Beschimpfungen, Bedrohungen, körperliche Angriffe: Immer mehr Beschäftigte in Krankenhäusern erleben Übergriffe im Arbeitsalltag. Fast jede zweite Klinikleitung (43 Prozent) hat im vergangenen Jahr bundesweit Strafanzeige erstattet, weil Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Opfer von Übergriffen wurden. Das zeigt das neue DKI-Krankenhausbarometer 2025.
„Gewalt darf nicht diejenigen treffen, die anderen Menschen helfen“, sagte Ingo Morell, Präsident der Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW), am Montag. Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte sowie Rettungskräfte seien zunehmend psychischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt – diese Entwicklung sei „nicht hinnehmbar“, so Morell. Im vergangenen Jahr haben 65 Prozent der Krankenhäuser Hausverweise oder Hausverbote gegenüber den Tätern ausgesprochen.
Kliniken sind wirtschaftlich am Limit
Immer mehr Krankenhäuser investieren zusätzliches Geld in Präventionsprogramme, Sicherheitstechnik oder sogar Wachpersonal. Doch diese Maßnahmen belasten die Kliniken finanziell – in einer Zeit, in der viele ohnehin ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Zwei Drittel der Krankenhäuser haben 2024 in Deutschland Verluste gemacht, für 2025 rechnen sogar 70 Prozent mit roten Zahlen.

„Wir fahren die Daseinsvorsorge auf Verschleiß“, warnte Morell. Die finanziellen Reserven seien vielerorts aufgebraucht. Gleichzeitig wachse der Druck auf die Beschäftigten durch Personalmangel, hohe Arbeitsbelastung und eben auch durch zunehmende Gewalt von Patienten oder Angehörigen.
Morell forderte deshalb: Gewalttätige Übergriffe auf Klinikpersonal müssten konsequent verfolgt und härter bestraft werden. Zudem brauche es eigene Fördermittel für Gewaltprävention. „Der Schutz der Beschäftigten darf nicht von der wirtschaftlichen Lage der Kliniken abhängen“, so der KGNW-Präsident.
Bodycams als Reaktion auf zunehmende Gewalt
Wie akut die Lage in den Kliniken ist, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Dortmund: Das Klinikum Dortmund testet ab Januar den Einsatz von Bodycams in der Notaufnahme. Hintergrund ist ein deutlicher Anstieg von Gewalttaten und Angriffen auf das Personal – insbesondere in der Notfallversorgung.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) verurteilt Übergriffe auf Klinikpersonal. „Es ist unbegreiflich und unerträglich, dass Beschäftigte im Gesundheitsbereich während ihres Dienstes an der Allgemeinheit beleidigt, angepöbelt oder sogar angegriffen werden“, sagte Laumann dieser Redaktion. Ein solches Verhalten sei „völlig inakzeptabel“. Das Land habe deshalb gemeinsam mit Akteuren des Gesundheitswesens einen Beschluss verabschiedet und eine Kampagne gestartet, um auf das Problem aufmerksam zu machen und Solidarität mit den Beschäftigten zu zeigen.

Den Einsatz von Bodycams lehnt das NRW-Gesundheitsministerium nicht ab. Sie könnten grundsätzlich ein Mittel zur Gewaltprävention sein. Gleichzeitig sei ein Krankenhaus ist ein besonders sensibler Ort. Datenschutz, Persönlichkeitsrechte und die konkrete Nutzung spielten eine zentrale Rolle. „Die Entscheidung darüber liegt in der Verantwortung der Krankenhäuser, die hierfür klare Regelungen und transparente Konzepte erarbeiten müssen“, heißt es aus dem Ministerium.
Bund plant schärferes Strafrecht
Die Bundesregierung nimmt das Thema ebenfalls in den Blick. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) plant ein neues Gesetz zum besseren Schutz von Ärztinnen, Ärzten und anderem medizinischem Personal. Tätliche Angriffe auf Beschäftigte im Gesundheitswesen sollen künftig ebenso hart bestraft werden wie Angriffe auf Polizisten sowie Einsatz- und Rettungskräfte. Bislang greifen besondere Strafvorschriften nur bei Einsätzen im Notdienst oder in Notaufnahmen.