation zusammen – aufgewachsen in der Sowjetunion, das Ende der Eiszeit mit Gorbatschow, die verrückten Jahre unter Jelzin, und jetzt? „Was habt ihr in dieser Zeit erlebt, meine armen Kleinen? Die Wahl von Mitterrand? Ich habe Angst vor Le Pen, oh là là!“ Die Lage ist zum Heulen, und manche von Carrères Gesprächspartnern brechen wirklich in Tränen aus, aber zwischen der Drastik des grundstürzenden Krieges und der Komik einer anfänglich als surreal empfundenen Situation liegen bei ihm häufig nur wenige Sätze.
Es sei für ihn, abgesehen von der Länge des Textes, kein Unterschied, ob er ein Buch oder einen Artikel schreibe, meint Emmanuel Carrère. „Ich ordne die Sätze auf die gleiche Weise, ich strebe nach der gleichen Komplexität und Klarheit.“ Nichtsdestotrotz habe er lange nach einer Tür gesucht, durch die er gehen konnte, um den Krieg jenseits der Reportagen, die er für französische Zeitschriften schrieb, auch in Form eines Buches zu fassen zu kriegen. „Dieser Krieg berührt mich über seine große objektive Bedeutung hinaus, weil er im Grunde genommen („au fond“) etwas an dem Bild Russlands verändert, das aus familiären Gründen ein Teil meines emotionalen Rückgrats ist.“ Für jedermann stellt dieser Krieg eine Weltordnung infrage. Für Carrère darüber hinaus uralte, mit der Muttermilch aufgesogene Gewissheiten. Die Tür zu seinem Buch öffnete sich daher paradoxerweise mit dem Tod seiner Mutter. „Sie starb, und die beiden Ereignisse überschnitten sich.“
Sie starb und wurde mit einer Zeremonie im Hof des Invalidendoms geehrt, bei der das Orchester der Republikanischen Garde Tschaikowski spielte – und Emmanuel Macron hielt eine Rede. Er sprach von Hélène Carrère d’Encausse als einem Kind armer Emigranten, das im Alter von fünf Jahren Französisch gelernt hatte und auf dem Académie-Sessel von Corneille und Victor Hugo zur Verkörperung der französischen Republik und ihrer Sprache geworden sei. Aber wichtiger als das, was er sagte, war wohl etwas, das er verschwieg. Denn ihren Vater, den Kollaborateur, und das Buch über ihn, das Emmanuel Carrère seiner Mutter zugemutet hatte: das erwähnte Emmanuel Macron mit keinem Wort.